http://www.faz.net/-gqe-8d2k5

Abgas-Skandal : Wechselzeiten in der VW-Werkstatt

Mangel an Diplomatie: Der neue VW-Chef Matthias Müller will kein „Industrieschauspieler“ sein. Bild: dpa

Der ganze VW-Konzern müht sich um eine Lösung des Abgas-Skandals. Doch es bleibt das Gefühl, die Ingenieure bekämen das Problem nicht in den Griff.

          Die spektakulärste Rückrufaktion der Automobilgeschichte ist angelaufen. Sie soll zugleich die Rückkehr zu einem Alltag markieren, in dem nicht mehr jeder Morgen mit dem Wort Abgas beginnt. Doch davon kann keine Rede sein, leider, darf man wohl sagen, für die 600.000 aufrichtig ihrer Arbeit nachgehenden Mitarbeiter dieses bis vor kurzem stolz nach Platz eins des Zulassungspodiums strebenden Konzerns.

          Jetzt holt Volkswagen kleinlaut Millionen Autos mit die Abgaswerte manipulierender Software in die Werkstätten. Die Reparatur dauert keine Stunde. Allerdings muss der Rückruf für jedes Modell einzeln vom Kraftfahrtbundesamt genehmigt werden, das macht den Ablauf zäh. VW glaubt gleichwohl daran, bis Jahresende alle europäischen Fahrzeuge gesetzeskonform umgerüstet haben zu können. Auch in Taiwan und Russland sieht sich der Konzern auf gutem Weg. In Südkorea aber herrscht verzögernder Ärger. Und der ist noch gar nichts gegen das Ungemach, das aus den Vereinigten Staaten droht.

          Vier Monate nach Bekanntwerden des Skandals haben die Ingenieure in Wolfsburg noch immer keine technische Lösung gefunden, die auf Zustimmung der amerikanischen Umweltbehörde trifft. Das ist mehr als misslich, denn obgleich Volkswagen dort nur lächerliche 300.000 Autos im Jahr verkauft, droht sich das Schicksal des ganzen Konzerns am Gelingen dieser Mission zu entscheiden.

          Ein Gefühl von Inkompetenz

          Die 100.000 ältesten Autos in Amerika will VW zurückkaufen, aufwendig umbauen und weiterverkaufen oder verschrotten. Das wird schon teuer genug. Für weitere 400.000 ist eine Reparatur erdacht, welche die Behörden bislang ablehnen. Finanziell liegen zwischen Reparatur und einem auch hier drohenden Rückkauf Milliarden Dollar.

          Die möchte VW lieber in Infrastruktur stecken, die dem Bürger zugutekommt, durch Umweltprojekte etwa oder den Aufbau von Ladepunkten für Elektrofahrzeuge. Ob die Amerikaner das Angebot als Deal zur Verschleierung oder als smarte Offerte betrachten, ist nicht abzusehen. Es bleibt das flaue Gefühl, die Ingenieure von Volkswagen bekämen das in ihren Reihen geschaffene Problem nicht in den Griff.

          Was hernach zusätzlich an Strafen droht, wird sich weisen. Der seit Herbst amtierende Vorstandsvorsitzende Matthias Müller macht sich keine Illusionen, bittet allerdings um eine „faire Strafe“. Daran zu erinnern ist angesichts in Umlauf gebrachter Phantasiebeträge wahrlich angebracht. Volkswagen hat betrogen, aber Menschenleben hat das Unternehmen im Gegensatz zu General Motors oder Toyota nicht auf dem Gewissen.

          Müllers Diplomatiedefizit

          Wie Müller mit seiner Aufgabe als Schlechtwetterkapitän umgeht, ist bemerkenswert. Der Mann, der sich von seinem Komfortsitz Porsche nicht auf den Schleudersitz VW beworben hat, will sich noch immer nicht verbiegen lassen. Er gesteht Fehler ein, verfällt aber nicht in Demut, weil, wie er es sagen würde, „bis einen Tag vor dem Skandal VW ein super Laden war mit super Leuten“. Er ist gleichsam überzeugt, Volkswagen brauche einen Mentalitätswandel, eben weil sich offenbar eine Kultur der Angst eingebürgert hat, in der sich eine Gruppe nur noch mit Manipulation zu helfen wusste.

          Müller fordert und lebt offenere Umgangsformen vor. Dazu gehören kumpelhafte Sprüche, Mittagessen in der Kantine und weniger Stunden im Firmenjet. Er sei kein Industrieschauspieler, hat er kürzlich gesagt. Nicht nur das macht ihn sympathisch. An Diplomatie aber muss er zulegen. Das gilt für Worte, die besser nicht gefallen wären. Für Bilder, die besser nicht entstanden wären. Und natürlich wäre es schlauer gewesen, sofort nach Amtsantritt nach Amerika zu fahren und zu versprechen, eine Lösung zu finden, als auf dieselbe zu warten. Niemand konnte glauben, die Behörde werde nach dem jüngsten Treffen eine Einigung verkünden.

          Doch so sieht es aus, als habe Müller nichts erreicht. Dabei stimmt das nicht, und andere sind auch nicht immer mit perfektem Timing gesegnet. Dass Betriebsrat Bernd Osterloh den von Müller vorgeschlagenen Vermittler Louis Freeh aus verletzter Eitelkeit öffentlich zerlegt hat, war töricht.

          Wer war Schuld am Skandal?

          Worum es jetzt geht, ist Teamgeist, Schadensbegrenzung und Neuausrichtung zugleich. Der Konzern baut vorzügliche Autos. Aber die Marke Volkswagen leidet unter unklarer Positionierung, der russische Markt ist kollabiert, China wackelt. Die Produktpalette braucht neue Impulse, was mit unangenehmen Entscheidungen einhergeht. Die vorübergehende Stilllegung des Werks Dresden und der kaum mehr vermeidbare Abbau von Leiharbeitern künden davon. Das Ansehen der Marke VW sinkt, die Auftragseingänge zeigen Dellen, in Amerika muss rasch eine Einigung her.

          VW : Absatzeinbruch in Russland

          Der Schlüssel ist die Nennung jener Personen, die den Abgasskandal zu verantworten haben. In der Aufsichtsratssitzung am 26.Februar soll der Abschlussbericht der die Daten sammelnden Anwaltskanzlei Jones Day vorgestellt werden. Zum 21. April will der Vorstand der Hauptversammlung darlegen, wer die Krise ausgelöst hat. Das ist reichlich spät. Erst wenn die neue VW-Spitze glaubhaft belegen kann, dass sie von Anfang an richtiggelegen hat, dass nur eine kleine Gruppe am teuflischen Werk war, werden Vertrauen und Selbstvertrauen zurückkehren.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Merkel rüffelt die Automanager

          Kanzlerin eröffnet IAA : Merkel rüffelt die Automanager

          Zum Beginn der IAA müssen sich die Automanager Kritik der Kanzlerin anhören. Die Branche hätte im Abgasskandal „Regelungslücken exzessiv ausgenutzt“, kritisierte Angela Merkel. Die Regierungschefin wandte sich allerdings auch gegen eine Verdammung der Dieseltechnologie.

          Altkanzler Schröder lässt sich nicht beirren Video-Seite öffnen

          Rosneft-Posten : Altkanzler Schröder lässt sich nicht beirren

          Auf einer SPD-Veranstaltung hat sich Gerhard Schröder zu seinem geplanten Einstieg in den Verwaltungsrat des russischen halbstaatlichen Konzerns Rosneft geäußert. Ginge es um einen amerikanischen Konzern, würde er von der Presse Beifall ernten, so Schröder.

          Topmeldungen

          Trumps UN-Rede : Feurige Worte und tödliche Missverständnisse

          Donald Trump hebt die Bedeutung „souveräner Nationalstaaten“ hervor und teilt gegen Nordkorea aus. UN-Generalsekretär Guterres mahnt zur Einigkeit – mit einem Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten.

          Schwache Zahlen : Die unsichere Ernte der Grünen

          Vor vier Jahren lehnten die Grünen eine Koalition mit der Union ab. Nun würden sie gerne, doch es sieht schlecht aus. Die aktuellen Prognosen sprechen gegen Jamaika.
          Mathias Döpfner beim Zeitungskongress in Stuttgart.

          Verleger gegen ARD : Was Döpfner wirklich gesagt hat

          Der Verleger-Präsident Mathias Döpfner hält eine feurige Rede und teilt gegen die Medienpolitik, ARD und ZDF aus. Die ARD-Chefin Wille reagiert wie zu erwarten mit einem Beißreflex. Und produziert „Fake News“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.