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Online-Kriminalität : Konzerne verbünden sich gegen Hacker

Animation der Cyberangriffe auf europäische Computer innerhalb von 30 Tagen. Bild: dpa

Die Münchner Sicherheitskonferenz ist der Anlass, eine schlagkräftige Antwort auf Hackerangriffe das Ziel: In zehn Punkten will diese Allianz die Cybersicherheit verbessern.

          Kein Tag vergeht ohne Angriffe auf das Netz. Die Cyber-Attacken nehmen in Potenzen zu, sei es aus kriminellen, erpresserischen Beweggründen, sei es wegen politischer oder industrieller Spionage, sei es Sabotageabsicht; oder wenn die Computer der Organisation der Olympischen Spiele in Pyeongchang im Kreuzfeuer von Cyber-Kriminellen stehen und während der Eröffnungsfeier Teile des Internets im Stadion lahmlegen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Höchste Zeit, in der neuen Ära der weltumspannenden Digitalisierung  zu handeln und auf internationaler Ebene standardisiert und institutionalisiert Abwehrmechanismen zu entwickeln. Das dachten sich Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der an diesem Freitag beginnenden Münchner Sicherheitskonferenz, und Joe Kaeser, Vorstandschef des Siemens-Konzerns.

          Große Namen

          Auf ihre Initiative hin wird auf der Sicherheitskonferenz am Freitagnachmittag im Tagungsort Bayerischer Hof die Charta für mehr Sicherheit unterzeichnet. Es ist der Start für eine breit angelegte internationale Offensive gegen Cyber-Kriminalität. Das zumindest hoffen die Initiatoren – und die insgesamt neun Unterzeichner der „Charter of Trust“.

          Alles große Namen: Neben Siemens finden sich Airbus, Daimler, Allianz, IBM, NXP, Deutsche Telekom, SGS und  die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) als Gründungsmitglieder auf der Charta. Geht es nach ihnen, soll die Liste schnell länger werden und möglichst viele Namen aus aller Welt tragen. Jeder ist eingeladen, beizutreten. Tatsächlich besteht jetzt schon großes  Interesse,  nicht nur aus Europa, „Big Player“ aus den Vereinigten Staaten hätten  angefragt und stünden kurz vor dem Einstieg in dieses bislang einmalige Vorhaben, heißt es.

          Es wird unterstützt von der kanadischen Außenministerin Chrystia Freeland; Kanada will Cyber-Sicherheit zu einem Thema unter ihrer Präsidentschaft der sieben wichtigsten Industrieländer (G7-Gruppe) machen. Auch Elzibieta Bienkowska wird bei der Zeremonie im bayerischen Hof dabei sein, EU-Kommissarin für Binnenmarkt, Industrie und Unternehmertum. Neben  Siemens-Chef Kaeser und Airbus-Vorstandsvorsitzender Tom Enders, IBM-Oberste Virginia Rometty oder Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff setzen auch die  Vorstände der anderen Unternehmen ihre Unterschrift unter das Dokument.

          Zehn Felder

          Die Charta zeigt in insgesamt zehn Handlungsfelder für Politik und Industrie auf. Sie konzentriert sich aber nicht nur auf die Forderungen an die Politik. Die unterzeichnenden Unternehmen leben vielmehr das vor, was am Ende auch international auf politischer Ebene  aufgebaut werden soll. So ist eine Kernaussage, die Verantwortung für Cyber-Sicherheit auf höchster Ebene von Unternehmen und Regierungsorganen anzusiedeln; verankert in einem eigens dafür gegründeten Ministerium oder in einem Chief Information Security Officer (Ciso).

          Darüber hinaus sollen verpflichtende, verbindliche und unabhängige Zertifizierungen durch Dritte für kritische Infrastrukturen vorgenommenen werden. Das gilt für das Internet der Dinge mit der intelligenten Vernetzung  von Maschinen und Systemen, wie für Roboter in Produktionen oder später einmal für das autonome Fahren. Sicherheits- und Datenschutzfunktionen sollten künftig automatisch in am Markt angebotenen neuen Technologien vorkonfiguriert sein. Sicherheitsregeln  sollen Bestandteil des Freihandelsabkommen werden. Genauso könnten in der Ausbildung und bei internationalen Initiativen mehr Impulse in der Internet-Sicherheit geschaffen werden.

          „Ein wichtiges Element des digitalen Wandels ist die Glaubwürdigkeit darüber, dass die Sicherheit von Daten und vernetzten Systemen gewährleistet ist“, sagt Siemens-Chef Kaeser. „Deshalb müssen wir die digitale Welt sicherer und vertrauenswürdiger machen – es ist höchste Zeit, zu handeln.“ Nicht jeder für sich allein, „sondern gemeinsam mit starken Partnern, die in ihren Märkten zu führenden Unternehmen zählen.“ Kaeser lädt alle ein, sich der Initiative anzuschließen.

          Je mehr, umso besser. Denn nichts ist schlimmer für das Geschäft als Misstrauen. Wer will schon ein Produkt kaufen, wenn es nicht sicher erscheint, zum Beispiel vor Hacker-Angriffen; sei es das Smartphone oder das Tablet, sei es die große Maschine, die in der Produktion mit anderen vernetzt ist. „Die Politik muss eine Führungsrolle einnehmen, wenn es um Transaktionsregeln im Cyberraum geht“, fordert MSC-Chef Ischinger. „Entwickeln und umsetzen müssen die Standards aber die Unternehmen.“ Gemeinsam mit den Partnern solle das Thema vorangetrieben und inhaltlich begleitet werden.

          Das Thema der Cyber-Sicherheit findet immer noch nicht genügend Aufmerksamkeit, wird von vielen Unternehmen nach wie vor nicht  ernst genommen. Doch die dynamisch wachsende Zahl der Angriffe erhöht den Handlungsdruck. Maßnahmen zur Cyber-Sicherheit sind heute unverändert nur  Insellösungen und mehr Patchwork als die Suche nach einem großen Ganzen.

          Laut dem ENISA Threat Landscape Report richteten Angriffe auf die Netzsicherheit im Jahr 2016 Schäden von 560 Milliarden Euro weltweit an. Das Gefahrenpotential wächst dramatisch: Nach Angaben des Marktforschers Gartner waren vergangenes Jahr 8,4 Milliarden vernetzte Geräte im Gebrauch; 31 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Jahr 2020, so Schätzungen, werden es bereits 20,4 Milliarden Geräte sein.

          Die „Charter of Trust“ soll dem Kampf mit Patchwork-Charakter eine neue Dimension geben. Mit der Zusammensetzung der Gründungspartner wird  zugleich ein Zeichen gesetzt, wie breit die Herausforderungen angegangen werden müssen: Siemens als Anbieter von digitalen Fabriken, Fertiger von Zügen, Energieanlagen und Medizintechnik; Daimler als Hersteller von Autos und Entwickler des autonomer Fahrzeuge; IBM als IT- und Beratungsunternehmen, Hersteller von Hardware und Software; Halbleiterhersteller NXP, deren Produkte in vernetzte Autos und in Identifikationsverfahren eingesetzt werden; Telekom als Anbieter von Kommunikation und Cloud-Services; SGS, ein führendes Unternehmen für Zertifizierungen; der Versicherungskonzern Allianz, der Risiken in der Industrie bewertet.

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