02.11.2009 · Ein bisschen fühlt es sich so an, als sei die 83 Jahre alte Dame seine Oma. Denn Esra Hong wohnt mit Margot Casper in einer Wohnung. Die Seniorin bekommt jedoch nur eine kleine Miete von dem Student, dafür hilft Hong ihr im Haushalt. Es funktioniert so gut, dass die beiden auch mal gemeinsam Fernsehen gucken oder in die Oper gehen.
Von Lisa NienhausWenn Esra Hong mit seinen Freunden über Margot Casper spricht, dann nennt er sie „meine Oma“. „Meine Oma hat gesagt . . .“, „Ich muss noch schnell für meine Oma . . .“, „Meine Oma hat da einen Tipp . . .“ Dabei lebt die einzige leibliche Großmutter, die der 21 Jahre alte Student noch hat, in Südkorea, dem Land, aus dem seine Eltern vor vielen Jahren nach Deutschland kamen. Mit Margot Casper aus Frankfurt am Main ist Hong nicht einmal weitläufig verwandt.
Trotzdem fühlt es sich ein bisschen so an, als sei die 83 Jahre alte Dame seine Oma. Denn Hong wohnt mit Casper in einer Wohnung - und das nicht einfach zur Untermiete. Die Seniorin bekommt nur eine kleine Miete von ihm: 200 Euro für das 30 Quadratmeter große Zimmer in der 130-Quadratmeter-Altbauwohnung mitten im schicken Stadtteil Sachsenhausen. Dafür hilft Hong ihr im Haushalt: Er besorgt schwere Einkäufe, saugt die Wohnung, fegt die Treppe.
Zusammenleben ohne rechtliche Regelungen
Seit einem Jahr geht das so - und es funktioniert so gut, dass die beiden heute auch einmal privat etwas unternehmen. Sie gucken gemeinsam Fernsehen oder gehen in die Oper. Wenn Esra Hong krank ist, gibt Margot Casper gute Tipps für kalte Wickel. Wenn Esra morgens früh zur Uni muss, aber nicht aus seinem Zimmer kommt, klopft sie an seine Tür, weil sie sich sorgt, dass er verschlafen hat. „Wir sind mehr als eine WG“, sagt Casper.
Dass ihr gemeinsames Leben rechtlich kaum geregelt ist, darüber haben sie sich noch keine Gedanken gemacht. Sollte etwa Casper einen Unfall haben, hätte Hong keinen Anspruch auf Information von den Ärzten. Auch könnte er sich keine Pflegezeit nehmen, wenn Casper auf einmal zum Pflegefall werden würde. Denn sie ist laut Gesetz keine nahe Angehörige für ihn. Vielleicht käme das für die beiden auch gar nicht in Frage, aber sie haben auch nicht die Wahl.
Keine Berührungsängste
Hong hat sich bewusst für das Zusammenleben mit einer Seniorin entschieden. Während seines Zivildienstes hatte er von dem Projekt „Wohnen für Hilfe“ in Frankfurt gehört. Als er dann den BWL-Studienplatz in Frankfurt antrat, war ihm das tägliche Pendeln von Heidelberg schnell zu viel, und er meldete sich beim Organisator. Er hat die Faustregel: Für jeden Quadratmeter Wohnung, die ein junger Mensch erhält, bietet er eine Stunde Hilfe im Monat.
Hong fand das gut. Seine Freunde waren allerdings überrascht. Auch die Freundinnen von Casper waren erstaunt, vor allem darüber, dass die Rentnerin mit einem jungen Mann zusammengezogen ist. „Die meisten können sich das nicht vorstellen“, erzählt sie. „Weil man sich ja auch das Bad teilt.“ Aber Casper macht das nichts. Sie genießt es, dass wieder etwas los ist daheim. Und dass Hong sie auch gegenüber seinen Eltern mittlerweile Oma nennt, erfüllt sie mit Stolz.
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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