http://www.faz.net/-gqe-890pk

Abgas-Skandal : Kraftfahrt-Bundesamt zwingt Volkswagen zum Rückruf

  • Aktualisiert am

Heute will der neue VW-Chef Müller die Führungskräfte des Konzerns auf den künftigen Kurs vorbereiten. Bild: AFP

Das Kraftfahrt-Bundesamt zwingt Volkswagen im Skandal um manipulierte Diesel-Abgaswerte zum Rückruf von 2,4 Millionen Fahrzeugen. Die von VW vorgeschlagene freiwillige Reparatur lehnt die Behörde ab.

          Im Skandal um manipulierte Diesel-Abgaswerte zwingt das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) Volkswagen zum Rückruf von 2,4 Millionen Fahrzeugen. „Wir ordnen den Rückruf an“, sagte ein Sprecher der Flensburger Behörde am Donnerstag. Die von VW vorgeschlagene freiwillige Reparatur lehne die Zulassungsbehörde ab. Zunächst hatte die „Bild“-Zeitung über den Zwangsrückruf berichtet.

          Das Bundesamt werde „den Beginn und den Fortgang der Rückrufaktion überwachen“, sagte Dobrindt. Bis Ende Oktober muss Volkswagen der Behörde nun die neue Software für die 2,0-Liter-Modelle vorstellen, bis Ende November die Lösungen für die Fahrzeuge mit 1,6 Litern und 1,2 Litern Hubraum. Das KBA hält die Software in den betroffenen Diesel-Fahrzeugen des VW-Konzerns für illegal. Die Behörde vertrete die Auffassung, dass es sich um eine „unzulässige Abschalteinrichtung handelt“, sagte Dobrindt.

          VW hatte dem KBA Anfang Oktober einen Plan dazu vorgelegt, die mit der Betrugssoftware ausgestatteten Fahrzeuge in Deutschland in Ordnung zu bringen. Volkswagen hatte zugegeben, in den Vereinigten Staaten Diesel-Emissionswerte mit einer Software manipuliert zu haben. Auf der ganzen Welt sind bis zu elf Millionen Fahrzeuge mit diesem Computerprogramm unterwegs. Ob und wie weit es auch in anderen Ländern unerlaubt eingreift, wird noch untersucht.

          Auch in Österreich müssen Dieselfahrzeuge des Wolfsburger Autobauers auf behördliche Anweisung in die Werkstätten. Verkehrsminister Alois Stöger (SPÖ) erließ eine entsprechende Anordnung. Betroffen seien rund 363.000 Fahrzeuge, hieß es aus dem Verkehrsministerium in Wien mit Verweis auf Zahlen des VW-Importeurs Porsche Austria. Beim Zeitplan orientiere man sich an Deutschland. Die betroffenen Autofahrer müssten von Porsche Austria verständigt werden, sagte das Ministerium.

          Rückruf ist Pflicht für jeden Halter

          Die Rückrufaktion sei für jeden Halter verpflichtend, sagte Dobrindt. Für konkretere Aussagen zum Zeitplan sei es noch zu früh, da viele technische Details der Nachbesserung in den Werkstätten noch zu klären seien. Die betroffenen Autofahrer bekommen demnächst Post, in den Schreiben wird dann das weitere Vorgehen erklärt. Für den genauen Ablauf in den Werkstätten stünden zudem noch Prüfungen der von Volkswagen vorgeschlagenen Nachbesserungspläne an.

          Der MInister betonte, er gehe davon aus, dass VW in der Lage sei, das Problem zu lösen. „Ob jede einzelne Maßnahme, die jetzt vorgeschlagen ist, geeignet ist dafür, müssen die Fachleute des KBA entsprechend entscheiden.“ Die Anordnungen der Behörde würden vor allem „auch den zeitlichen Faktor betreffen“. VW habe zugesichert, dass den Kunden durch die Umrüstungen keine Kosten entstünden.

          Krisentreffen in Leipzig

          Derweil haben in den Vereinigten Staaten nun auch die obersten Wettbewerbshüter Ermittlungen gegen Volkswagen aufgenommen. Die Handelsbehörde FTC erklärte am Mittwoch, sie habe sich den Untersuchungen anderer Behörden angeschlossen. In den Vereinigten Staaten ermitteln bereits die Umweltbehörde EPA sowie das Justizministerium gegen den Wolfsburger Autokonzern.

          Volkswagen droht wegen der 500.000 von dem Abgas-Skandal betroffenen Dieselfahrzeuge in den Vereinigten Staaten eine Strafzahlung der EPA in Höhe von bis zu 18 Milliarden Dollar (15,7 Milliarden Euro). Die FTC, die dem Schutz von Konsumenten verpflichtet ist, ermittelt unter anderem wegen irreführender Werbung. In den Vereinigten Staaten ist Diesel-Treibstoff teurer als normales Benzin. VW hatte daher in Amerika für seine Dieselfahrzeuge mit dem Hinweis auf den geringeren Schadstoffausstoß geworben.

          In Deutschland wiederum hat der Abgas-Skandal offenbar das VW-Werk im hessischen Baunatal erreicht. Nach einem Bericht der „Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen" ist der Werksleiter beurlaubt worden. Konzernkreise bestätigten den Schritt am Mittwoch, wiesen aber darauf hin, dass sich Beurlaubungen derzeit zunächst auch mit den bloßen Funktionen der Personen erklären können und noch nicht zwangsläufig mit belastenden Indizien zusammenhängen müssen. Für alle bisher beurlaubten VW-Manager gilt generell die Unschuldsvermutung.

          Ein Konzernsprecher wollte den Bericht nicht kommentieren. Mit gut 16 000 Beschäftigten ist das Werk nahe Kassel der größte Arbeitgeber Nordhessens. Die Fabrik sorgt vor allem für Getriebe und alternative Antriebe, bereitet aber auch alte Motoren und Getriebe auf.

          Der neue Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller will an diesem Donnerstag-Vormittag seine Führungsmannschaft auf den Kampf gegen die Folgen des Abgas-Skandals einschwören. Dazu versammeln sich rund 400 Top-Manager des Mehr-Marken-Konzerns im Porsche-Werk in Leipzig. Dort wird Müller über die Ermittlungen, die anstehenden Rückrufe und die verschärften Sparziele informieren. Nach Jahren der Feierlaune in einem Konzern auf Rekordkurs dürfte die Stimmung unter den Führungskräften diesmal angespannt sein.

          Weitere Themen

          Lebensmittelskandal in Australien Video-Seite öffnen

          Nadeln in Erdbeeren gefunden : Lebensmittelskandal in Australien

          Vorsicht beim Reinbeißen ist geboten. Im australischen Bundesstaat New South Wales wurden haufenweise Erdbeerverpackungen mit Nadeln gefunden. Der oder die Verantwortlichen hätten mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren zu rechnen, teilte die Polizei mit.

          Topmeldungen

          Maaßen-Beförderung : Das Dilemma der SPD

          Nach der Beförderung von Hans-Georg Maaßen zum Staatssekretär zeigt sich die alte Zwangslage der SPD: Wie kann man drohen, wenn man zu viel Angst vor den Konsequenzen hat?

          Innenminister Horst Seehofer : Maaßen künftig für Sicherheit zuständig

          Der bisherige Verfassungsschutzpräsident soll als Staatssekretär für den Bereich Sicherheit zuständig werden – allerdings nicht die Aufsicht über seine ehemalige Behörde bekommen, sagt Innenminister Seehofer. Für Maaßen muss ein SPD-Mann gehen.

          Thema Brexit in Salzburg : Der EU-Gipfel soll eine Katastrophe vermeiden

          Beim informellen EU-Gipfel in Salzburg ist der Brexit wieder Thema. Eine Absage an Mays Pläne wird es wohl vorerst nicht geben, denn die Staats- und Regierungschefs haben die Zukunft der britischen Premierministerin im Blick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.