http://www.faz.net/-gqe-90gz8

Risikoforscher im Interview : „Kühe sind gefährlicher als Autos“

45 Prozent der Menschen in Deutschland, die an Folgen von Luftverschmutzung sterben, sollen auf das Konto der Landwirtschaft gehen. Bild: dpa

Ganz Deutschland hat Angst vor dem Diesel. Doch ist die überhaupt berechtigt? Risikoforscher Gerd Gigerenzer spricht über den deutschen Hang zur Panik, die Gefahren des Lampenöls – und wie sehr die Landwirtschaft die Luft verpestet.

          Herr Gigerenzer, in Deutschland sterben jedes Jahr 10.000 Menschen an Dieselabgasen, heißt es. Über welche Toten reden wir da?

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das sind Schätzungen, einen kausalen Beweis für diese Zahlen haben wir nicht. Unsere Kollegen vom Max-Planck-Institut für Chemie haben schon vor zwei Jahren geschätzt, dass weltweit 3,3 Millionen Menschen pro Jahr durch Luftverschmutzung sterben, in Deutschland 34 000. Hauptursache sind weltweit häusliche Kleinfeuer und in Deutschland mit 45 Prozent die Landwirtschaft. Der Verkehr macht bei uns 20 Prozent aus, also immer noch 7000 Tote.

          Wie kommen die Zahlen zustande?

          Das ist nicht immer ganz durchsichtig. In der Landwirtschaft geht es um die übermäßige Verwendung von Düngemitteln. Dadurch gelangt Ammoniak in die Atmosphäre, das sich in Nitrat verwandelt, am Ende hat man Stickoxide.

          Die Kuh ist gefährlicher als das Auto?

          So könnte man es sagen. Wie viele Menschen daran sterben, ist aber umstritten.

          „Auf einmal redet alle Welt von Feinstaub und Stickstoff. Die gute Klimabilanz der Dieselautos interessiert niemanden mehr“, sagt Risikoforscher Gerd Gigerenzer.
          „Auf einmal redet alle Welt von Feinstaub und Stickstoff. Die gute Klimabilanz der Dieselautos interessiert niemanden mehr“, sagt Risikoforscher Gerd Gigerenzer. : Bild: Jörg Modrow/laif

          Wonach soll ich mich dann richten?

          Ich finde die vergleichende Frage am nützlichsten: Wie viel Feinstaub verursacht der Diesel im Vergleich zu anderen Dingen, die man täglich benutzt? Eine Stunde Kaminfeuer entspricht etwa 100 Kilometern Autofahrt. Drei Zigaretten verursachen zehnmal so viel Feinstaub wie ein alter Euro-3-Diesel in einer halben Stunde. Das können wir messen, ohne über die Zahl der Toten zu spekulieren.

          An den Abgasen in der Stadt komme ich nicht vorbei. Ob ich rauche, entscheide ich selbst.

          Nicht, wenn andere in Ihrer Anwesenheit rauchen. Statt mit dem Auto zu fahren, können Sie öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Jeder Einzelne kann zur Verringerung des Feinstaubs beitragen. In Deutschland reagieren wir schnell mit Angst und Panik, statt zu fragen: Was kann ich denn tun?

          In der Zeitschrift „Nature“ stand, es gebe in den Industrieländern 107 000 Dieseltote pro Jahr, davon 38 000 aufgrund von Grenzwert-Überschreitungen. Das heißt: Auch unterhalb des Grenzwerts ist es gefährlich?

          Feinstaub ist immer gefährlich, die Belastung sollte so gering wie möglich sein. Aber jede Grenze ist willkürlich. Nehmen Sie den Body-Mass-Index fürs Körpergewicht: Die Grenze des Normalen wurde immer weiter nach unten verschoben. Heute liegt sie bei 25. Dabei zeigen die Studien: Leute, die nach diesem Maßstab leichtes Übergewicht haben, um die 27, leben am längsten. Solche Grenzwerte werden zwischen Interessengruppen ausgehandelt. Man will oft Menschen verängstigen. Je mehr Angst die Leute haben, desto besser kann man ihnen etwas verkaufen.

          Luftverschmutzung : Fahrverbote nach Diesel-Gipfel nicht vom Tisch

          Die Belastung mit Feinstaub und Stickoxiden geht seit Jahren zurück.

          In Deutschland ist auch das Treibhausgas CO2 seit 1990 rückläufig. Darüber wird in der aktuellen Debatte erstaunlich wenig gesprochen. Das war einmal der Grund, warum der Diesel gegenüber dem Benziner bevorzugt wurde: weil er weniger CO2 ausstößt. Wir lieben die eindimensionale Debatte. Vorher ging es gegen CO2 und Benziner, jetzt geht es gegen Stickoxide und Diesel. Was wollen wir eigentlich?

          Elektroautos, weil sie beide Probleme auf einmal lösen?

          Aber wir wollen auch zugleich keine Atomkraftwerke! Wir erzeugen fast die Hälfte unseres Stroms aus Kohle. Deshalb hat, anders als in Frankreich, ein Elektroauto in Deutschland sogar eine leicht höhere CO2-Emission als ein Diesel – wegen der Strombereitstellung. Durch unsere spezifischen Ängste haben wir in Deutschland eine sehr inkonsistente Diskussion.

          Man könnte den Wind- oder Solarstrom ausbauen.

          Das wäre gut, wird aber dauern. Und auch hier gibt es wieder die Ängste der Deutschen, die zum Beispiel in ihrer Gegend keine Stromtrassen haben wollen.

          Die Amerikaner fürchten den Diesel seit je als Krebserreger, die Deutschen sorgen sich ums CO2. Was ist spezifisch deutsch an diesen Ängsten?

          Die meisten Deutschen haben andere Ängste als die Amerikaner, wir fürchten uns ein Stück weit vor dem Fortschritt. Manche dieser Ängste sind nahe am Verfolgungswahn. Nehmen Sie das Verpixeln der Häuser bei Google Street View, das gibt es fast nur in Deutschland! Was wir brauchen, ist mehr Risikokompetenz: Was ist die Evidenz für die Angst, die man mir einreden möchte? Und wer hat ein Interesse, sie zu schüren?

          Wenn Sie sagen, die Landwirtschaft ist viel gefährlicher als der Straßenverkehr: Warum setzt man nicht dort strengere Grenzwerte durch, statt die Autofahrer zu quälen?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Robert Mueller in Bedrängnis : Gibt es bald einen zweiten Sonderermittler?

          Erst war es eine obskure Idee einiger rechter Trump-Anhänger, aber jetzt rufen immer mehr Republikaner nach einem zweiten Sonderermittler. Der soll auch gegen Hillary Clinton ermitteln – deren vermeintliche Vergehen lassen Trump und seine Leute nicht los.
          Hoffnungsträger der Wirtschaft: Südafrikas Vizepräsident Cyril Ramaphosa

          ANC-Parteitag in Südafrika : Wer wird Jacob Zumas Nachfolger?

          Südafrikas Vizepräsident Ramaphosa ist Favorit der Wirtschaft im Ringen um den Vorsitz der Regierungspartei. Aber auch die frühere Ehefrau des scheidenden Jacob Zuma hat gute Chancen. Darum wird der ANC-Parteitag richtig spannend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.