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London und der Brexit : Fremd im eigenen Land

  • -Aktualisiert am

8,6 Millionen Menschen leben in London. 40 Prozent von ihnen sind Migranten: Dazu zählt der amerikanische Investmentbanker ebenso wie die portugiesische Kaffeeverkäuferin. Bild: Bloomberg

London hat den Brexit nicht gewollt. Jetzt fragt man sich in der Metropole: Ist die Party bald vorbei? Und vor allem: Was hätte das für Folgen?

          Es ist alles wie immer: London brummt. Am Südufer der Themse und in der Brick Lane im Osten ist es noch voller als sonst. Urlaubszeit. Die Touristen sind in der Stadt. Vor den Kaufhäusern und Boutiquen im Nobelviertel Knightsbridge parken, wie immer um diese Jahreszeit, die Lamborghinis und Ferraris mit den exotischen Nummernschildern. Ihre Besitzer aus dem Nahen Osten haben sie einfliegen lassen. Daheim ist es im August einfach zu heiß, aber man will ja während der Sommerfrische an der Themse nicht auf das eigene Auto verzichten. Auch der prachtvolle Panoramablick über London, den man von der Aussichtsplattform des neuen Erweiterungsbaus des Tate-Modern-Museums hat, zeigt das vertraute Bild: Baukräne, soweit das Auge reicht.

          Wenn da nur nicht der Brexit wäre. Zwei Monate ist es her, dass die Briten mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der EU gestimmt haben – und noch immer können es in London viele nicht fassen. Europas größte Stadt, in der rund 8,6 Millionen Menschen leben, hat den Brexit nicht gewollt. Sechs von zehn Wählern waren hier dagegen. In besonders proeuropäischen Stadtbezirken wie Camden, Islington und Wandsworth gab es sogar Dreiviertelmehrheiten gegen den Ausstieg.

          Sand ins Getriebe der britischen Wirtschaftsbeziehungen

          Der Brexit ist nicht nur die Entscheidung gegen den europäischen Staatenbund. Es ist auch ein Misstrauensvotum gegen die Hauptstadt – und das, wofür sie steht: Von einem „Sieg gegen die großen Banken, die großen Konzerne und die große Politik“ sprach am Tag nach dem Volksentscheid Nigel Farage, damals noch Chef der UK Independence Party. Er hätte auch sagen können: Der EU-Austritt ist ein Sieg des Landes über das politische und wirtschaftliche Machtzentrum London.

          Jetzt kriecht in der Hauptstadt eine ungewohnte neue Zukunftsangst hoch. „Keine Region in Großbritannien steht durch den Brexit vor einem so großen Schock wie London“, sagt Tony Travers, Professor an der London School of Economics (LSE), der sich seit langem mit der Entwicklung der Metropole befasst. Der Brexit ist Sand ins Getriebe der britischen Wirtschaftsbeziehungen mit der EU und dem Rest der Welt. Er könne kein realistisches Zukunftsszenario erkennen, in dem die Wirtschaft des Landes nach dem EU-Austritt nicht weniger „offen“ sei als bisher, sagte kürzlich Mark Carney, der Gouverneur der britischen Zentralbank. Deshalb ist er auch ein Problem für London: Weltoffenheit ist das Geschäftsmodell dieser Stadt. Bisher jedenfalls.

          Ein Anruf bei Philip McCann, der gerade ein 560 Seiten starkes Buch über das Spannungsverhältnis zwischen Großbritannien und seiner Hauptstadt geschrieben hat. Er ist Professor an der Universität im niederländischen Groningen und einer der renommiertesten europäischen Wirtschaftsgeographen. „Kaum eine Stadt auf der Welt hat von der Globalisierung so stark profitiert wie London“, sagt McCann, der selbst Brite ist.

          Kassenwart der Turbo-Globalisierung

          Allein in den fünf Jahren bis 2014 ist die Wirtschaftsleistung Londons um rund 30 Prozent gewachsen. Aber die Kehrseite dieses Erfolgs: Die Hauptstadt hat ihre Nation nicht mitgenommen. „Der wirtschaftliche Erfolg hat kaum ausgestrahlt auf Großbritannien insgesamt“, sagt McCann. Die Globalisierungsgewinner sitzen in der Hauptstadt, die Verlierer draußen im Land. Das Schimpfwort dieses Brexit-Sommers ist die „metropolitan elite“ – die Hauptstadt-Elite.

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