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Sportindustrie ohne Wettbewerb : Angriff auf die Sportkartelle

Athleten aus Weißrussland trainieren vor den Olympischen Winterspielen in Südkorea. Bild: dpa

Korruption, Manipulation und Misswirtschaft herrscht nicht nur bei Olympia vor. Wettbewerb könnte die Sportverbände zum Handeln zwingen.

          Die Begeisterung für Sportunterhaltung kennt derzeit keine Grenzen. Während ein immer zahlreicheres Publikum die vielfältigsten Angebote konsumiert und Fernsehsender rund um den Erdball Rekordeinschaltquoten verzeichnen, läuft die Vermarktungsmaschinerie auf Hochtouren. Die Umsätze der globalen Sportindustrie steuern zum Ende dieser Dekade geradewegs auf geschätzt 100 Milliarden Euro im Jahr zu. Doch die Hausse hat ihre Schattenseite: Die großen Sportorganisationen wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) oder der Internationale Fußball-Verband (Fifa), aber auch viele andere Verbände, die eigentlich auf verantwortungsvolle Weise als Veredler ihrer Ware auftreten müssten, befinden sich in einem beklagenswerten Zustand. Sie sind durchsetzt mit Korruption, Manipulation und Misswirtschaft. Die am nächsten Freitag in Südkorea beginnenden Winterspiele versinken schon jetzt im russischen Staatsdopingsumpf. Die Fußball-WM im Sommer in Russland ist nicht weniger heikel.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass sich die maroden Sportorganisationen unter dem öffentlichen Druck der vergangenen Jahre selbst regulieren würden, war ein Irrglaube. So wurde die Zeit bei der Fifa von den hartleibigen Funktionären wieder zurückgedreht, nachdem einige Jahre Hoffnung bestand, dass mit einer neuen Compliance-Struktur die tief verwurzelte Vetternwirtschaft ausgetrieben werden könnte. Der Versuch ist gescheitert. Auch die vielversprechende Reformagenda des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach entpuppte sich als Papiertiger. Olympia kann weder unbelastete Spiele gewährleisten noch saubere Sportler vor Betrug schützen.

          Mehr Wettbewerb unter den Wettbewerben

          Die Erwartung, dass endlich die Großsponsoren den Hebel bei den Verbänden ansetzen würden und damit für Erneuerung sorgen könnten, hat sich bisher ebenfalls nicht erfüllt. Die wenigen Forderungen der Konzerne an die Adresse der Sportorganisationen wirken wie ein Alibi und sind damit unglaubwürdig. Die Konzernmanager reden zwar von Moral und Nachhaltigkeit, doch verzichten will am Ende niemand auf die Marketingmöglichkeiten einer Weltmeisterschaft oder von Olympia. Wie an einer harten Droge hängen die Sponsoren an den populären Sportveranstaltungen und blenden die vielen Defizite auf Seiten des Vertragspartners aus, als wäre das nicht ihre Sache. Also: Die Sponsoren füttern weiterhin die Verbände, das Fernsehen überträgt für viel Geld, Fans konsumieren und die reformunwilligen Funktionäre treiben ihr eigenes Spiel. Wo liegt da überhaupt noch die Hoffnung auf Veränderung?

          Erfolgversprechender könnte der Weg sein, die Macht der Sportkartelle zu beschneiden; Verbände, die als Monopolisten auf ihren Geschäftsfeldern agieren, durch Wettbewerb zum Handeln zu zwingen. Hierzu gibt es interessante Szenarien: So haben Ende vergangenen Jahres die EU-Wettbewerbshüter eine Entscheidung mit Präjudizcharakter getroffen, welche die Hoheit der Sportorganisationen ins Wanken bringen könnte. Eigentlich ging es um die Internationale Eislaufunion, der untersagt wurde, Sportler zu sperren, die nicht an deren Wettbewerben teilnähmen. Bewertet wurde dies als Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung. Denkbar wären Fußballturniere außerhalb des Fifa-Regimes, ganz neue Konstellationen – Wettbewerb zwischen verschiedenen Anbietern. Unfähige, kaputte Sportverbände würden im Markt wohl untergehen.

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          Warum nicht eine Konkurrenzveranstaltung zu Olympia? Eine solche Öffnung böte keine Garantie für mehr Anstand und Sauberkeit, aber eine Chance. Gleichzeitig kommt den Sportlern eine wichtige Rolle zu. Von dieser Seite könnte weiterer Druck auf die Sportorganisationen aufgebaut werden. Als Ich-AGs befinden sich die Sportler bisher allerdings in einer zu schwachen Position. So erhalten Athleten, die das olympische Programm mit ihrem außergewöhnlichen Talent füllen und erst für die Milliardeneinnahmen sorgen, keine direkten Zuwendungen vom IOC. Das viele Geld wird von den Olympia-Bossen an Organisationen des Sports verteilt, von denen nicht wenige abgewirtschaftet und korrupt sind. Was von Funktionärsgnaden beim Sportler ankommt, ist ungewiss. Olympiateilnehmer erhalten vom Ausrichter neben ihrem Bett im Athletendorf freie Kost, freien Transport innerhalb der Olympiastadt und die freie Nutzung der Wettkampfstätten. Das war’s.

          In den nordamerikanischen Profiligen im Basketball, Football oder Eishockey schrecken die Spieler nicht vor Streiks zurück, um auch ihre finanziellen Ziele durchzusetzen. Profifußballer sind inzwischen ähnlich organisiert. Der Ruf nach schlagkräftigen Sportlergewerkschaften wird lauter. Unterstützung könnte in Deutschland vom Bundeskartellamt kommen. Die Behörde führt derzeit ein Verfahren gegen den Deutschen Olympischen Sportbund und das IOC, in dem das Werbeverbot für Athleten während der Spiele in Frage gestellt wird. Die Phalanx des Verbandsmonopols beginnt wenigstens an einigen Stellen zu bröckeln. Mehr Wettbewerb von verschiedenen Seiten ist dringend notwendig, damit die unheimliche Alleinherrschaft der Sportorganisationen aufgebrochen werden kann.

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