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Telefon, Geldbörse – und vielleicht schon bald auch Ausweis? Das Smartphone wird in China immer mehr zum lebenswichtigen Gerät. Bild: EPA

Gesichtserkennung mit WeChat : Ersetzt in China bald eine App den Ausweis?

Mehr als viele andere Länder treibt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt die Digitalisierung voran. Längst geht es nicht nur um bargeldloses Bezahlen oder Einkaufen im Internet. Jetzt hat ein neues Experiment begonnen.

          China setzt mehr als viele andere Länder darauf, schlaue Computerprogramme möglichst breit einzusetzen. Im Sommer brachte die Führung in Peking einen nationalen Plan für Künstliche Intelligenz auf den Weg mit dem Ziel, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt bis ungefähr zum Jahr 2030 zur dominierenden KI-Nation des Planeten zu machen.

          Alexander     Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dafür schützt und unterstützt sie seit Jahren schon wichtige chinesische Internetunternehmen – besonders bekannt und international bedeutend sind mittlerweile Alibaba, Tencent und Baidu. Sie sind im Grunde so etwas wie die fernöstlichen Äquivalente der amerikanischen Tech-Konzerne Amazon, Facebook und Alphabet (Google). China blockiert dafür zum Beispiel das größte soziale Netzwerk der Welt oder Googles Suchmaschine.

          Bald im ganzen Land?

          Dafür nutzen Hunderte Millionen Chinesen die Angebote der heimischen Anbieter. Besonders beliebt ist beispielsweise der Mitteilungsdienst WeChat des chinesischen Konzerns Tencent, der ähnlich ist zu der mittlerweile zu Facebook gehörenden App WhatsApp. Ungefähr 980 Millionen aller 1,4 Milliarden Chinesen nutzen dieses Angebot nach Angaben des Unternehmens regelmäßig. Dadurch entstehen nicht nur unglaubliche und vielseitig verwendbare Mengen an Daten.

          Infolgedessen scheint der Dienst offenkundig auch als Plattform für weitere Anwendungen attraktiv, sogar ganz offizielle staatliche. In einer Stadt in der südchinesischen Stadt Guangzhou ist in dieser Woche ein womöglich weitreichender Versuch angelaufen: Eine Gesichtserkennungs-Software innerhalb der WeChat-App soll dieselbe Funktion erfüllen wie der staatliche chinesische Personalausweis, mit dem sich Bürger des Landes zum Beispiel gegenüber Behörden autorisieren. Nach einem Bericht der Zeitung „South China Morning Post“, die sich auf die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua beruft, soll dieses Angebot ab Januar ausgeweitet werden auf das gesamte Land.

          Ungefähr 980 Millionen aller 1,4 Milliarden Chinesen nutzen WeChat.

          Chinesen können sich demnach dann zum Beispiel mit der App ausweisen, wenn sie in ein Hotel einchecken oder für öffentliche Angebote anmelden. Sie sollen dafür dann nicht mehr ihren physischen Ausweis benötigen müssen. Die Autorisierung funktioniert, in dem der Nutzer in eine Kamera schaut; dann gleicht eine auf Methoden der Künstlichen Intelligent basierende Software das Gesicht dann mit der jeweiligen innerhalb von WeChat registrierten ID ab und stellt sie fest.

          Die dafür nötige Software haben Mitarbeiter Tencents gemeinsam mit Angestellten der Forschungsabteilung des chinesischen Ministeriums für öffentliche Sicherheit entwickelt – was schon für sich genommen ein Hinweis auf den möglichen offiziellen Charakter ist. Außerdem stehen dem Bericht zufolge chinesischen Banken dahinter und weitere Abteilungen der Regierung. Für das Unternehmen Tencent wiederum wäre die offizielle Anerkennung des Angebotes ein weiterer Schritt, um mit der App WeChat die persönliche Geldbörse zusehends überflüssig zu machen. Es bietet schon jetzt mit WeChat Pay einen Dienst für bargeldloses Bezahlen an.

          Zugleich ist der nun begonnene Versuch nicht der erste dieser Art. Im Sommer des vergangenen Jahres testete der zum Onlinehändler Alibaba gehörende Bezahldienst Alipay in der Metropole Wuhan ebenfalls eine elektronische ID, die vorübergehend nach Angaben der „South China Morning Post“ ungefähr 400.000 Chinesen ausprobiert hatten.

          Das Unternehmen Tencent ist seinerseits an er Börse mittlerweile umgerechnet annähernd 500 Milliarden Dollar wert. Das ist in der Größenordnung, in der sich auch die großen amerikanischen Tech-Konzerne befinden.

          Kritik könnte das neue Experiment mit dem digitalen Ausweis auslösen mit Blick auf ein brisantes Vorhaben der chinesischen Regierung: Sie will im Jahr 2020 im ganzen Land ein „soziales Bonitätssystem“ einführen, in dem das Verhalten der Bürger im alltäglichen Leben bewerten und geprüft wird. Dafür braucht der Staat Zugriff auf persönliche Daten - schon heute zwingt Peking Internetunternehmen wie Tencent und Alibaba quasi zur Mitarbeit und Weitergabe.

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