http://www.faz.net/-gqe-891kw

Abgasaffäre : Das VW-Problem

Die VW-Zentrale in Wolfsburg. Bild: AFP

Manche stellen wegen des Abgasskandals bei VW die ganze deutsche Wirtschaft an den Pranger. Doch die Affäre ist kein Beleg für massenhaften Betrug. Das Problem ist ein anderes.

          Mit Lust am Skandalisieren scheinen manche den Untergang von Volkswagen herbeischreiben zu wollen. Andere unterstellen gleich der ganzen deutschen Wirtschaft Betrug. Dabei haben sie keinen Beleg für die vermeintliche Deutsche Gauner AG. Egal, für die einen war schon immer klar, dass Kapitalismus nur aus Täuschung und Ausbeutung besteht. Seltsam nur, dass es in diesen Tagen so viele nach Deutschland zieht, weil hier angeblich Milch und Honig fließen. Manche ziehen auch von der Korruption bei Siemens über die Deutsche Bank eine Linie zu VW. Das ist weder klug noch gerechtfertigt. Die moralisierend vorgetragene Anschuldigung, deutsche Autohersteller würden zum Schaden der Umwelt Kunden, Regierungen und Öffentlichkeit mit manipulierten Abgaswerten betrügen, ist eine reine Behauptung. Hierfür gibt es keinen Beweis. Hingegen gibt es das Versprechen ohne Einschränkung von BMW, Mercedes und anderen Herstellern, dass ihre Autos ohne Softwaretricks die Abgasgrenzwerte einhalten. Warum wird trotzdem massenhafter Betrug unterstellt?

          Manchen kann auch die Dimension des Skandals einfach nicht groß genug sein. Nachdem VW klarstellte, dass man für die Reparatur der betroffenen Fahrzeuge 6,5 Milliarden Euro zurückgestellt habe und man die angebliche Strafe in Höhe von 18 Milliarden Euro nur aus Medien kenne, meldete eine Zeitung aus Süddeutschland, dass der Schaden bis zu 50 Milliarden Euro betragen werde. Das spornte wohl einen publicitysüchtigen Ökonomen aus Berlin an, der tags drauf die Schadenssumme mal eben auf 100 Milliarden Euro verdoppelte. Solche Luftbuchungen sind weder seriöse Berichterstattung noch seriöse Wissenschaft. Dass nun das Kraftfahrtbundesamt einen behördlichen Rückruf der betroffenen VW-Fahrzeuge anordnet, ist ungewöhnlich, angesichts der Größe des Skandals und des politischen Wellenschlags jedoch angemessen.

          VW-Standorte : Städte fürchten um Einnahmen

          Verschwörungstheoretiker geben den Ton an

          Ja, auch bei Siemens und in der Deutschen Bank haben Vorstände und Aufsichtsräte versagt. Deswegen wurden sie teils abberufen, so wie bei VW auch. In diesen Unternehmen waren die Mängel in der Führung und Kontrolle ebenfalls gravierend, doch die Verfehlungen waren ganz unterschiedlich. Bei Siemens wird gerne vergessen, dass bis kurz vor der Entdeckung der schwarzen Kassen der Gesetzgeber dafür gesorgt hatte, dass das Zahlen von Schmiergeld im Ausland steuerlich abzugsfähig im Inland war. Bei der Deutschen Bank haben nicht heimische Firmenkundenbetreuer, sondern angelsächsische Investmentbanker Kunden und Märkte betrogen. Und bei VW sollte man abwarten, wie die Ermittlungen ausgehen, bevor man sein Urteil fällt.

          Ein Beweis ist das Wiederholen der Behauptung, nur ein riesiges, kriminelles Netzwerk in Wolfsburg und darüber hinaus könne für den Skandal verantwortlich sein, jedenfalls nicht. Das wissen auch Organisationssoziologen nicht besser, die einfach behaupten: So funktionieren Unternehmen. Plumper und leichtfertiger kann man die deutsche Wirtschaft nicht unter Generalverdacht stellen. Auf die Frage, wie man einen großen, systematischen Betrug mit so vielen Mitwissern unter der Decke habe halten können, haben die Verschwörungstheoretiker keine überzeugende Antwort.

          Das Problem ist die Struktur bei VW selbst

          Natürlich ist es schwer zu glauben, dass einige Software- und Motorenentwickler VW in die schwerste Krise der Unternehmensgeschichte gestürzt haben sollen. Aber bei Volkswagen ist alles möglich – sogar so etwas. Das wissen diejenigen Kritiker von VW, die schon lange und laut die Zustände in Wolfsburg beklagen.

          In wohl keinem anderen Konzern wurde die notwendige Trennung von Führung und Kontrolle so sehr ausgehebelt wie bei VW, wurde mehr gemauschelt, hatten Politiker und Gewerkschafter einen größeren Einfluss. Gibt es überhaupt ein anderes privates Unternehmen, für das ein eigenes Gesetz gemacht wurde? Haupteigentümer von VW sind zwei verfeindete Familienstämme, die sich paralysieren. Es gibt einen mächtigen Betriebsratsvorsitzenden, der jeden neuen Vorstandschef beklatscht, dessen Traumgehalt absegnet und als Teil des Systems ein Teil des Problems und nicht der Lösung ist. Im Aufsichtsrat sitzen Vertreter des Landes Niedersachsen, die ihre Standortinteressen vertreten, obwohl nicht alles, was gut für Wolfsburg ist, gut für VW sein muss, auch wenn man das in der Stadt anders sieht. Und es gibt nun einen Aufsichtsratsvorsitzenden, der seit 2003 dem Konzernvorstand angehörte und damit ebenfalls Teil des alten Systems war, selbst wenn er nichts von den Manipulationen ahnte oder wusste, was man ihm glauben mag. Aber für die alte Führungskultur ist auch er verantwortlich, weshalb es ihm an Glaubwürdigkeit für seine neue Rolle als Chefaufklärer fehlt.

          Anstatt wegen des Betrugs von VW die gesamte deutsche Industrie madig zu machen, sollte man den Skandal zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, ob nicht auch das VW-Gesetz ein Teil des Problems ist. Diese Krise kann der neue, entschlossene Vorstandsvorsitzende für einen echten Umbau des Konzerns nutzen. Gelingt ihm das, winkt VW eine bessere Zukunft als zuvor. An der Börse wetten die ersten Anleger bereits darauf.

          VW-Skandal : Kraftfahrt-Bundesamt zwingt VW zu Rückruf-Aktion

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Kältewelle trifft Obdachlose in Amerika hart Video-Seite öffnen

          Leben im Freien : Kältewelle trifft Obdachlose in Amerika hart

          Seit Weihnachten hat eine Kältewelle weite Teile Nordamerikas im Griff - vor allem für Obdachlose ist das ein Problem. Auf der Straße helfen sie sich mit dicker Kleidung oder Feuern, die Suppenküchen und Obdachlosenunterkünfte etwa in Washington D.C. sind proppenvoll.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          SPD-Spitze auf Parteitag : Ein Problem namens Schulz

          Die SPD wird mit der Union über eine große Koalition verhandeln – doch nach dem Auftritt des Parteichefs klatschen die Delegierten nur 60 Sekunden. Von Andrea Nahles dagegen sind sie begeistert. Sie hält die Rede, die Schulz hätte halten müssen.

          Türkeis Offensive in Syrien : Der vergiftete Olivenzweig

          Die Türkei hat ihren zweiten Feldzug im Norden Syriens begonnen. Doch diesmal geht es nicht gegen den Islamischen Staat. Die neuen alten Gegner sind die Kurden. Das hat auch Auswirkungen auf die Beziehungen zu Russland.

          Handball-EM : Das große Dilemma der Deutschen

          Die Handballer zeigen gegen Dänemark die beste Leistung im Turnier. Trotzdem gibt es die erste Niederlage bei der EM. Der Einzug ins Halbfinale ist für die Deutschen nun in weiter Ferne.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.