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Affen-Skandal : Auch Daimler schickt Mitarbeiter nach Hause

  • Aktualisiert am

Ist alles noch viel schlimmer als gedacht? Bild: Greser & Lenz

Ein geheimer Laborbericht enthüllt: Die Abgasversuche an den Affen waren doch schädlich. Und: Es wussten wohl mehr hochrangige Manager von den Versuchen als gedacht. Daimler zieht daraus jetzt Konsequenzen.

          Auch Daimler zieht personelle Konsequenzen aus den umstrittenen Abgasversuchen mit Affen. Der Mitarbeiter, der den Autobauer im Vorstand der Lobbyorganisation EUGT vertreten hatte, werde mit sofortiger Wirkung freigestellt, teilte Daimler am Mittwoch mit. Das habe der Daimler-Vorstand entschieden. Am Dienstag hatte Volkswagen bereits seinen Cheflobbyisten Thomas Steg beurlaubt. Daimler hat nach eigenen Angaben eine Untersuchung eingeleitet und lässt sich dabei von einer externen Kanzlei unterstützen. Man werde den Sachverhalt lückenlos aufklären und sicherstellen, dass sich derartige Vorgänge nicht wiederholen, hieß es.

          Am Mittwoch wurde außerdem bekannt, dass die Abgase, die Affen einatmen mussten, doch schädliche Auswirkungen hatten. Dies geht aus dem Abschlussbericht zu den Laborversuchen hervor, aus dem „Bild“-Zeitung zitiert. Die Versuche an den Affen waren im Auftrag der „Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT)“, einem Lobbyverein mehrerer Autohersteller, durchgeführt worden. Ursprünglich sollte die Studie zeigen, wie stark die Schadstoffbelastung durch modernere Abgastechnik gesunken ist.

          Das hat so offenbar nicht funktioniert. Laut dem Bericht mussten zehn Javaner-Affen vier Stunden lang die Abgase eines VW-Beetles, Baujahr 2013, und eines Ford-Pickups aus dem Jahr 1997 einatmen. Danach wurde den Affen ein Endoskop durch die Nase bis in die Lunge eingeführt, um sie zu untersuchen. Das Ergebnis: Die Abgase des neueren Modells waren für die Tiere weit schädlicher als die des alten Ford. Und das, obwohl der Beetle mit der gleichen Software ausgestattet war, die 2015 den Diesel-Skandal auslöste, sodass das Auto im Labor weniger Stickstoffoxid ausstieß als auf der Straße.

          Die falschen Ergebnisse

          Die „Bild“ zitiert aus ihr vorliegenden E-Mails, dieses Ergebnis habe den Autoherstellern nicht gefallen, daher hätten die Wissenschaftler die Ergebnisse der Studie abgeschwächt. Dadurch kam der finale Bericht erst im Juni 2017 zustande. Er wurde an den EUGT-Geschäftsführer Michael Spallek und Stuart Johnson, Leiter des VW-Umweltbüros in den Vereinigten Staaten, geschickt. Insgesamt habe die Studie mehr als 700.000 Dollar gekostet, wobei der EUGT nicht den vollen Preis bezahlte, da er sich 2017 bereits Liquidation befand – deswegen wurde die Studie auch bis heute nicht veröffentlicht.

          Aus dem VW-Führungskreis kannten die Studie laut „Bild“ wahrscheinlich noch Marcus Hellman, Ko-Vorstandsvorsitzender von VW in Korea, und David Geanacopoulos, hochrangiger Lobbyist in Amerika. VW sei der Hauptauftraggeber gewesen. Von den Experimenten wussten jedoch wohl auch BMW-Manager Frank Hansen, Daimler-Umweltexperte Udo Hartmann, Fraport-Abteilungsleiter Max Conrady und der damalige Bosch-Lobbyist Gunter Zimmermeyer von den Experimenten. Sie waren Vorstandsmitglieder der EUGT.

          Studie als Beweis in Gerichtsverfahren

          Schon seit Monaten kämpft VW in den Vereinigten Staaten gegen die Verwendung des Berichts zu den Abgas-Experimenten in einem Gerichtsverfahren. Das geht aus Gerichtsdokumenten hervor, über die am Dienstag der NDR berichtete. „Wir werden den Rechtsstreit nicht kommentieren“, teilte VW mit. Laut dem Bericht hatten die VW-Anwälte schon am 13. Oktober 2017 beantragt, die Studie vom Verfahren auszuschließen. Sie schrieben: „Der Kläger will nur eine scharfe emotionale Reaktion der Jury hervorrufen, damit sie VW Amerika für etwas bestraft, das mit den Klägern gar nichts zu tun hatte“. Den letzten solchen Antrag hat VW am 26. Januar eingereicht. Klägeranwalt Michael Melkerson hält dem entgegen, die Studie sei ein wichtiges Beweismittel, da sie ein vorsätzliches Schema des anhaltenden Betrugs belege. Zudem zeige sie einen Mangel an Reue und sei deshalb notwendig, um Strafen und Schadenersatz durchzusetzen.

          Der Prozess ist für den 26. Februar am Bezirksgericht Fairfax County im amerikanischen Bundesstaat Virginia angesetzt. Ob es so weit kommt, hängt aber davon ab, ob sich die Parteien zuvor noch außergerichtlich einigen. Trotz der Milliarden-Vergleiche im Diesel-Skandal streitet VW in den Vereinigten Staaten immer noch mit vielen Dieselkunden, die statt auf dem Wege einer Sammelklage auf eigene Faust vor regionalen Gerichten Entschädigung erstreiten wollen. Laut Anwalt Melkerson wurden zunächst sieben solcher Klagen zum Prozess zugelassen. Die vier Fälle, die bislang verhandelt werden sollten, seien jedoch kurz vor Prozessauftakt von VW mit Vergleichen beigelegt worden seien, also außergerichtlichen Einigungen.

          Dass die Affen-Experimente dennoch öffentlich wurden, lag laut Melkerson vor allem am Dokumentarfilmer Alex Gibney, der die Ermittlungsakten für die Dokumentarserie „Dirty Money“ des Streamingdienstes Netflix auftrieb. Nachdem auch die „New York Times“ Zugang erhielt, veröffentlichten am Freitag beide gemeinsam das Material.

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