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Die Krise und die Rente Ist die Altersvorsorge in Gefahr?

11.10.2008 ·  An den Börsen der Welt kracht es, die Banken stehen vor dem Abgrund - ist da wenigstens noch das Fundament der Altersvorsorge in Deutschland stabil? Wie steht es um die Betriebsrenten? Wie um die Riester-Rente?

Von Stefan Ruhkamp
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Die beruhigenden Worte der Behörde zuerst: Nach Ansicht der europäischen Versicherungsaufseher sind die Turbulenzen auf den Finanzmärkten für die Versicherer nicht bedrohlich. Das europäische System sei robust, teilte das Komitee der Aufsichtsbehörden (Ceiops) mit. Ein Zusammenbruch wie der des japanischen Versicherers Yamato Life Insurance sei nicht zu erwarten. Die Aufsichtsbehörden würden die Lage an den Finanzmärkten weiterhin beobachten und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit verbessern. „Wir sollten berücksichtigen, dass die Märkte in diesen schwierigen Zeiten überreagieren“, sagte Thomas Steffen, der oberste deutsche Versicherungsaufseher. „Dies passierte in ähnlicher Weise auch 2002. Versicherungen sind sehr langfristig orientiert. Es wäre deshalb grundfalsch, sie nur an Marktübertreibungen zu messen.“

Ist die Altersvorsorge also in sicheren Händen? Leider ist es nicht ganz so einfach. In der Finanzkrise sind fast alle Anlageklassen unter Preisdruck geraten. Das gilt vor allem für Aktien, die in diesem Jahr fast die Hälfte ihres Wertes eingebüßt haben. Aber auch der Handel mit Zinstiteln ist zum Erliegen gekommen, weshalb die Bewertung der Papiere schwierig geworden ist.Wie steht es also um die Altersvorsorge der Deutschen?

Für die gesetzliche Rentenversicherung gibt es keine unmittelbaren Folgen der Krise. Ihre Auszahlungen werden im Umlageverfahren finanziert. Die arbeitende Bevölkerung zahlt also, sofern sie sozialversicherungspflichig beschäftigt ist, aus dem laufenden Einkommen die Auszahlungen an die Rentner. Es gibt also keine Kapitaldeckung, die an Wert verlieren könnte. Die Krise könnte im schlimmsten Fall allerdings in einer wirtschaftlichen Depression enden und so dazu führen, dass die Kaufkraft der Renten stagniert oder gar fällt.

Bei fondsgebundenen Verträgen trägt der Kunde das Risiko allein

Wichtigster Träger der privaten Altersvorsorge sind die deutschen Lebensversicherer. Die Finanzkrise wirkt sich auf die Produkte der Branche unterschiedlich aus. Bei fondsgebundenen Verträgen trägt der Kunde das Risiko des Wertverlusts allein. Der größere Teil der Anlagen, knapp 700 Milliarden Euro, stammt dagegen aus Verträgen, für die die Versicherer eine Mindestverzinsung von 2,25 bis 4 Prozent garantieren. Weil die Lebensversicherer Mindesterträge garantieren, müssen sie solide anlegen. Im Durchschnitt sind deshalb mehr als 80 Prozent in Zinsanlagen vermeintlich guter Qualität investiert, ein kleiner Teil in Immobilien und weniger als 10 Prozent in Aktien. Bisher führt besonders der Aktienanteil zu Verlusten. Allerdings haben manche Gesellschaften – darunter die Allianz Leben, die eine der höchsten Aktienquoten hatte – schon im vergangenen Jahr Teile ihres Aktienbestands verkauft. Die Verluste sind zwar immer noch schmerzhaft, dürften aber zu verkraften sein, zumal finanzschwächere Versicherer ohnehin kaum oder keine Aktien halten dürfen. Gleichwohl ist absehbar, dass viele Lebensversicherer für das kommende Jahr die Überschussverzinsung senken müssen. Das schmälert die erwartete Ablaufleistungen. Es ist also beim Beginn des Ruhestands mit weniger Geld zu rechnen. Wäre das die gesamte Folge der Krise, könnten die Kunden aufatmen.

Es besteht aber das Risiko, dass es schlimmer kommen könnte. Die Liquidität – also die Verfügbarkeit von Geld – dürfte anders als bei den Banken für die meisten Lebensversicherer zwar derzeit keine Schwierigkeit sein. Denn sie erhalten weiter die Sparraten ihrer Kunden, die größer sind als die Auszahlungen für private Renten und fällige Kapitalpolicen. Allianz Leben, der Marktführer, kann deshalb samt der eingenommen Zinsen und Dividenden jeden Tag 100 Millionen Euro neu anlegen. Dennoch könnte es bei einem besonders schlimmen Verlauf der Krise auch für die Lebensversicherer noch bedrohlich werden, obwohl sie überwiegend in solide Anleihen investiert haben – unter anderem auch in deutsche Staatsanleihen, die sogar an Wert gewonnen haben. Aber rund die Hälfte der Anleihen stammt von Banken. Sollten diese reihenweise ausfallen, käme es zu größeren Verwerfungen. Von Vorteil ist, dass ein großer Teil dieser Bankenanleihen Pfandbriefe sind, die umfangreich mit Hypotheken und Staatskrediten besichert sind. Aber auch hier greift inzwischen die Verunsicherung um sich: Der Handel mit Pfandbriefen ist seit Tagen zum Erliegen gekommen.

Riester-Sparpläne der Banken gelten als sicher

Sollte doch noch eine Versicherungsgesellschaft in Schwierigkeiten geraten, dann würde zunächst die deutsche Aufsichtsbehörde Bafin stabilisierend eingreifen. Reicht das nicht, hält die Branche die Auffanggesellschaft Protektor für eine Abwicklung bereit. Wie bei den Banken ist diese Sicherung aber nur für kleinere und mittlere Gesellschaften geeignet. Eine Pleitewelle – für die es derzeit keine Anzeichen gibt – würde sie überfordern.

Lebensversicherungen sind auch meist die Grundlage für die steuerlich geförderten Riester- und Rürup-Verträge, die schon mehr als 10 Millionen Deutsche abgeschlossen haben. Werden diese Policen bei Fondsgesellschaften abgeschlossen, sind die Anlagerisiken größer. Allerdings müssen sie mindestens den Erhalt der Beiträge garantieren. Auch die Riester-Sparpläne der Banken gelten als sicher.

In den Versorgungswerken sind rund 700.000 Ärzte, Steuerberater, Architekten, Anwälte, Notare und andere Freiberufler organisiert. Sie haben sich von der Pflicht zur Mitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung befreien lassen und zahlen stattdessen in die berufständischen Einrichtungen ein. Diese sind überwiegend kapitalgedeckt finanziert und zu einem kleineren Anteil über Umlagen. Bisher war das ein Vorteil, weil die Renten höher sind als in der gesetzlichen Rentenversicherung. In der Finanzkrise birgt die Kapitaldeckung allerdings ein Risiko, falls der Kapitalstock stark an Wert verlieren sollte. Die Versorgungswerke arbeiten bei der Geldanlage – es geht um rund 100 Milliarden Euro – ähnlich wie die Lebensversicherer. Die Aktienquote ist zwar deutlich höher, dafür verfügten die Kassen nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft berufständischer Versorgungseinrichtungen aber auch zuletzt noch über stille Reserven. Diese Reserven enstehen, wenn die bilanzierten Werte der Aktien unter dem Börsenpreis liegen. Die Versorgungwerke haben aber wie die Lebensversicherer viel in Anleihen investiert und tragen deshalb ein ähnliches Systemrisiko. Ihre Stabilität dürfte jedoch noch größer sein, weil sie ihren Mitgliedern keine Mindestverzinsung garantieren. Außerdem handelt es sich um eine Pflichtversicherung, die Mitglieder können also nicht kündigen und ihr Geld abziehen. Das bedeutet, dass es kein Liquiditätsrisiko gibt. Im Extremfall könnten die Versorgungswerke obendrein die Umlagekomponente erhöhen. Dann würden weniger Mittel der zahlenden Mitglieder für den Aufbau des Kapitalstocks ausgegeben und mehr für die Auszahlungen an die Pensionäre.

Betriebsrenten sind auf unterschiedliche Arten finanziert und deshalb auch unterschiedlich krisenanfällig. Ein Teil der Vorsorgeverträge ist nach Art der Lebensversicherung organisiert. Es gilt also das gleiche Maß an Risiko und Sicherheit. Ein großer Teil der von Arbeitgebern gewährten Betriebsrenten wird von den Unternehmen aber auch mit Rückstellungen finanziert, die Unternehmen stehen dann auch mit ihrem Vermögen für die Rente gerade. Wenn in einem wirtschaftlichen Abschwung Unternehmen zahlungsunfähig werden sollten, springt der Pensions-Sicherungs-Verein ein, der von der deutschen Wirtschaft im Umlageverfahren finanziert wird. Sollte wegen einer größeren Zahl von Insolvenzen mehr Geld benötigt werden, kann er die Beitragssätze erhöhen.

Manche Sparer fragen sich, ob sie wegen der Finanzkrise ihre Altersvorsorge-Verträge kündigen sollen, um ihr Geld anders in Sicherheit zu bringen. Dagegen spricht viel. Absolute Sicherheit gibt es nicht, aber die Anlagen der Versicherer, Pensionsfonds und Versorgungswerke sind solide, die Risikopuffer trotz aller erlittenen Verluste noch immer ausreichend. Die Kündigung einer langlaufenden Lebensversicherung ist mit hohen Kosten verbunden. Außerdem müsste der Sparer sein Geld anderweitig sicher unterbringen, was in der aktuellen Situation keine triviale Angelegenheit ist.

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Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

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