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Standortwettbewerb : Milliarden für Amazon

Amazon-Chef Jeff Bezos sucht sich die neuen Firmen-Standorte mit einem Standortwettbewerb aus. Bild: AFP

Amerikanische Städte reißen sich darum, Heimat für die neue Zentrale des Online-Händlers zu werden. Aber sollten sie dem Unternehmen dafür auch finanzielle Anreize bieten? Eine neue Studie wirft Zweifel auf.

          Es ist ein Standortwettbewerb, wie es ihn noch selten gegeben hat: Der amerikanische Online-Händler Amazon.com will eine zweite Hauptverwaltung errichten und sucht dafür eine Heimat. Er hat daraus ein öffentliches Rennen gemacht und versucht auf diese Weise, interessierte Städte gegeneinander auszuspielen. Insgesamt 238 Städte und Regionen haben sich beworben, darunter fast alle großen amerikanischen Metropolen, aber auch entlegenere Gebiete in Alaska oder Puerto Rico.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Vor wenigen Wochen hat Amazon zwanzig „Finalisten“ bekanntgegeben. Unter ihnen soll nun im Laufe des Jahres der Gewinner gekürt werden. Und eine sehr spannende Frage wird dabei sein, welche „Incentives“ die Siegerstadt Amazon gewähren wird. Der Online-Händler hat bei seiner Ausschreibung des Projekts klar gemacht, dass er großen Wert auf solche finanziellen Anreize legt.

          Und einige Städte haben große Versprechungen gemacht. Der Finalist Newark aus dem Bundesstaat New Jersey hat Amazon sieben Milliarden Dollar in Steuernachlässen und anderen Vergünstigungen in Aussicht gestellt. Mit solchen Anreizen ist die Hoffnung auf gut bezahlte Arbeitsplätze verbunden. Amazon hat gesagt, die neue Zentrale soll einmal 50.000 Menschen beschäftigen, und deren durchschnittlicher Jahresverdienst soll bei 100.000 Dollar liegen.

          Geringer Multiplikatoreffekt

          In einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Studie kam der Think-Tank „Economic Policy Institute“ nun aber zu dem Schluss, dass sich die Hoffnung auf ein Amazon-Jobwunder nicht immer bewahrheiten, und die als linksliberal geltende Organisation warnte Städte und Gemeinden, dem Konzern allzu große Anreize anzubieten, ob nun für die geplante Zentrale oder für andere Projekte.

          Diese Studie konzentriert sich auf das rasant wachsende Netz von Amazons Distributionszentren in Amerika, weshalb sie vielleicht keine direkten Rückschlüsse auf das Rennen um die neue Hauptverwaltung erlaubt, die völlig andere Arbeitsplätze bieten dürfte.

          Die Ergebnisse sind aber dennoch interessant. Demnach ist in den Landkreisen, in denen sich Amazon niedergelassen hat, innerhalb von zwei Jahren tatsächlich die Zahl der Arbeitsplätze auf dem Tätigkeitsgebiet der Logistik um 30 Prozent gestiegen. Die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in der Region habe sich allerdings nicht erhöht, und in manchen Fällen sei sie womöglich sogar gesunken.

          Überflüssige Anreize

          Mögliche Erklärungen könnten nach Ansicht der Autoren sein, dass die von Amazon geschaffenen Logistik-Arbeitsplätze in anderen Industrien weggefallen seien oder dass sie einfach im Gesamtbild des Arbeitsmarktes nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Ein weiteres Ergebnis der Studie war es, dass die Durchschnittslöhne für Logistik-Jobs in den Regionen nach Eröffnung eines Versandzentrums von Amazon kaum oder gar nicht gestiegen sind. Die Autoren meinen, Gemeinden sollten ihr Geld anstatt für Anreize lieber für andere Dinge wie Infrastruktur oder Ausbildung ausgeben.

          Nicht nur für seine geplante Hauptverwaltung, sondern auch für seine Distributionsstandorte und andere Niederlassungen nimmt Amazon gerne finanzielle Anreize von Regionen in Anspruch. Die Organisation „Good Jobs First“, die Statistiken über solche Anreize führt und ihnen kritisch gegenübersteht, beziffert deren Volumen seit dem Jahr 2000 auf mehr als 1,1 Milliarden Dollar.

          Auch diese Gruppe warnt Gemeinden davor, mit allzu üppigen Anreizen um die neue Amazon-Zentrale zu werben. Sie argumentiert, für den Online-Händler würden bei der Entscheidung letztlich ohnehin andere Faktoren wie die Verfügbarkeit qualifizierten Personals ausschlaggebend sein. Soll heißen, die Anreize seien weitgehend aus dem Fenster geworfenes Geld.

          Amazon weist die Ergebnisse in der Studie als „irreführend“ zurück. Der vom Think Tank betrachtete Zeitraum zwischen 2001 und 2015 liefere falsche Schlüsse, weil er die Finanzkrise des vergangenen Jahrzehnts beinhalte und weil Amazon sein Netz an Distributionszentren nicht in der Art und Weise ausgebaut habe, wie es heute geschehe. Weiter wurde darauf hingewiesen, dass Amazon in ganz Amerika 200.000 Mitarbeiter habe und die Investitionen des Unternehmens 200.000 weitere Arbeitsplätze unterstützten, von der Bauindustrie zum Gesundheitswesen.

          Für Amazon entwickelt sich die Standortsuche jedenfalls zu einem öffentlichkeitswirksamen Coup. Das Unternehmen, dem sonst regelmäßig vorgeworfen wird, es sei zu mächtig und treibe kleine Wettbewerber in den Ruin, kann nun genüsslich zusehen, wie es von Lokalpolitikern hofiert wird. Als Amazon seine Vorauswahl bekanntgab, wurde das in einer Reihe von Finalistenstädten als Triumph gefeiert, während sich viele der verschmähten Städte untröstlich zeigten.

          Unter den zwanzig Ausgewählten in der Endausscheidung sind große Metropolen wie New York, Los Angeles, Washington, Denver, Miami und Chicago, aber auch einige Städte, die vielleicht nicht unbedingt auf der Hand lagen, etwa Nashville, Raleigh, Columbus und – als einziger ausländischer Kandidat – das kanadische Toronto. Einige andere Städte, die sich Chancen ausrechneten, fielen dagegen aus dem Rennen, etwa Houston, Charlotte oder Detroit. Und auch die Außenseiter Alaska und Puerto Rico blieben außen vor.

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