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Deutschlands Zukunft : Ludwig Erhard und die Roboter

Post-Chef Frank Appel berichtet über Roboter-Hilfe für Zusteller. Bild: Herbert Bucco

Die Digitalisierung könnte mehr als drei Millionen Arbeitsplätze in Deutschland vernichten. Doch auf der Suche nach einer digitalen sozialen Marktwirtschaft gibt es überraschende neue Ansätze – die höhere Löhne und niedrigere Preise versprechen.

          Das Schreckensszenario stammt nicht von notorischen Schwarzsehern, sondern vom Digitalverband Bitkom, der gewiss nicht im Verdacht der Technikfeindlichkeit steht: Mehr als 3 Millionen Arbeitsplätze könnten hierzulande in den kommenden fünf Jahren wegfallen, weil Roboter und Computerprogramme den Menschen die Arbeit wegnehmen. Die Entwicklung werde sich sogar weiter beschleunigen, wie Präsident Achim Berg auf der Konferenz „Denkraum für Soziale Marktwirtschaft“ sagte: „Die Digitalisierung verläuft nicht linear, sondern exponentiell.“ In vielen Bereichen drohe ein Kahlschlag, doch dafür könnten an anderer Stelle neue Jobs entstehen – vorausgesetzt, Deutschland nehme die Herausforderung endlich an und stelle sich aktiv dem unvermeidlichen Wandel.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Wie eine „digitale soziale Marktwirtschaft“ aussehen kann, die das Potential der neuen Technik ausschöpft, ohne ihre Verlierer hinter sich zu lassen, war die Frage, der die von der F.A.Z.-Verlagsgruppe ausgerichtete Veranstaltung nachspürte. Die Mehrheit der Teilnehmer zeigte sich davon überzeugt, dass die Digitalisierung auf Ludwig Erhards Ziel „Wohlstand für alle“ einzahlen wird. Zum Beispiel, indem sie auch in mäßig bezahlten Dienstleistungsbranchen Spielräume für höhere Löhne schafft. „Das ist für unser Unternehmen eine riesige Chance“, sagte Gastgeber und Kooperationspartner Frank Appel, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post DHL.

          So stattet der Konzern seit geraumer Zeit Mitarbeiter in seinen Lagerhäusern mit Datenbrillen aus. „Damit erhöhen wir die Produktivität um 10 bis 20 Prozent. Diesen Effekt können wir teils über die Preise an die Kunden weitergeben, die Aktionäre profitieren und auch unsere Mitarbeiter, weil wir ihnen mehr bezahlen können.“ Die Digitalisierung werde dazu beitragen, den Lohnabstand gegenüber längst hoch automatisierten Industriebranchen zu verringern. Und sie werde helfen, schwere körperliche Arbeit zu erleichtern. Etwa durch den Postbot, einen selbstfahrenden Transportwagen, der Zustellern künftig durch die Straßen folgen soll. Appel sieht in solchen Lösungen, die älteren Beschäftigten das Leben einfacher machen, auch einen Weg, um eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters zu vermitteln und zu verkraften.

          Steuerschlupflöcher stopfen

          Dass Arbeitsplätze wegfallen, steht für ihn außer Frage. Doch weil Digitalisierung zusätzliches Geschäft bringe, etwa durch den Paketboom infolge des Online-Handels, werde die Bilanz positiv ausfallen. Der Weg dahin ist freilich holprig, wie Marc Bovenschulte zu bedenken gab. Der Leiter des Berliner Instituts für Innovation und Technik sieht die größten Umwälzungen im mittleren Arbeitsmarktsegment von Fachkräften und Sachbearbeitern. Schlecht bezahlte Stellen zu ersetzen, lohne sich häufig einfach noch nicht, sagte er. Einig waren sich die Teilnehmer darüber, dass es an der Grundvoraussetzung für einen reibungslosen Umbau des Arbeitsmarktes hapert: besserer Schulbildung für eine digitale Welt. Fast 90 Prozent der Schulen hätten nicht einmal eine schnelle Internetverbindung, „da ist vieles weit weg von dem, was wir brauchen“, sagte FDP-Fraktionsvize Katja Suding.

          Dem Bundesverband der Deutschen Industrie fehlt es auch an Unterstützung für Forschung und Entwicklung, vor allem im Mittelstand, der steuerliche Erleichterungen benötige. BDI-Hauptgeschäftsführer und Präsidiumsmitglied Joachim Lang warnte vor der Abwanderung von Entwicklern und Forschern, die in Amerika und Japan häufig bessere Bedingungen fänden. Kontrovers diskutiert wurden Forderungen nach einer Deregulierung von Arbeitszeit- und Arbeitsschutzvorschriften.

          Dabei gehe es nicht nur um die kleine digitale Elite, sagte Thomas Zander vom Sozialverband VdK, sondern um ein Heer von Click-Workern mit eher bescheidener Bezahlung. Entscheidender ist für ihn, diese Gruppe in die sozialen Sicherungssysteme zu integrieren. Und da war man bei der Frage nach der Finanzierung, wenn die Roboter kommen und die Arbeit tatsächlich abnehmen sollte. Jedenfalls nicht durch eine Digital- oder Maschinensteuer, die sei innovationsschädlich und werde Start-ups und Kleinunternehmen abwürgen, wie Berg sagte. Viel gewonnen sei schon, wenn es gelinge, die Steuerschlupflöcher der großen internationalen Konzerne, von Ikea über die Internet-Giganten bis Nike, endlich wirksam zu stopfen.

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