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Menschenversuche mit Abgasen : „Ein vertretbares, geringes Risiko“

Hier fanden die Versuche statt – ganz freiwillig: Uniklinik der RWTH Aachen Bild: EPA

Blutabnahme, Lungenfunktionstest, dann in einer „Anlage“ Stickoxid einatmen. Ein Student, der an den viel diskutierten Menschenversuchen an der RWTH Aachen teilnahm, erzählte nun, wie es im Detail zuging – allerdings unter den Augen seiner Professoren.

          Aachen ist in der Defensive. Die renommierte Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, unter dem Kürzel RWTH ein Aushängeschild der deutschen Hochschullandschaft, muss sich als vermeintlicher Hort für Menschenversuche im Interesse der Autoindustrie rechtfertigen. Dementsprechend groß war das Aufgebot, das die RWTH am Freitag ins Rennen schickte, um gegen die Bedenken, Vorwürfe und Skepsis anzugehen. Die Professoren Thomas Kraus, Direktor des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Uniklinik, Günther Schmalzing, Vorsitzender der Ethik-Kommission an der Medizinischen Fakultät, Stefan Uhlig, Dekan der Medizinischen Fakultät, und Thomas Ittel, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Uniklinik, waren angetreten, um aufzuklären. Es ging um Tests aus den Jahren 2013 und 2014, bei denen Menschen Stickstoffdioxid einatmeten, 25 Probanden waren jeweils drei Stunden lang Stickoxid (NO2) in unterschiedlichen Konzentrationen ausgesetzt.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In dem illustren Kreis fiel Georg Winkens sofort auf, denn er gehört nicht zum Führungspersonal der Uniklinik – er war vielmehr Teilnehmer der umstrittenen Studie. Er war zum Zeitpunkt der Studie Physik-Student und wurde zum Probanden wie die anderen, bislang unbekannten Teilnehmer auch: Die RWTH hatte sie über Aushänge in der Hochschule, Mailverteiler und Mund-zu-Mund-Propaganda gesucht. Wilkens ist bislang der einzige, der aus erster Hand über den Versuch in Aachen berichtet, und er reiht sich ein in den Tenor der Professoren an seiner Seite: Da sei zu viel Hysterie im Spiel, alles sei viel harmloser gewesen als derzeit öffentlich dargestellt. „Die Teilnahme war völlig unproblematisch“, sagte Wilkens, er habe auch „keine Nachwirkungen“ feststellen können.

          Er sei morgens zu der Versuchsanlage gefahren, habe dort die anderen Probanden getroffen und die medizinischen Voruntersuchungen hinter sich gebracht, Blutabnahme und Lungenfunktionstest. Dann sei er mit den anderen in die Anlage gegangen, habe sich dort aufgehalten und einmal in der Stunde auf einem Trimm-Dich-Rad seine körperliche Belastung gesteigert. „Als die Zeit um war, bin ich wieder rausgegangen“, sagte er ganz unaufgeregt. Dann folgten die Nachuntersuchungen. Wie viel Honorar es für ihn und die anderen gab, verriet er nicht. Nur so viel: „Die Diskussion ist sehr überhitzt. Man sollte die Kirche im Dorf lassen, bei den Versuchen ist nicht viel passiert.“

          Mit dieser Haltung war er der ideale Nebenmann für die Professoren der RWTH in an diesem Tag der Selbstverteidigung. Das Quartett erzählte, wie die Studie zunächst in München angesiedelt war und erst nach technischen Problemen dort nach Aachen gekommen war. Da sei der umstrittene Geldgeber namens EUGT (Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor), ein von der Autoindustrie finanziertes Lobbybündnis, schon im Boot gewesen. Unternehmen wie Daimler, Volkswagen, BMW und Bosch hatten die Forschungsgruppe EUGT 2007 gegründet. Ziel war es, die Gesundheitsfolgen von Schadstoffen wie das von Dieselmotoren ausgestoßene Stickoxid zu erforschen. Der Lobbyverein wollte 2014 mit Versuchen an Affen offenbar nachweisen, dass Dieselabgase weit weniger gefährlich sind als von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgestellt. Und ausgerechnet er förderte auch die Versuche in Aachen.

          „Strengste, kontrollierte Bedingungen“

          So ganz verstehen können die Mediziner die Aufregung und die öffentliche Aufwallung immer noch nicht. Anlass für die Studie sei ja ohnehin eine Diskussion um die Absenkung der sogenannten Maximalen Arbeitsplatz-Konzentration (MAK) für Stickstoffdioxid gewesen. „Wir haben mit Befremden festgestellt, dass die Studie öffentlich kritisiert wurde“, sagte Thomas Kraus. Sie habe schließlich „guter wissenschaftlicher Praxis“ entsprochen, „wie sie auf der ganzen Welt üblich ist.“ Kein Mensch habe durch eine Teilnehme krank werden können, sagte er. Die Versuche hätten unter „strengsten, kontrollierten Bedingungen“ stattgefunden. Es habe „keine Bedenken“ gegeben, sagte Günther Schmalzing. Die Konzentration sei niedrig, die Dauer der Belastung gering gewesen. Es habe „ein vertretbares, geringes Risiko“ vorgelegen. 

          Bleibt allerdings die Frage nach dem Financier der Versuche, der in diesem Fall dummerweise die inzwischen schlecht beleumundete EUGT war. Hier schwankten die RWTH-Verteidiger zwischen Rechtfertigung und später Reue. Einerseits: Unterstützung von Forschung durch Unternehmen sei üblich und nicht zu beanstanden, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Wenn etwa kein Einfluss auf das Studiendesign oder die Durchführung genommen wird, die Veröffentlichung der Ergebnisse in der Hand der Uni bleibt und die Förderung transparent ist. Das sei durchgehend der Fall gewesen. Andererseits: Die EUGT hat nach den Versuchen in Aachen eine unglückliche Rolle im Dieselskandal gespielt, als deutlich wurde, dass es um Lobbyarbeit im Interesse der Diesel-Technologie ging, nicht um Forschung mit offenem Ergebnis. Das sorgt in Aachen bis heute für Zerknirschung. „Für uns war damals nicht erkennbar, dass EUGT unlautere Zwecke erfüllen würde“, sagte Kraus. Er sprach von „Schindluder“. Aber das sei für die Aachener zum Zeitpunkt der Studie nicht erkennbar gewesen. „Wir wussten auch nichts von den Versuchen mit Affen“, sagte er.  

          Auch Kollege Schmelzing gab zu, dass der umstrittene Geldgeber „zu wenig hinterfragt“ worden sei. „Ich finde aber nicht, dass wir reingefallen sind“, sagte er. „Wir sind zwar klüger geworden, aber wir haben damals keinen Fehler gemacht, als wir uns auf die Studie eingelassen haben.“

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