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Technik-Kommentar : Die Computer kommen

Mit dem Blick in die Zukunft: Die Zahlen „4.0“ stehen 2015 bei der Hannover Messe am Stand einer Firma. Bild: dpa

Der Begriff Industrie 4.0 ist wenige Jahre alt. Was er wirklich bedeutet, zeigt sich erst jetzt – und durchdringt nach und nach alle Teile der Gesellschaft.

          Als vor einigen Wochen für einen großen Überseehafen die öffentliche Beleuchtung ausgeschrieben wurde, bewarben sich um den knapp 10 Millionen Euro großen Auftrag die üblichen Leuchtenhersteller, vier an der Zahl. Erstmals kam ein fünftes Angebot. Das amerikanische Unternehmen Cisco bot für null Euro an. Der Netzwerkausrüster war bereit, der Kommune die Beleuchtung zu schenken – gegen die Nutzung aller Daten aus der Beleuchtung.

          Heute spenden Leuchten nicht nur Licht, sondern erfassen über Sensoren Daten, haben einen Bewegungsmelder, erkennen Veränderungen der Lichtverhältnisse und sind im Extremfall auch mit Kameras ausgestattet, die Menschen und Lastwagen bis hin zu jedem einzelnen Container erkennen, der den Hafen verlässt oder erreicht. An diesen Daten war Cisco interessiert, Leuchten stellt das Unternehmen gar nicht her.

          Ein zweites Beispiel: Auschecken aus einem Hotel. Das Zimmer war vorher schon bezahlt. Der Gast übergibt die Zimmerkarte und sagt, dass er noch ein Bier zu zahlen wünsche, das er der Minibar am Vorabend entnommen habe. „Ja, das sehe ich“, antwortet die Dame hinter dem Tresen. Zwar war noch kein Zimmerservice unterwegs, aber alle Minibars des Hauses sind mit Sensoren ausgestattet, die jede Entnahme registrieren und an die Rezeption weitergeben. Drittes Beispiel: in diesem Jahr erstmals alle Weihnachtsgeschenke im Internet besorgt, ohne ein stationäres Geschäft betreten zu haben.

          Deutschland hängt an seinem Bargeld

          Die Reihe der Beispiele könnte endlos fortgesetzt werden. Der aus China zurückgekehrte Kollege ist überrascht über die Frage, wie es mit dem Bargeld funktioniert habe. Er brauchte kein Bargeld, dort bezahle man alles über die App von Alipay, sagt er. Ganz so weit ist es in Deutschland noch nicht, aber an der Supermarktkasse bezahlen immer mehr Kunden mit Karten statt mit Bargeld. Messegesellschaften rüsten ihre Messegelände digital auf, weil die Aussteller künftig auf Großbildleinwänden direkt in die Fertigung schalten und so den Messebesuchern einen Einblick in ihr Angebot und ihre Möglichkeiten geben.

          Die Digitalisierung rollt, die vierte industrielle Revolution ist in vollem Gang. Erst im Frühjahr 2011 prägten Wolfgang Wahlster (Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz) und Henning Kagermann (SAP-Gründer) auf der Computermesse Cebit den Begriff „Industrie 4.0“. Dann wurde drei Jahre diskutiert und beschrieben, Ende 2015 begann man, in der Produktion bis dato analoge Prozesse zu digitalisieren.

          2016 wurde auf der Hannover Messe erstmals genau gezeigt, wie eine digital vernetzte Fabrik aussehen soll. Im vergangenen Jahr nun wurde der sogenannte digitale Zwilling anwendbar vorgeführt, also die digitale Begleitung der gesamten Wertschöpfungskette von der Produktplanung über die Produktion, den Verkauf und die Anwendung beim Kunden und wieder zurück zur Planung. Damit wird der Wertschöpfungsprozess digital simulierbar.

          Mittlerweile wissen wir aber auch, dass Industrie 4.0 nicht auf die Produktion beschränkt bleibt, sondern alle Teile eines Unternehmens, ja alle Teile der Gesellschaft durchdringt. In Japan spricht man daher statt von Industrie4.0 von Society 5.0 – eine kluge Beschreibung. Die Geschwindigkeit, in der sich Geschäfte, Märkte und Produkte verändern, nimmt stetig zu. Das Schlagwort des letzten Frühjahrs war die Plattformökonomie.

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          Es bedeutet, dass künftig nicht nur Produkte angeboten werden, sondern zunehmend datenbasierte digitale Dienstleistungen rund um das Produkt. Obwohl das Thema weiter aktuell ist, wurde es in der öffentlichen Debatte abgelöst von der Diskussion über das agile Unternehmen. Das agile Unternehmen gilt als die Antwort auf die Vuka-Welt, die gekennzeichnet ist durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Mehrdeutigkeit). Das agile Unternehmen soll flexibel auf das sich schnell ändernde Umfeld reagieren können.

          Wie das agile Unternehmen aussieht, weiß heute noch niemand. Die Transformation steckt noch am Anfang. Es gibt hier derzeit viele Fragen und nur wenige Antworten. Sicher ist bloß eines: Kombinationen aus schnellen und mobilen Netzen, aus leistungsfähigerer Hardware sowie neuen Verfahren der Datenanalyse und der Künstlichen Intelligenz werden weiterhin zu immer schnelleren Veränderungen im privaten wie beruflichen Umfeld führen. Die Frage ist, wie sich Menschen und Organisationen darauf einstellen und wie sie die Digitalisierung steuern und zu ihrem Nutzen dienstbar machen.

          In den Unternehmen geht es vorrangig um zweierlei: Wie verändert sich das Geschäftsmodell, und wie verändern sich die Geschäftsprozesse? Das Erste betrifft den Markt, das Zweite die interne Organisation im Unternehmen. Wer sich dem nicht stellt, der hat keine Zukunft. Mahnende Beispiele, von Brockhaus (verdrängt von Wikipedia), Kodak (von Digitalkameras), Nokia (von Apple und Samsung) über viele Einzelhändler (von Amazon), gibt es genug. Wer überleben will, muss schneller digitalisieren.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

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