http://www.faz.net/-gqe-9eolx

Aktion „Deutschlands Probleme“ : Die Rente ist ungerecht

Die Rentner von heute bekommen noch ordentlich Rente. Bild: © Martin Parr/MAGNUM PHOTOS

Die Jungen müssen zu viel zahlen, die Alten kriegen zu wenig Geld: Alle ärgern sich über die Rente. Wer hat recht, und wie kann die Altersvorsorge künftig funktionieren?

          Die Rente birgt ein unauflösbares Dilemma – und den Deutschen ist das bewusst. Als die F.A.S. in der vergangenen Woche in einer Leseraktion nach Deutschlands Problemen fragte, war die Resonanz lebhaft: Allein in der ersten Woche kamen mehr als 5000 Stimmen an – über soziale Netzwerke und Whatsapp, aber auch auf der Webseite faz.net/deutschlandsproblem. Viele Beiträge waren sehr ausführlich und differenziert. Und die Rente tauchte unter den Antworten so oft auf wie kein anderes Thema. Das galt für alte wie jungen Lesern. Prompt war sie auch das umstrittenste aller Themen in der Leseraktion.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwar klangen die meisten Teilnehmer wie dieser Leser: „Das ist kein Umlagesystem mehr, sondern hier alimentiert der Staat auf Kosten der künftigen Generationen die Rentner. Das ist Ausbeutung der Jugend- und der Steuerzahler.“ Doch es gibt auch einige, die sich über die Höhe der Rente beklagen: „Die Rente wird immer weniger, muss versteuert werden und unterliegt einem demografischen Faktor“, heißt es da zum Beispiel. Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus?

          Eines ist schon mal sicher: Rentner in Deutschland können erwarten, dass sie deutlich mehr aus der Rentenkasse zurückbekommen, als sie eingezahlt haben. Altersrente bekommt man durchschnittlich rund 15 Jahre, da summieren sich die Auszahlungen. Insgesamt bringen die Rentenbeiträge eine Rendite von geschätzt zwei bis drei Prozent im Jahr, hat der unabhängige Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen ausgerechnet – für die Jahrgänge bis 1987 eher Richtung drei Prozent, für die jüngeren eher Richtung zwei Prozent.

          Viele Rentner stört die Grundsicherung

          Doch die Frage der Rendite ist es nicht, die die Gemüter bewegt. Die Aktion der F.A.S. zeigt: Viele Rentner stört die Grundsicherung – um genau zu sein: ihr persönlicher Abstand dazu. Grundsicherung, das ist Hartz IV für Rentner mit etwas freundlicheren Bedingungen. Wer aus dem System der gesetzlichen Rentenversicherung und anderen Altersvorsorgen nicht genug Rente bekommt, dass es nach politischer Definition zum Leben reicht, der bekommt aus Steuergeld etwas obendrauf. Tatsächlich gibt es einige Leser, die der Neid packt – mancher erzählt, seine Eltern hätten ihr Leben lang gearbeitet und bekämen jetzt trotzdem nicht mehr als andere, die kürzer in die Rentenkasse eingezahlt haben.

          Tatsächlich betroffen sind von solchen Situationen allerdings nur wenige Rentner. Zwar kursieren immer wieder Schreckenszahlen dazu, wie niedrig die durchschnittlich ausgezahlte Rente sei. Doch solche Zahlen spiegeln nicht die wahre Situation der deutschen Ruheständler wider. Für viele Deutsche besteht die Altersvorsorge eben nicht nur aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Mancher hatte Zeiten im Berufsleben, für die er Beamtenpensionen bekommt oder in eine private Rentenversicherung eingezahlt hat. Mancher bekommt eine Betriebsrente, andere eine Witwenrente vom Ehepartner. Es gibt Lebensversicherungen und Erspartes. Durchschnittlich kommt laut Statistischem Bundesamt auf die Rente noch einmal der halbe Betrag in Form von anderen Einkommen obendrauf.

          Insgesamt geht es Deutschlands Rentnern in den 2010er-Jahren also gut. Das bleibt auch erst mal so: 60 Prozent der älteren Arbeitnehmer können sich in der Rente sogar höhere Ausgaben leisten, als sie heute haben, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ausgerechnet. Immer noch gehören Rentner zu den wohlhabenderen Gruppen der Republik, sind seltener arm als junge Leute. Wenn also Sozialpolitiker über Altersarmut sprechen, dann treffen sie vielleicht ins Herz einer alternden Wählerschaft – sicher aber treffen sie nicht das drängendste Problem dieser Tage.

          Die Regierung denkt sich immer neue Wohltaten aus

          Daran ändert auch nichts, dass Renten neuerdings immer stärker besteuert werden. Eine Doppelbesteuerung, die mancher Teilnehmer der Leseraktion da vermutet, ist das allerdings nicht. Schon seit Jahren versteuert der Fiskus die Rentenbeiträge zu immer kleineren Anteilen. So verschieben sich die Steuern allmählich von der Zeit der Berufstätigkeit in die Zeit der Rente. Für die Deutschen ist das eigentlich nicht schlecht. Erstens sind die Steuersätze im Alter typischerweise niedriger, zweitens haben die Deutschen länger Zeit, die noch nicht gezahlten Steuern anzulegen und in einer privaten Altersvorsorge Rendite zu erwirtschaften. Nur das Geld einiger unglücklicher Rentner wird tatsächlich doppelt besteuert.

          Wahr ist dagegen, dass auf Betriebsrenten doppelte Sozialbeiträge anfallen – dabei haben die Rentner teils sogar schon auf ihre Betriebsrenten-Beiträge Sozialbeiträge entrichtet. Die Bundesregierung denkt gerade darüber nach, das zu ändern.

          Schwierig wird es von 2025 an

          Gleichzeitig denken sich die Regierungen seit Jahren immer neue Wohltaten aus, die den Rentnern zugutekommen – zu Lasten der Beitragszahler. Mütter beispielsweise bekommen immer wieder Rentenpunkte geschenkt. Das kann junge Leute heute schon ärgern. Richtig schwierig wird es aber von 2025 an. Dann gehen nämlich Deutschlands geburtenstärkste Jahrgänge in Rente – aber genau dann endet im Moment das Rentenkonzept der großen Koalition.

          Angesichts dieser Zeiträume ist die Rentenpolitik nur zum Teil eine Auseinandersetzung der Rentner gegen die Beitragszahler. Es ist ein Kampf der Babyboomer gegen ihre wenigen Kinder. Würde der aktuelle Stand der Rente beibehalten, würden nicht die Babyboomer für ihre Kinderlosigkeit bezahlen, sondern die arbeitende Bevölkerung – nicht nur in Form von Rentenbeiträgen, sondern auch in Form von Steuern. Heute schon werden auf diese Weise nicht nur versicherungsfremde Wohltaten finanziert, sondern auch schlicht die Löcher in der Rentenkasse gestopft. Allein im vergangenen Jahr flossen 100 Milliarden Euro als Staatszuschuss in die Rentenkasse, das ist mit Abstand der größte Haushaltsposten der Bundesregierung und noch weit mehr als die Ausgaben für Verteidigung, Verkehr, Forschung zusammen.

          Die Renten werden nicht sinken

          Falls die Bundesregierung kein neues Rentensystem findet, wird es hier teuer. Der Rentenexperte Axel Börsch-Supan und sein Kollege Johannes Rausch haben ausgerechnet, dass im Jahr 2040 beispielsweise die Mehrwertsteuer von 19 auf 27 Prozent steigen müsste, nur um den Steuerzuschuss zu finanzieren. So eine Belastung der arbeitenden Generation muss man nicht gerecht finden.

          Gleichzeitig gehen alle Experten davon aus: Die ausgezahlten Renten werden überhaupt nicht sinken. Nach allen Prognosen sollen sie in den nächsten Jahrzehnten sogar immer noch an Kaufkraft gewinnen, nur eben langsamer wachsen als die Arbeitslöhne. Das allerdings kann schon dafür reichen, dass unter den Babyboomern die statistische Altersarmut leicht wächst.

          Ist Österreich ein Vorbild? Sollen Beamte in die Rentenkasse zahlen?

          Angesichts dieser Lage gucken einige neidisch nach Österreich, wo die Renten höher sind als in Deutschland. Dort allerdings ist das System anders: Einmal begonnene Rentenzahlungen steigen nicht so schnell wie in Deutschland, zudem sind die Anforderungen an die Rentenzahlung höher – viele Österreicher bekommen gar keine Rente. Viel stärker belasten die Österreicher ihre junge Generation, die deutlich höhere Beiträge zahlt. Und: Österreich hat mehr Ausländer im Land, die mit in die Rentenkasse einzahlen, und deshalb eine bessere demographische Lage. Trotz alldem rechnen Experten damit, dass auch Österreichs Rente in den nächsten Jahren Probleme bekommt. Das ist also kein Modell für Deutschland.

          Mancher fordert jetzt, eine andere Regel aus Österreich zu übernehmen: Selbständige und Beamte müssten auch in die gesetzliche Rente einzahlen. Das hilft dem Gerechtigkeitsempfinden, aber nicht unbedingt den Rentenfinanzen. Schließlich erwirbt jeder, der einzahlt, auch Rentenansprüche– und zwar genau im Verhältnis zu den Beiträgen. Wer also Geld von Selbständigen und Beamten will, muss ihnen auch die Rente zugestehen, und zwar viel, weil sie oft lange leben. An der Finanzlage der Rentenversicherung änderte das also wenig. Gleichzeitig zahlen Beamte und Selbständige heute schon für Löcher in der gesetzlichen Rentenversicherung, nämlich per Steuerzuschuss.

          Private Zusatzvorsorge im größeren Maßstab würde helfen, dann könnten sich Regierungen vielleicht eher dazu durchringen, das Rentenniveau zu senken. Private Vorsorge hilft tatsächlich, und wer das mit Hilfe von Aktien macht, kann auch über die kommenden Jahrzehnte hohe Renditen erwarten. Ob das politisch funktioniert, ist eine andere Frage: Viele sagen, das könnten sie sich gar nicht leisten. Wer dieses Gefühl hat, will allerdings auch keine höheren Beiträge in die gesetzliche Rentenkasse zahlen.

          So lange müssten die Deutschen arbeiten

          Vielleicht gibt es eine andere Lösung: das längere Leben auch dazu zu nutzen, länger zu arbeiten. Heute schon ist das Problem, dass Firmen ihre älteren Mitarbeiter in Frührente schicken, weitgehend Vergangenheit. Wenn erst die Babyboomer in Rente gehen, wird die Nachfrage nach Arbeitskräften noch weiter wachsen. Ökonomen arbeiten gern mit einer Faustregel: von drei zusätzlichen Lebensjahren werden zwei mit Arbeit verbracht, eines mit Rente. Nach dieser Regel würde beispielsweise der Jahrgang 1985 mit 69 Jahren in Rente gehen. Das reicht allerdings nicht ganz, wie der Rentenexperte Börsch-Supan ausgerechnet hat. Um die Ziele der großen Koalition zu erfüllen, also das Rentenniveau zu halten und den Beitragssatz nicht über 20 Prozent zu heben, müsste der Jahrgang 1985 bis zum 72. Geburtstag warten. Damit würden auch diesem Jahrgang wohl rund 15 Jahre in der Rente bleiben– so viel wie den heutigen Rentnern.

          Die FDP verfolgt das Konzept, den Renteneintritt hinauszuzögern. Allerdings sollen die Menschen dabei eher selbst entscheiden können, wann sie in dem Ruhestand gehen. Die AfD hat bisher kein Rentenkonzept, der Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke allerdings verfolgt ein Konzept, das den Rentnern noch mehr Geld lässt als die große Koalition – also die Finanzierungsprobleme noch vergrößert.

          Union und SPD haben derweil in ihre Rentenwohltaten noch eine Antwort auf das Ungerechtigkeitsgefühl gepackt, das sich manchem beim Vergleich mit der Grundsicherung einstellt: Wer bei Rentenbeginn 35 Beitragsjahre hat, soll zehn Prozent mehr als die Grundsicherung bekommen. Doch wer erreicht schon 35 Rentenjahre? „Das ist eine nette Symbolik, geht aber nicht das Problem an“, sagt der Ökonom Andreas Peichl vom Ifo-Institut. Vielleicht wäre es einfacher, den Leuten mehr von ihrer selbst erwirtschafteten Rente zu lassen. Bisher werden gesetzliche Renten voll auf die Grundsicherung angerechnet, private nur zum Teil – davon dürfen die Rentner einen Teil behalten. Würden die gesetzlichen Renten ebenso behandelt – die Rente würde als gerechter gelten, und nach einer Überschlagsrechnung von Peichl würde so ein Manöver nicht mal ein Viertel der jüngsten Mütterrente kosten.

          Weitere Themen

          Amazons Warenlager Video-Seite öffnen

          Zu Besuch in Baltimore : Amazons Warenlager

          Amazon ist das wohl größte Handelsunternehmen weltweit. Dank Innovationskraft und Erfindergeist, konnten sie nicht nur neue Produkte für den Kunden herstellen, sondern setzen auch in der Lagerlogistik neue Maßstäbe.

          Topmeldungen

          Rundumschlag beim FC Bayern : Lieber Mist statt Dreck?

          Der FC Bayern übt strenge Medienschelte und fordert: Sachliche Kritik ja, Polemik, Beleidigungen nie und nimmer! Ein schöner Vorsatz. Doch wenig später bezeichnet Uli Hoeneß die Leistung eines Spielers selbst schon wieder als „Scheißdreck“. Ein Kommentar.
          Kann vom 23. bis 25.10. neue Pläne machen: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing

          Fall Khashoggi : Deutsche-Bank-Chef sagt Reise nach Saudi-Arabien ab

          Lange hat Christian Sewing gezögert, nun aber sagt der Chef der Deutschen Bank seine Teilnahme an einer wichtigen Investorenkonferenz in Riad ab. Um Siemens-Chef Kaeser wird es einsam.
          Den Vorhang lieber zu: So viel kann aa koa Engel saufn.

          Fraktur : Zwei Münchner im Himmel

          Frei nach Ludwig Thoma: Franz Josef und Wilfried im Gespräch über die CSU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.