06.06.2011 · Der Gastgeber wünscht sich eine Spende statt Geschenke: für den Gast eine kniffelige Entscheidung. Wie viel soll er spenden? Und soll er trotzdem etwas mitbringen?
Von Inge KloepferWasser, verwaiste Orang-Utan-Babys, Bäume, Kinder in Not, Ärzte ohne Grenzen - all das und vieles andere ist möglich. Nur das klassische Geschenk geht nicht mehr. Oder besser: immer weniger. Wer einen runden Geburtstag feiert, bittet heute viel öfter noch als früher seine Gäste darum, "von Geschenken abzusehen" und für einen bestimmten Zweck sein Geld zu geben.
Der Beschenkte ist plötzlich zum Wohltäter geworden, der seine Gratulanten durch die Spendenbitte ebenfalls zum Gutmenschsein verdonnert. Geburtstage geraten zu Benefizveranstaltungen. Im Fachjargon nennt sich so etwas "Anlassspende" - für die Organisationen eine wahre Goldgrube.
Michael Urselmann weiß, wovon die Rede ist. Der Kölner Professor für angewandte Sozialwissenschaften beschäftigt sich schon lange mit Fundraising. "Die Bedeutung von Anlassspenden wächst überproportional", sagt er. "Fast 90 Prozent der gemeinnützigen Organisationen setzen sie inzwischen als eines ihrer Top-Instrumente ein."
Urselmann hat eine Vielzahl von Fundraising-Führungskräften dazu befragt. Der Trend ist eindeutig. Die Menschen wollen auch an ihren Geburtstagen Gutes tun. Wie hoch das Aufkommen ist, wie effizient also die Jubilare ihre Gratulanten in die Spenderrolle drängen, kann allerdings kaum jemand sagen. Noch fehlen die Zahlen. Zwischen 4 und 6 Milliarden Euro soll das Spendenaufkommen in Deutschland jährlich betragen. Privatpersonen steuern dazu nach Aussage des Deutschen Spendenrats fast 2,3 Milliarden bei. "Befördert wird die Entwicklung hin zu den Anlassspenden durch die neuen Kommunikationstechnologien", meint der Wissenschaftler. Plattformen, über die man Spendenaufrufe starten kann, gibt es immer mehr. Die heißen Betterplace, Helpedia oder Altruja und versprechen: "Erhöhen Sie jetzt mit Online Fundraising ihr Spendenvolumen nachhaltig." Inzwischen posten dort auch 70-Jährige.
Vorbei also die Zeiten, in denen man mit ausgewählten Geschenken einen Gastgeber erfreuen, wertschätzen oder beschämen konnte. Anlassspenden stören diese klassische Konvention des Schenkens, wenn die Gabe als Dank für eine Einladung genauso erwartet wird wie die Gegeneinladung, zu der der vormals Beschenkte dann mit der Gegengabe aufwartet.
Dabei handelt es sich um eine Art gesellschaftlichen Kodex, der immerhin seit Menschengedenken existiert und der jetzt durch den Spendenwahn so mir nichts, dir nichts ausgehebelt wird. Der französische Soziologe Marcel Mauss hat sich zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts in seinem Werk "Die Gabe" mit diesem ausgeklügelten System des Gebens und Erwiderns befasst. Kein Forscher, der sich mit der Ökonomie des Schenkens oder Spendens auseinandersetzt, kommt ohne Mauss' Erkenntnis aus.
Wer auf Geschenke verzichtet, bringt ein Spiel von Geben und Nehmen durcheinander.
Schenken war offenbar schon in archaischen Gesellschaften eine Form des wirtschaftlichen Handels und alles andere als altruistisch. Mauss hatte die Gaben als Leistungen entlarvt, die nicht nur gegeben werden, "um Dienste oder Sachen zu bezahlen, sondern auch, um ein nutzbringendes Bündnis aufrechtzuerhalten, das nicht einmal abgelehnt werden kann".
So war es damals. Und auch in der Moderne steht seiner Meinung nach ein großer Teil unserer Moral immer noch in jener Atmosphäre der Verpflichtung zur Gabe. Nicht zuletzt deshalb, weil nicht erwiderte Gaben jenen erniedrigen, der sie angenommen hat, allzu milde Gaben den verletzen, der sie empfängt, und allzu großzügige Einladungen den Beigeschmack der Gönnerhaftigkeit haben, der der Eingeladene durch ein üppiges Geschenk zu entkommen sucht. Keiner konnte und durfte nach Mauss in dieser "Sphäre des gesellschaftlichen Lebens" im Rückstand bleiben. "Immer müssen wir mehr zurückgeben, als wir erhalten. Die ,Runde' wird immer teurer." Wer kennt das nicht?
Aber so einfach funktioniert das nicht mehr, seit die Anlassspenden überhandnehmen. Jeder, der etwas auf sich hält, ruft zur Wohltat auf, um damit dem Prinzip dieser Reziprozität endgültig den Garaus zu machen. Es wird alles komplizierter. Denn in den direkten Genuss der Gabe kommt ja nicht mehr der Beschenkte, sondern irgendein weitgehend anonymer Bedürftiger, der dem Schenkenden womöglich nichts bedeutet. Was tut man nicht alles für einen Jubilar?
"Die Anlassspende gibt es zwar schon lange", sagt Rupert Graf von Strachwitz, Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft in Berlin. "Doch ihre wachsende Bedeutung ist das Phänomen einer weitgehend gesättigten Wohlstandsgesellschaft, in der viele schon alles haben", erklärt er. Hinzu kommt eine weitere Zeiterscheinung: Das soziale Gewissen der Menschen habe deutlich zugenommen, der Gedanke also, dass man sich auch um Arme und Schwache kümmert, um die Umwelt und die aussterbenden Spezies. "Auch in Deutschland ist inzwischen ein soziales Klima entstanden, dem sich kaum noch jemand entziehen kann."
So wie in Amerika schon seit Jahrzehnten. Dort ist es überhaupt nicht anstößig, wenn Freundinnen selbst bei informellen Treffen eine Spendenbox dabei haben, in die dann deutlich sichtbar 50-Dollar-Scheine geworfen werden. Solche Aktionen gehören dort längst zum guten Ton und nützen nicht nur den Ärmsten, sondern auch dem Image der Sammlerin. "Es gibt keinen Altruismus ohne Egoismus", sagt der Ökonom Georg von Schnurbein, der das Centre for Philanthropy Studies in Basel leitet. Egoistisch ist bei dem Versuch, seine eigene Idee einer guten Sache den Gästen auf den Geldbeutel zu drücken, nicht nur das Ausschließen unerwünschter Mitbringsel. "Bei Spendenaufforderungen zu bestimmten Anlässen geht es auch um den eigenen Status", sagt er weiter, "und darum, dass man sich kümmert."
Beim Schenken geht es auch darum, dass der Schenkende sich großzügig zeigen kann.
Der Verzicht auf Geschenke gehöre längst zum Kanon der Anforderungen an politisch korrektes Verhalten. "Spenden aus gesellschaftlicher Verpflichtung sind eine Zeitgeist- oder Modeerscheinung", meint auch der Ökonom, "eine allerdings, die gar nicht zu kritisieren ist." Man tut ja Gutes - auch wenn einen das selbst so gut wie gar nichts kostet.
So bedeuten die Anlassspenden das Aus dieses Gesellschaftsspiels des Schenkens und Erwiderns. Zwar kann man sich mit einer Spende nach Willen des Jubilars für dessen Einladung erkenntlich zeigen. Doch welche Wertschätzung sich dahinter verbirgt, erfährt der Beschenkte nicht. So muss der nicht ertragen, wenn ihn sein Gast mit Großzügigkeit beschämt oder durch Geiz enttäuscht. Der Schenkende hat keinen Hebel mehr. Selbst wenn er es ernst meint mit der Spende und tief in die Tasche greift, muss er zittern, ob die anderen ihm gleichtun.
Denn wenn die geizen, kommt seine Botschaft nicht an. Im Gegenteil. Diese Sorge hat natürlich auch der Jubilar, der andere zu Gutmenschen macht. Er kann sich sein ganzes Fest über den Kopf zerbrechen, ob wirklich genug zusammenkommt. Wehe, wenn nicht und er es persönlich nimmt. Verzwickt, nicht zuletzt für den, der gerne ohne Hintergedanken schenken würde - nur um Freude zu bereiten. Der nämlich wird mit dem neuen Spendenwahn um diese Gelegenheit geprellt.
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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