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Kommentar : Die Fälscherwerkstatt in Wolfsburg

Lügner (wie Volkswagen) haben lange Nasen: Greenpeace-Aktion in Wolfsburg. Bild: dpa

Der VW-Skandal weitet sich aus - womöglich auf die gesamte deutsche Autoindustrie. Ruf und Stolz der Wolfsburger sind zerstört. Und zwar nachhaltig.

          Der gestählte Gebrauchtwagenverkäufer ist nie um einen derben Scherz verlegen. „Der Preis steht fest, aber mit den Kilometern können wir Ihnen entgegenkommen“ ist ein immer wieder gern genommener Gag. Bei Volkswagen ist niemandem mehr zum Lachen zumute, dabei ist es in der Wolfsburger Fälscherwerkstatt offenbar über Jahre nach diesem Motto zugegangen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Der Dieselmotor für die Bestseller Golf, Tiguan & Co. erreicht die amerikanischen Abgasgrenzwerte nicht? Da denken wir uns nicht etwa eine tragfähige technische Lösung aus, sondern helfen mit Software-Tricks nach. Wird schon niemand merken angesichts der Millionen Codes, die in dem Programm schlummern. Der Motor verfehlt auch die europäische Norm? Wie praktisch, dass wir die Software haben, dann bauen wir sie hierzulande auch gleich ein. Der Wettbewerb um niedrige CO2-Werte wird immer härter? Macht nichts, wir geben einfach, sagen wir, 90 Gramm an. Ja, 90 klingt gut. Ist besser als der Wettbewerb, macht sich gut für den Flottendurchschnitt und ist überhaupt eine prima Sache. Dazu das eigene Gütesiegel Blue Motion, die perfekte Welt. Es wird keiner entdecken, dass tatsächlich mehr als 100 Gramm ausgepustet werden. Wir sind Volkswagen, wir sind unbesiegbar.

          Jetzt nicht mehr. Die neuesten Nachrichten führen in einen Strudel, der sich bedrohlich der ganzen deutschen Autoindustrie nähert und in dem das Unternehmen VW zu versinken droht. Sein Ruf ist dahin, sein Stolz zerstört, sein Können in Frage gestellt. Allerorten fällt der Satz: „Denen kann man nichts mehr glauben.“ Denen, das sind die Leute, denen von einer Riege über viele Jahre hochangesehener und fürstlich entlohnter Führungskräfte ein Chaos unbegreiflichen Ausmaßes hinterlassen wurde. Sich gegen immer neue Anschuldigungen zu wehren ist der Mannschaft um den frischen Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller geradezu unmöglich. Dabei ist ihm zugutezuhalten, dass er, soweit das von außen zu beurteilen ist, bislang nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit sagt. Früh hat er in einem Interview mit der F.A.Z. die Dimension der manipulierten Abgaswerte umrissen: In elf Millionen Autos mit Dieselmotor ist die Software verbaut, der Rückruf soll Anfang 2016 beginnen und wird rund ein Jahr dauern, für die Kosten sind 6,5 Milliarden Euro zurückgestellt, es war nur eine Handvoll Betrüger am Werk.

          Daran hat sich in den vergangenen Wochen nur insofern etwas geändert, als die Zahl der betroffenen Fahrzeuge auf etwa neun Millionen geschrumpft ist, was selbstredend noch immer skandalös ist, aber wohl bedeuten dürfte, dass die Rückstellungen ausreichen oder gar zu hoch angesetzt sind. Das ist eine gute unter all den schlechten Nachrichten. Freilich kommen die Strafen hinzu, deren Umfang offen ist. Aber alle weiteren Anschuldigungen liefen bislang ins Leere. Weder sind viel mehr Autos betroffen noch viel mehr Mitarbeiter in den Skandal verwickelt, es ist kein zweiter Motorentyp manipuliert, und warum die amerikanische Umweltbehörde nun Werte während der Warmlaufphase in großen Diesel von Audi bis Porsche moniert, an denen sie bislang keinen Anstoß genommen hat, ist ein Mysterium, das womöglich mit amtlicher Kraftmeierei zu tun hat. Aber Volkswagen ist nicht in der Situation, sich mit Behörden anzulegen, also wird der Konzern auch hier nachbessern.

          Piech und Winterkorn verkriechen sich in ihren Villen

          Ein neues Kapitel des Schreckens schlägt die Nachricht auf, für die als besonders sparsam geltenden Blue-Motion-Modelle seien Verbrauchs- und CO2-Werte absichtlich zu niedrig angegeben worden. Das ist Betrug, welcher der Motorenentwicklung zugeschrieben wird. Müller hat die Hiobsbotschaft selbst überbracht und damit seine Glaubwürdigkeit untermauert. Transparenz ist das richtige Mittel, denn ungefährdet im Amt ist auch er nicht. Weitere zwei Milliarden Euro werden zurückgestellt, eine hohe Summe, weil die Kundschaft vermutlich Anspruch auf Wertminderung oder Wandlung hat. Die Quittung an der Börse ist entsprechend.

          Niemand glaubt mehr daran, dass nur ein paar Hilfskräfte ihre toxische Technik dem Management untergeschoben haben, die nun 600.000 Mitarbeiter in Existenzangst versetzt und Aktionäre mit horrenden Kursverlusten bestraft. Zudem ist kaum vorstellbar, dass unter den Zulieferern der ersten Reihe niemand eingeweiht war oder etwas ahnte. Von dort kommen doch jene Komponenten, die das Verhalten eines Motors ausmachen. Und von all den Spezialisten soll niemand in der Lage gewesen sein, Abgaswerte zu berechnen und mit der offiziellen Angabe abzugleichen?

          Wohin der Skandal führt und ob die Untersuchungen noch mehr Machenschaften zutage fördern, ist nicht abzusehen. Vermutlich werden weitere Mitarbeiter aus unteren Ebenen entlassen. Derweil verkriechen sich der große Patriarch Ferdinand Piëch, der langjährige Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn und ihre hochgeschätzte Entourage wie ein Haufen Angsthasen in der Stille ihrer Villen. Ihre Denkmäler sind längst gestürzt. Es ist höchste Zeit für eine Erklärung, wer die Fälscherwerkstatt eingerichtet hat. Damit die Justiz die Richtigen zur Rechenschaft ziehen kann.

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