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Mensch und Maschine : Glauben Sie doch dem Algorithmus!

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Früher war klar, wer den Befehl gibt: Der Mensch bediente die Maschine und schaltete sie ein – oder aus. Bild: Timothy Schaumburg

Effizient, aber unsichtbar: Schon heute treffen Maschinen eigene Entscheidungen, die selbst Fachleute nicht mehr verstehen. Ist das gefährlicher als die Illusion, der Mensch sei Herr über all seine Entscheidungen? Ein Gastbeitrag.

          Auf dem Höhepunkt der sogenannten „NSA-Affäre“, im Herbst 2013, hatten mich die Enthüllungen von Edward Snowden sehr grundsätzlich erschüttert. Sonst offenbar kaum jemanden. Kollektives Achselzucken schien die vorherrschende Reaktion zu sein. Natürlich, es gibt Zyniker; aber Zynismus konnte unmöglich derart weit verbreitet sein. Daher ging ich auf die Straße, um Passanten nach ihrer Haltung zu befragen. Eine Frau erklärte mir ihre Nicht-Aufregung. Sie hatte im Netz nach einem Geschenk gesucht, einer Kuckucksuhr. Danach geschah etwas, das sie gruselig fand: Die Kuckucksuhr verfolgte sie. Auf allen möglichen Seiten tauchte sie auf. Die Frau klickte auf eine nie zuvor besuchte Internetseite, die Kuckucksuhr war schon da. Die Frau zog daraus die Schlussfolgerung, dass sie im Netz ohnehin überall beobachtet würde. Jetzt sei eben noch eine Überwachungsinstanz hinzugekommen, die NSA. Immerhin arbeite die gegen den Terror und nicht nur für Profit.

          Die Frau hatte sich an die Überwachung gewöhnt. „Wer von Maschinen oder wie heute von ‚Computern‘ redet, redet immer auch von sozialer Physik“, schrieb Frank Schirrmacher 2012 in seinem Buch „Ego“. Das handelte davon, wie Kommunikation zwischen Maschinen auf die Gesellschaft und den einzelnen zurückwirkt. Soziale Physik ist dabei ein Begriff aus der Denkschule des Materialismus: dass sich Technologie und gesellschaftliche Handlungsmuster bis zur Ununterscheidbarkeit zur Deckung bringen ließen. Meine These zur nahen Zukunft ist Umkehrung und logische Fortsetzung von Schirrmachers These: Wer heute von sozialer Physik redet, redet (fast) immer auch von Maschinen. Zumindest sind wir, als westliche Gesellschaften, auf dem Weg in eine Welt, in der die Kommunikation unter Maschinen die gesellschaftlichen Strukturen entweder unmittelbar prägt oder mittelbar beeinflusst.

          Änderung der demokratischen Reflexe der Öffentlichkeit

          Das Beispiel der Kuckucksuhr zeugt davon, dass der Austausch von Datenströmen zwischen Maschinen die soziale Physik verändert hat und mit ihr die demokratischen Reflexe der Öffentlichkeit. In den 1980er Jahren rebellierte die Bevölkerung gegen die Erhebung des Datums, wie viele Personen im eigenen Haushalt leben. 2018 haben sich viele Millionen Bundesbürger eine Standwanze (die Alexa heißen kann, Google Home oder Echo) ins Wohnzimmer gestellt – und wer sich je gefragt hat, wie das kam, findet die Antwort in der Wirkung der Kommunikation unter Maschinen auf die soziale Physik. Schirrmachers digital-soziale Physik ist zu einer eigenen gesellschaftlichen Sphäre expandiert. Ich möchte sie die unsichtbare Welt nennen. Dort sprechen und verhandeln Maschinen mit Maschinen. Die meisten Menschen ahnen die Existenz der unsichtbaren Welt; aber sie funktioniert nach anderen Regeln als alle anderen Formen der Kommunikation.

          Die folgenreichsten Fehler der Digitalpolitik beruhen auf dem Missverständnis, die unsichtbare Welt verhielte sich nach Regeln, die man aus der traditionellen physischen Welt kenne. Man könne etwa mit Stoppschildern im Internet arbeiten oder Datenverkehr regulieren wie physischen Verkehr. Um aber sinnvoll über die Zukunft der Kommunikation unter Maschinen sprechen zu können, muss man diese Analogie verabschieden. Denn immer stärker überschneiden sich klassische Kommunikation und die unter Maschinen, weil PCs oder Smartphones immer kleinteiliger miteinander interagieren. Das Netz ist nur der bekannteste Teilaspekt der unsichtbaren Welt, aber bereits hier findet sich eines ihrer wichtigsten Grundmuster: Die unsichtbare Welt wirkt wie ein Spiegel. Wer hineinschaut und seine Funktion nicht begreift, wird sich immer nur selbst sehen. Deshalb fällt es ohne tiefere Sachkenntnis so schwer, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

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