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VW-Abgasskandal : Wann wusste Diess vom Milliarden-Risiko?

VW-Chef Herbert Diess im Mai in Berlin. Bild: Reuters

Am Wochenende kam abermals der Vorwurf auf, der neue VW-Chef habe vom finanziellen Risiko im Abgasskandal früher gehört. Das weist der Konzern zurück.

          Volkswagen-Chef Herbert Diess bleibt wegen der Frage, wann er 2015 die finanziellen Risiken durch den Dieselskandal absehen konnte, unter Druck. Unter Berufung auf Dokumente des FBI heißt es, dass Diess als Markenchef von VW schon einen knappen Monat vor Aufdeckung des Skandals durch die amerikanischen Umweltbehörden von den Milliardenrisiken für das Unternehmen wusste.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          So will der damalige VW-Manager Oliver Schmidt, der mittlerweile von einem amerikanischen Gericht zu einer Haftstrafe verurteilt worden ist, Diess schon am 25. August 2015 vor den gewaltigen finanziellen Folgen der Manipulationen an den Dieselfahrzeugen gewarnt haben.

          Nun sollen vertrauliche Dokumente der amerikanischen Ermittler den neuen VW-Chef belasten. VW wies einen entsprechenden Bericht der „Bild am Sonntag“ zurück. Ob Diess früher als behauptet von den finanziellen Risiken wusste, ist eine der entscheidenden Fragen bei der Klage von Anlegern gegen VW.

          VW weist die Vorwürfe zurück

          Die Anleger werfen dem früheren VW-Chef Winterkorn, Diess und anderen Managern vor, dass das Unternehmen zu spät in einer Ad-hoc-Mitteilung über die Milliarden-Risiken informiert habe. Wegen des Verdachts der Marktmanipulation ermittelt deswegen auch die Staatsanwaltschaft in Braunschweig gegen Winterkorn und Diess.

          In seiner Klageerwiderung im Rahmen der Anleger-Musterklage vor dem Oberlandesgericht Braunschweig hat VW die Vorwürfe von Schmidt zurückgewiesen. Die Aussage Schmidts, er habe Winterkorn, Diess und anderen bereits am 25. August 2015 vorgerechnet, dass in Nordamerika Strafzahlungen von insgesamt 18,5 Milliarden Dollar und der mögliche Rückkauf von hunderttausenden Dieselfahrzeugen drohe, wird von VW in der Klageerwiderung bestritten.

          So sei im Rahmen der Besprechung „nicht über unmittelbar bevorstehende oder konkret drohende Strafzahlungen“ von 18,5 Milliarden Dollar gesprochen worden. „Sofern Herr Schmidt überhaupt den gesetzlichen Maximalstrafrahmen erwähnt haben sollte, hat er jedenfalls nicht erklärt, dass mit konkreten Strafzahlungen in dieser Höhe zu rechnen sei“, heißt es. Zudem habe auch in einer Besprechung am Vortag im Vordergrund gestanden, dass künftig mit den amerikanischen Behörden offen kommuniziert werden und mit diesen eine einvernehmliche Lösung gesucht werden sollte.

          Nach Darstellung von VW ging das Management in Wolfsburg nach einer Risikoprüfung der amerikanischen Kanzlei Kirkland & Ellis vom 6. August 2015 zwar davon aus, dass VW wohl nicht ohne Strafen davonkommen werde. Gleichzeitig gaben die Juristen aber Entwarnung zur Höhe der Strafen – das höchste je verhängte Bußgeld habe der koreanische Hersteller Hyundai 2014 in einem Vergleich mit 100 Millionen Dollar für 1,1 Millionen Autos bezahlt.

          In Amerika kostete VW der Skandal bereits 25 Milliarden Euro

          Wesentliche Informationen über die illegalen Abschalteinrichtungen und die finanziellen Risiken habe die VW-Führung erst am 18. September 2015 – unmittelbar vor dem Gang der amerikanischen Umweltbehörden an die Öffentlichkeit – erhalten. Für Vergleiche im Dieselskandal hat VW in Amerika mittlerweile gut 25 Milliarden Euro verbucht. Sollten sich die klagenden Anleger in Braunschweig durchsetzen, kämen gut 9 Milliarden Euro an Schadensersatzansprüchen dazu.

          Über die Vorwürfe Schmidts gegen Winterkorn und Diess hatte die „Bild am Sonntag“ erstmals im Juli 2017 berichtet. Diess war erst im Juli 2015 als neuer Chef der Kernmarke VW von BMW nach Wolfsburg gekommen. Von der Betrugssoftware konnte er damals nichts wissen. Unter Berufung auf die FBI-Akten berichtete die Zeitung jetzt ergänzend von einer Mail der kalifornischen Umweltbehörde an VW, in der der zuständige Beamte angekündigt habe, dass „wir euch fertigmachen werden“ und die „Sache eine Menge Geld kosten wird und ihr euch besser nicht wehrt.“

          Diess soll sich nach Schmidts Vortrag aktiv in das Geschehen eingemischt und regelmäßig Gespräche mit Juristen geführt haben, unter anderem am 28. August mit Stuart Drake, einem führenden Juristen bei Kirkland & Ellis. Mit dem Vorgang vertraute Insider berichteten, dass andere Zeugenaussagen der Darstellung Schmidts widersprächen. Zudem habe sich Schmidt in seinen Aussagen widersprochen.

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