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Die Vermögensfrage Vermögensverzehr ist für Senioren ein seelisches Problem

Den meisten Menschen geht es beim Eintritt in den Ruhestand finanziell viel besser, als ihnen bewusst ist. Der Wunsch nach Erhalt des Kapitals und hohen Erträgen ist aber nicht erfüllbar.

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© Kai Vergrößern „Alle wollen meine Mäuse...“

Die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes ist für Privatleute mit vielen Fragen verbunden. Wie hoch ist die Rente? Wie sieht es mit den Abgaben aus? Wie teuer ist die Lebenshaltung? Welche Versicherungen sind notwendig? Auf jede Frage wird sich bei genauer Überlegung eine Antwort finden. Das größte Problem ist freilich das Gesamtbild. Wie sieht die „richtige“ Altersversorgung aus für ein Ehepaar, das Mitte 60 ist und sich zur Ruhe setzen will? Der finanzielle „Umbruch“ ist für viele Leute mit Ängsten und Sorgen verbunden. Sie sind in vielen Fällen aber überflüssig wie ein Kropf. Den meisten Menschen geht es viel besser, als ihnen bewusst ist. Das wissen natürlich auch Banken und Versicherer, und sie versuchen, das ist ihr gutes Recht, aus dieser Situation ihren Nutzen zu ziehen.

Der „Angriff“ der Institute auf Senioren ist für die Betroffenen die größte Gefahr, weil das Risiko besteht, zwischen Tür und Angel irgendwelche Verträge abzuschließen, die sich in naher Zukunft als falsch erweisen. Vor diesem Hintergrund lautet die erste Bürgerpflicht beim Umgang mit Geld im Alter: Ruhe bewahren, Kopf einschalten, Wünsche formulieren, Ziele setzen, Entscheidungen treffen - und das Leben nicht aus dem Auge verlieren.

Ein Ehepaar bringt es in der Summe auf 130 Lebensjahre. Die Frau ist 63 Jahre jung, und der Mann ist 67 Jahre alt. Nun soll es in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Daraus wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Unruhestand werden. Das Paar ist gesund und munter. Es hat drei Kinder und acht Enkel. Hinzu kommt ein großer Freundeskreis. Und das Ehepaar will sich den einen oder anderen Wunsch erfüllen.

Alles eine Frage des Standpunktes

Das Vermögen besteht aus zehn Posten. Es beginnt mit dem Festgeldkonto, auf dem 30.000 Euro liegen. Im Depot der Hausbank ruhen Bundesschätze im Wert von 70.000 Euro. Hinzu kommt ein Sparbrief der Hausbank, der in Kürze fällig werden und rund 50.000 Euro bringen wird. Die beiden Kapitalversicherungen werden in wenigen Tagen weitere 100.000 Euro auf das Konto spülen. Das Eigenheim könnte zur Zeit für 250.000 Euro verkauft werden. Das steht aber im Moment überhaupt nicht zur Diskussion.

Stattdessen stellt sich die Frage, was aus den Aktien werden soll. Da gibt es im Depot der Hausbank verschiedene Titel im Wert von 150.000 Euro. Bei der Konkurrenz liegen in Investmentfonds weitere Aktien mit einem Kurswert von 100.000 Euro. Abgerundet wird das Vermögen durch drei Renten. Die gesetzlichen Monatsrenten betragen 2500 Euro, und die betriebliche Monatsrente des Mannes wird bei 1000 Euro liegen.

Die Addition der Geldanlagen führt zu einem Vermögen von 750.000 Euro und zu Rentenzahlungen von 3500 Euro pro Monat. Das sieht auf den ersten Blick gut aus, doch bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass alles eine Frage des Standpunktes ist. Zunächst sollte aus der Bilanz das Eigenheim gestrichen werden, weil es nicht zur Disposition steht. Folglich hat das Ehepaar ein „freies“ Vermögen von 500.000 Euro. Und die Renten unterliegen Steuern und Sozialabgaben, so dass sie nicht in voller Höhe zur Verfügung stehen.

Maßgebend sind allein die persönlichen Werte

In die Kasse werden 3500 Euro kommen. Die gesetzlichen Renten des Ehepaares, jährlich 30.000 Euro, sind zu jeweils 66 Prozent steuerpflichtig. Die jährliche Betriebsrente von 12.000 Euro unterliegt zu 100 Prozent der Besteuerung. Von den steuerpflichtigen 31.800 Euro können Freibeträge, Krankenkassenbeiträge und Werbungskosten abgezogen werden, so dass das steuerpflichtige Einkommen höchstens 20.000 Euro betragen und die Abgaben unter 1000 Euro liegen werden.

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Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
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