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Abgasskandal : Von wegen Neuanfang

Matthias Müller, der neue VW-Chef, machte seine ganze Karriere im Unternehmen. Bild: dpa

Volkswagen will jetzt großreinemachen. Wer’s glaubt, wird selig. An der Spitze gab es zwar einen Wechsel zu Matthias Müller. Tatsächlich dominieren aber weiterhin Filz und Klüngel.

          Man trägt jetzt Neuanfang in Wolfsburg: „Ich werde alles tun, damit die Vorgänge restlos aufgeklärt werden“, sagt der neue VW-Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch nach seiner Wahl am vergangenen Mittwoch. „Die Ermittlungen werden konsequent und mit Hochdruck vorangetrieben.“ Ein Pathos der Entschlossenheit ist gefragt (und wird von den teuer angeheuerten Krisen-PR-Strategen angeraten), das beweisen soll, wie ernst man es meint: „Die vom Aufsichtsrat beauftragte Anwaltskanzlei dreht buchstäblich jeden Stein um“, fügt Pötsch hinzu.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch schon die Sprache der Aufklärer macht misstrauisch, weil sie die Fakten verschleiert. Von welchen „Vorgängen“ ist die Rede? Wonach wird ermittelt? Und warum suchen die Ermittler „buchstäblich“ unter Steinen (und nicht unter Autos oder in Computern der Manager)? Der Skandal selbst, dass nämlich bei neun Millionen Dieselautos weltweit in betrügerischer Absicht der Abgasausstoß manipuliert wurde, taucht in den ausziselierten Pressemitteilungen sprachlich gar nicht mehr auf. Man soll den Anlass wohl vergessen. Lieber lässt man jetzt in jedem Satz dreimal das Wort „Compliance“ - Regeltreue - fallen, beruft sogar einen eigenen Vorstand für Compliance.

          Von Betrug will auch der neue VW-Chef Matthias Müller im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht sprechen, sondern von einem „schwerwiegenden Fehler“. Wenn das so ist, dann geht’s ja noch. Fehler kommen vor. Zumal Müller Wert darauf legt, dass nur „wenige Entwickler in der Motorsteuerung“ verantwortlich waren. Eine kleine radikale Minderheit eben. Aufbruch und Neuanfang leben von der Beschwörung der Stärke der Mehrheit: „Wir werden diese Krise bewältigen, weil Volkswagen ein Konzern mit starker Substanz ist und die beste Auto-Mannschaft hat, die man sich wünschen kann“, rief Müller den 20.000 Arbeitern zu, die am Dienstag zur Betriebsversammlung kamen. Und der Betriebsrat verteilte die passenden T-Shirts dazu. Das schweißt zusammen.

          VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, eben noch glühender Winterkorn-Fan, predigt jetzt den Kulturwandel.

          Legal, aber noch lange nicht klug

          Mögen sie in Wolfsburg auch die beste Auto-Mannschaft haben, sie haben zugleich die schlechteste Unternehmensführung („Corporate Governance“) in einem deutschen Großkonzern weit und breit. Darin sind sich Investoren wie Professoren weitgehend einig. „VW ist generell ein bisschen anders als gewöhnliche Unternehmen“, sagt Großinvestor Hans Christoph Hirt, ein Deutscher, der für den britischen „Hermes“-Fonds Milliarden verwaltet. Von Volkswagen halten sich angelsächsische Profis seines Schlages fern:

          Lange hatten sie kritisiert, dass Wolfsburg sich nicht an die üblichen Regeln von Mitsprache und Kontrolle durch die Aktionäre halte. Jedoch alles bitten, betteln, mahnen half nichts, bis die Investoren einsehen mussten: VW ist eine Welt für sich. Mit normalen Maßstäben sei Volkswagen nicht zu messen, bestätigt Henning Gebhardt von der Deutsche-Bank-Vermögensverwaltung DWS, jeder andere deutsche Autokonzern sei sauberer: „Kein einziger VW-Aufsichtsrat ist unabhängig. Wir beobachten den Konzern seit Jahren kritisch aufgrund der Corporate Governance - also der Grundsätze guter Unternehmensführung.“

          Hans Dieter Pötsch, neuer Oberkontrolleur, zuvor Finanzvorstand: Warum hat er nicht früher Alarm geschlagen?

          Denn diese Grundsätze werden bei VW seit Jahren mit Füßen getreten. Selbst in der jetzigen, nach einhelligem Bekunden schwersten Krise in der Geschichte des Unternehmens soll daran nicht gerüttelt werden - aller Rhetorik von Neuanfang und Kulturwandel zum Trotz. Das zeigt die Berufung von Hans Dieter Pötsch zum Aufsichtsratschef im Handstreich durch ein Gericht und nicht, wie üblich, durch eine Hauptversammlung. Nicht genug, dass der Mann als langjähriger VW-Finanzvorstand Teil des Systems ist, das er jetzt reinigen soll, sehen die Grundsätze der guten Unternehmensführung vor, zwischen operativer und beaufsichtigender Tätigkeit eine zweijährige Abkühlphase einzulegen.

          Kein Akt der Stärke, sondern einer der Schwäche

          Darüber haben sich die Großaktionäre - die Familien Porsche und Piëch - mit ihrer Mehrheit hinweggesetzt, was legal ist, deshalb aber noch lange nicht klug. Denn die Berufung Pötschs ist, nach allem, was man verlässlich hört, kein Akt der Stärke, sondern einer der Schwäche: Der Mann - persönlich ist er unbescholten - war einfach der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die notorisch zerstrittenen Familien zu einigen vermochten. „Die Eigentümerfamilien sind führungslos“, heißt es aus dem Aufsichtsrat. In einer Marktwirtschaft, in der die Eigentümer das Sagen haben, ist damit auch das Unternehmen Volkswagen führungslos.

          Jeder niedersächsische Ministerpräsident redet im VW-Aufsichtsrat mit, auch Stephan Weil.

          Bei VW dominieren Filz und Klüngel, aber alles andere als klare und transparente Führungs- und Verantwortungsstrukturen. Maßgeblicher Teil dieser Verfilzung sind Gewerkschafter der IG Metall und Betriebsräte, die sich nicht nur ebenfalls wie Eigentümer benehmen, sondern sich auch als solche fühlen. Niemand hält sich so hartnäckig bei VW an der Macht wie die Arbeitnehmer - sieht man einmal ab von den Politikern des Landes Niedersachsen, die ebenfalls sakrosankt sind und keine unternehmerischen, sondern Standortinteressen vertreten.

          Bernd Osterloh, VW-Betriebsratschef und immer Seit an Seit mit Winterkorn, hat bis zuletzt zu ihm gehalten. Als dann wirklich nichts mehr zu halten war, setzte er sich flugs an die Spitze der Neuerer, Aufklärer und Kulturwandler. Uwe Hück, legendärer Betriebsratschef von Porsche, treibt seine Wendehalsigkeit zu einsamer Perfektion: Mit opportunistischem Spürsinn besonderer Güte wechselte er in wenigen Jahren mehrfach die Seiten, um ja nicht die Macht zu verlieren.

          Auch Audi hat Dieselmotoren manipuliert. Chef in Ingolstadt bleibt Rupert Stadler.

          Erst hängt er sich an Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, solange der drauf und dran ist, VW zu erobern, dann an dessen Widersacher Winterkorn. Und nun eben an den nächsten großen Chef, Matthias Müller. Da aber alle diese grandiosen Arbeiterführer stets Kumpanei mit dem Management pflegten (bei Bedarf zu Lasten der eigenen Klientel) und somit wesentliche Stützen des Systems sind, beklagen sie nun am lautesten, wie verrottet die Kultur bis gestern doch gewesen sei, und sie haben ja recht: Ein Neuanfang muss her, ein wirklicher Neuanfang.

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