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Auto-Abgasversuche : Merkel verurteilt Tests als „in keiner Weise zu rechtfertigen“

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Die EUGT hat Affen gezielt Schadstoffen ausgesetzt. Bild: dpa

Die Kritik an Volkswagens Schadstoff-Versuchen mit Affen und Menschen wächst. Jetzt hat sich nicht nur VWs oberster Kontrolleur, sondern auch die Bundeskanzlerin zu Wort gemeldet.

          Der Volkswagen-Aufsichtsvorsitzende Hans Dieter Pötsch hat die Diesel-Schadstofftests mit Affen als „in keinster Weise nachvollziehbar“ bezeichnet. „Im Namen des gesamten Aufsichtsrates distanziere ich mich mit allem Nachdruck von derlei Praktiken“, sagte Pötsch am Sitz des Konzerns in Wolfsburg. Die Vorgänge müssten „vorbehaltlos und vollständig aufgeklärt werden“.

          Er kündigte an, dass sich der Aufsichtsrat bald mit dem Thema beschäftigen werde. „Ich werde alles dafür tun, dass der Vorgang umfassend untersucht wird. Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen.“

          Volkswagen hatte sich am Wochenende für die Versuche in den Vereinigten Staaten entschuldigt, bei denen Affen gezielt Schadstoffen ausgesetzt worden waren. Diese Tests waren Teil einer Studie, die beweisen sollte, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen hat. Die EUGT („Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor“) – eine von VW, Daimler und BMW finanzierte Lobby-Initiative – hatte die Studie beim amerikanischen Lovelace Respiratory Research Institute in Auftrag gegeben. Federführend war laut Studienleiter dabei Volkswagen.

          Keine Stellungnahme war bisher von Pötsch zu weitergehenden Vorwürfen gegen die Autolobby zu hören: So soll die EUGT auch eine Studie gefördert haben, die den Einfluss der Schadstoffe direkt an Menschen getestet hatte.

          Regierungssprecher: „Empörung absolut verständlich“

          Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Tests scharf verurteilt. „Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. „Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich.“ Den Aufsichtsräten der Auftraggeber der Tests komme nun eine besondere Verantwortung zu, kritische Fragen auch zur Zielsetzung der Tests zu beantworten. Die Autokonzerne hätten Schadstoffemissionen zu begrenzen und Grenzwerte einzuhalten und nicht die vermeintliche Unschädlichkeit von Abgasen zu beweisen.

          Der geschäftsführende Bundesverkehrsminister Christian Schmidt (CSU) kritisierte die Tests ebenfalls scharf, die ausschließlich PR-Zwecken dienten, wie ein Sprecher sagte. Die Untersuchungskommission des Ministeriums zum Abgasskandal solle in einer Sondersitzung prüfen, ob es weitere Fälle gibt. Die Autokonzerne seien aufgefordert worden, umgehend und detailliert Stellung zu nehmen.

          Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh forderte kurzfristig personelle Konsequenzen, sollten Verantwortliche noch bei VW beschäftigt sein. „Der Aufsichtsrat ist sich einig: Hier muss schnellstmöglich lückenlos aufgeklärt werden“, betonte Osterloh am Montag in Wolfsburg. „Als VW-Konzernbetriebsrat sind wir erschüttert. Hier sind offensichtlich ethisch-moralische Grenzen überschritten worden.“ Für die Volkswagen-Beschäftigten distanziere er sich klar.

          Weil: Zu bestimmten Zwecken sind solche Testreihen vertretbar

          Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil sagte, geklärt werden müsse auch, ob es weitere Testreihen dieser Art und zu diesem Zweck an und mit Menschen gegeben habe, sagte der SPD-Politiker, am Montag in Hannover. Er sitzt auch im Aufsichtsrat von VW. Schon am Wochenende habe er die Versuche als „absurd und widerlich“ bezeichnet - dies gelte erst recht, wenn es zu Versuchen an Menschen gekommen sein sollte. Die Vertreter des Landes Niedersachsens im Aufsichtsrat wollten „noch heute“ eine dringliche Aufforderung zur Aufklärung an den Volkswagen-Vorstand richten.

          Weil betonte, das Verhalten des Konzerns müsse in jeder Hinsicht auch ethischen Ansprüchen genügen. Es wäre im Interesse aller gewesen, wenn der Vorgang früher bekannt gewesen wäre. Maßgeblich sei der Zweck solcher Testreihen - gehe es darum, die Belastung am Arbeitsplatz zu testen, lasse sich das vertreten. Dienten die Testreihen aber Marketing und Verkaufsförderung, „fällt mir keine auch nur von ferne akzeptable Begründung für ein solches Vorgehen ein“. Das Land Niedersachsen ist VW-Großaktionär.

          Hendricks: „widerwärtige Experimente“

          Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) zeigte sich „entsetzt“. Was bislang bekannt sei, sei „abscheulich“, erklärte sie am Montag in Berlin. Die Hintergründe zu diesem Skandal gehörten jetzt schnell auf den Tisch. Außer der Autoindustrie müsse auch die Wissenschaft ihre Verantwortung dafür aufklären.

          Stickoxide seien gesundheitsschädlich für den Menschen. Dies sei hinreichend belegt, erklärte Hendricks. „Dass eine ganze Branche anscheinend versucht hat, sich mit dreisten und unseriösen Methoden wissenschaftlicher Fakten zu entledigen, macht das Ganze noch ungeheuerlicher.“ Wer so etwas mache, „hat nicht verstanden, was auf der Tagesordnung steht: sich endlich der vollen Verantwortung im Dieselskandal zu stellen“, forderte die Ministerin. Sie äußerte sich "erschüttert", dass sich offenbar Wissenschaftler für die Begleitung dieser „widerwärtigen Experimente“ zur Verfügung gestellt haben.

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