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Die Schiefergas-Debatte Angstmacher und Illusionskünstler

Die Bohrmethode „Fracking“ hat in Europa viele Gegner, in Amerika aber hat sie den Energiemarkt revolutioniert. Doch selbst wenn das Fracking in Europa akzeptiert wäre, ist ein Gaswunder wie in Amerika illusorisch. Eine Analyse.

© dpa Vergrößern Ein Protestschild gegen „Fracking“ auf einem Feld in Norddeutschland.

Noch vor wenigen Jahren war der Begriff nur Fachleuten geläufig. Heute dagegen ist das „Fracking“ von Erdgasquellen in aller Munde. Für die einen ist es ein Schreckenswort, für die anderen die Verheißung von Wohlstand und Wachstum aufgrund günstiger Energie. Die Internationale Energieagentur in Paris fragt daher schon, ob nun ein „goldenes Zeitalter für Erdgas“ ausbreche. Auch die deutschen Wohnzimmer hat die Debatte inzwischen erreicht: Arte widmete dem Disput diese Woche zur besten Sendezeit einen zweistündigen Themenabend.

Marcus Theurer Folgen:  

Das „Hydraulic Fracturing“ ist eine Bohrmethode, die es ermöglicht, Erdöl und Erdgas aus wenig durchlässigem Gestein wie zum Beispiel Schiefer zu fördern. Sie hat den nordamerikanischen Energiemarkt revolutioniert. Die rapide steigende Förderung von Schiefergas (shale gas) und Schieferöl (tight oil) hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Vereinigten Staaten binnen weniger Jahre in ein Schlaraffenland niedriger Energiepreise verwandelt haben. Es entsteht eine neue Energie-Supermacht: Fachleute erwarten, dass die Vereinigten Staaten dieses Jahr Saudi-Arabien als größten Ölproduzenten der Welt ablösen werden.

Frankreich, Bulgarien und Rumänien haben Verbote verhängt

Beim Schieferaufbrechen wird unter starkem Druck und in großen Mengen ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in das Bohrloch gepumpt, um in den Fels Risse zu sprengen, durch die Öl und Gas abfließen können. Die Methode ist hochumstritten. Gegner befürchten, dass der Chemiecocktail das Grundwasser vergiften könnte. Fracking hat auch bereits leichtere Erdbeben verursacht. Frankreich, Bulgarien und Rumänien haben deswegen Verbote verhängt. Deutsche Behörden zögern mit der Genehmigung.

Infografik / Durch Fracking steigt Amerikas Öl und Gasproduktion © F.A.Z. Bilderstrecke 

Bisher läuft in dieser Debatte einiges schief. Das Ausmaß der Fracking-Angst mutet teilweise irrational an. Umgekehrt spielt die Industrie nicht mit offenen Karten. Auf der deutschen Website des Ölkonzerns Exxon-Mobil heißt es beispielsweise, Fracking werde auch hierzulande seit mehr als 50 Jahren angewandt. Das klingt beruhigend. Doch es ist nur die halbe Wahrheit: Lange Zeit wurde Fracking lediglich eingesetzt, um die Förderrate konventioneller Gasquellen zu erhöhen. Für die Schiefergasförderung müssen aber sehr viel mehr und tiefere Risse in den Fels gesprengt werden. Dafür braucht es erheblich größere Mengen an Wasser und Chemikalien. Entsprechend höher sind die Umweltrisiken.

Andererseits: Birgt nicht auch der Verzicht auf die Schiefergasförderung Risiken? Es geht nicht nur um den Umweltschutz, sondern auch um Investitionen und Arbeitsplätze. Energie ist knapper denn je: Prognosen zufolge könnte sich der globale Energieverbrauch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts verdoppeln. Der Zugang zu relativ preisgünstiger Energie wird deshalb ein immer wichtigerer Standortfaktor. In Nordamerika ist Erdgas heute wegen der Schiefergasschwemme um rund drei Viertel billiger als in Deutschland. Der Ölpreis liegt 15 Prozent niedriger als in Europa, wo Rohöl im vergangenen Jahr im Durchschnitt teurer war als jemals zuvor.

Amerikas Energiewunder

Ökonomen prophezeien wegen dieses Kostenvorteils schon eine „Re- Industrialisierung“ Nordamerikas, die Hunderttausende, vielleicht Millionen Arbeitsplätze schaffe - ein Turbolader für die ins Stottern geratene amerikanische Wohlstandsmaschine, und womöglich eine Trumpfkarte im ökonomischen Machtkampf mit China. Noch ist offen, was am derzeitigen Hype um Amerikas Energiewunder Wunschdenken ist und was Wirklichkeit. Aber Europa könnte zum Leidtragenden des amerikanischen Aufschwungs werden. Schon heute spielt der Kostennachteil beispielsweise in der Chemieindustrie bei der Standortwahl eine wachsende Rolle.

Was kann Europa tun? Realistisch betrachtet lautet die Antwort: nicht allzu viel. Natürlich wäre es fahrlässig, neben den Risiken nicht auch die Chancen auszuloten. Immerhin könnten die Schiefergasvorkommen nach Schätzung der Energieagentur beim heutigen Verbrauch den Bedarf der EU für rund ein halbes Jahrhundert decken. Trotzdem ist es illusorisch, zu erwarten, dass die Schiefergasindustrie im dichtbesiedelten Mitteleuropa eine ähnliche Größenordnung erreichen wird wie in den leeren Weiten der amerikanischen Prärie.

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Es geht nicht nur um Akzeptanzfragen, sondern auch um rechtliche und industrielle Hindernisse: Anders als den Vereinigten Staaten sind nach europäischem Recht Bodenschätze nicht Eigentum des Grundbesitzers, sie gehören dem Staat. Entsprechend gering ist der finanzielle Anreiz für Landeigner. Auch das dichte Netz hochspezialisierter und leistungsfähiger Ingenieurfirmen, die in Amerika Motor der Schiefergas-Revolution waren, fehlt in Europa. Aus all diesen Gründen spricht wenig dafür, dass Amerikas Energiewunder auf absehbare Zeit den Sprung über den Atlantik nach Europa schaffen wird - man mag sich aus Angst ums Grundwasser darüber freuen oder es aus Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit bedauern.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 01.02.2013, 16:50 Uhr

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Von Manfred Schäfers

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