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Neues Testverfahren : So sollen Abgastricks ein Ende haben

Ein Porsche Cayenne mit Dieselantrieb Bild: Reuters

Am Freitag führt die Europäische Union ihr neues Testverfahren mit Straßenmessungen ein. Worauf müssen sich die Autohersteller beim neuen System einstellen?

          Ende Juli rechnete Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) vor, wie manipulierte Dieselmotoren aus dem Hause Volkswagen in Abgastests tricksen. Dobrindt berichtete damals von einer unerlaubten Abschalteinrichtung in rund 22.000 Dieselfahrzeugen des Porsche-Modells Cayenne. Als unerlaubte Abschalteinrichtung wird Technik klassifiziert, welche die Abgasreinigung so manipuliert, dass sie lediglich auf dem Prüfstand die geltenden Grenzwerte für den Schadstoff Stickoxid einhalten. Porsche habe eine „Aufwärmstrategie“ verwendet, die in diese Kategorie falle, sagte Dobrindt. Das Ergebnis: Mit Abschalteinrichtung stieß der Cayenne-Diesel auf dem Prüfstand 54,9 Milligramm Stickoxid je Kilometer aus, ohne waren es 138,55 Milligramm – mehr als anderthalb mal so viel wie erlaubt.

          Ob unerlaubte Abschalteinrichtung oder nicht – generell sind Prüfstandsergebnisse und auf der Straße gemessene Abgaswerte oft voneinander entfernt. Das zeigte auch der „Bericht der Untersuchungskommission Volkswagen“ aus dem April vorigen Jahres. Im Nachgang des Abgasskandals von Volkswagen hatte das Kraftfahrtbundesamt 53 Dieselautos verschiedener Hersteller getestet. Auf dem Prüfstand unterboten fast alle Autos den Grenzwert von 80 Milligramm Stickoxid je Kilometer. Auf der Straße lagen die Stickoxidemissionen dagegen teils um das Zehn- oder Zwölffache über dem Grenzwert für den Prüfstand. Das starke Auseinanderfallen der Werte war erlaubt. Bis jetzt.

          Für die Typ-Genehmigung neuer Autos

          Von diesem Freitag an müssen sich Autohersteller einem neuen Testverfahren unterziehen, wenn sie die „Typgenehmigung“ für ihre Autos erhalten wollen. Eine Typgenehmigung ist die Erlaubnis, ein Auto in Serie produzieren zu dürfen. Das Zertifikat bescheinigt, dass ein Fahrzeug geltende Bau- und Betriebsvorschriften erfüllt. Bisher mussten die Hersteller dafür nach dem „Neuen Europäischen Fahrzyklus“ beweisen, dass sie die Grenzwertvorgaben einhalten. Dabei handelt es sich um eine 20 Minuten lange Simulation auf einem Rollenprüfstand, die das durchschnittliche Fahrverhalten abbilden soll. Das von September an in der EU geltende Verfahren heißt WLTP, was für „Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure“ steht – ein international einheitlicher Test für Personenkraftwagen.

          Obwohl auch WLTP wie das Vorgängerverfahren auf dem Prüfstand läuft, sei dieses Verfahren realitätsnäher, sagen Fachleute: Es dauert länger, bildet eine längere Strecke ab, sieht höhere Durchschnitts- und Höchstgeschwindigkeiten vor. Teil des neuen Verfahrens sind auch Prüfungen auf der Straße, um reale Abgaswerte, die „Real Driving Emissions“ (RDE), zu ermitteln. Der RDE-Test gilt von diesem September an für die Typ-Genehmigung neuer Autos. Von September nächsten Jahres an sollen dann sogar alle Neuzulassungen reale Emissionsgrenzwerte einhalten.

          „Die Grenzwerte nicht zu erfüllen ist keine Option“

          Zu 100 Prozent werden sich Prüfstandsergebnisse und RDE-Ergebnisse auch in Zukunft nicht decken. Dafür sorgen „Konformitätsfaktoren“. Bis Januar 2020 dürfen die Autos auf der Straße noch gut doppelt so viele Stickoxide ausstoßen wie auf dem Prüfstand. Dort gilt weiter die Obergrenze von 80 Milligramm je Kilometer. Auf der Straße wären maximal 168 Milligramm Stickoxide je Kilometer erlaubt. Erst von Januar 2020 an müssen sich die Werte fast decken – lässt man den dann noch zugestandenen Messtoleranzspielraum von 40 Milligramm einmal beiseite.

          Die Branche lobt die neuen Tests und die damit verbundenen Grenzwerte, deren Einführung schon vor dem Betrugsskandal rund um VW beschlossen wurde. „Aus Sicht der Automobilindustrie sind dies richtige und wichtige Schritte, um Messunterschiede zwischen Prüfstand und Straße künftig zu verringern“, heißt es vom Verband der Automobilindustrie. Die Branche befürworte seit Jahren Straßenmessungen und den neuen Labortest.

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          Mancher Hersteller hat sich denn auch schon seit längerem auf die neuen Tests eingestellt. Beim bayerischen Premiumproduzenten BMW beschäftige sich eine „achtbare Zahl“ an Mitarbeitern der Entwicklungsabteilung seit geraumer Zeit ausschließlich mit RDE-Tests, heißt es. Man sei zuversichtlich, die Vorgaben für die Typ-Genehmigungen von September an zu erfüllen. Und was die Vorgaben für Neuzulassungen vom September nächsten Jahres an betrifft, lautet die Devise: „Die Grenzwerte nicht zu erfüllen ist keine Option.“ Die Werte nicht einzuhalten käme ohnehin einem Verkaufsverbot gleich.

          Der Stuttgarter Hersteller Daimler teilt mit, er unterstütze ebenfalls die Einführung der neuen Messverfahren. In den vergangenen fünf Jahren habe das Unternehmen zudem rund 3 Milliarden Euro ausgegeben, um eine neue Motorengeneration zu entwickeln. Das Geld sei unter anderem in den Vierzylinder-Motor OM 654 geflossen, der seit April vorigen Jahres in der E-Klasse verbaut wird. Dieser Motor erfülle schon heute die Grenzwerte, die von diesem Freitag an gelten werden.

          Quelle: F.A.Z.

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