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Türkei-Experte im Gespräch : „Die Inflation ist außer Kontrolle geraten“

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan trifft Anhänger nach dem Freitagsgebet. Bild: dpa

Wie schlimm steht es um die Türkei? Fondsmanager Sebastian Kahlfeld erklärt im Interview mit FAZ.NET, wie es den Unternehmen geht, warum die Anleger Angst haben und wieso der Internationale Währungsfonds keine Option ist.

          Herr Kahlfeld, wie schlimm steht es um die Türkei?

          Alexander Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Lage ist nicht zu unterschätzen. Der Verfall der türkischen Währung spiegelt nicht vollständig die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, das hat die Quartalssaison gerade gezeigt: Sowohl die Industrieunternehmen als auch die Banken haben ordentliche Ergebnisse präsentiert. Das spricht dafür, dass unter Anlegern Verunsicherung herrscht, da sie die historischen Ergebnisse nicht berücksichtigen.

          Geht der türkische Staat pleite?

          Das halte ich für unwahrscheinlich. Die Staatsverschuldung ist nach wie vor niedrig, sie beträgt 33 Prozent der Wirtschaftsleistung, was niedriger ist als in vielen anderen Ländern. Und das Haushaltsdefizit beläuft sich auf 2 Prozent – auch das kein Wert, der für sich schlimm wäre.

          Sebastian Kahlfeld ist Fondsmanager der DWS in Frankfurt uns seit Jahren auf Investitionen in der Türkei spezialisiert.

          Wieso dann dieser Druck auf die Währung?

          Es gibt zwei Gründe. Der erste ist die außer Kontrolle geratene Inflation, die sogar für türkische Verhältnisse hoch ist mit derzeit 16 Prozent. Die türkische Zentralbank hat versäumt, sie frühzeitig einzudämmen und dann haben schließlich auch kleine Zinsanhebungen vor der Wahl nichts geholfen.

          Und der zweite Grund?

          Unsicherheit ergibt sich aus der rasch gestiegenen Dollar-Verschuldung vieler türkischer Unternehmen und deren Konsequenzen für die Wirtschaft.

          Warum?

          Der türkische Staat hat alleine für Finanzierungen in Höhe von 10 Prozent der Wirtschaftsleistung Garantien ausgesprochen – das wäre ein Weg, auf dem sich die Staatsverschuldung schnell stark erhöhen könnte.

          Die Türkei erlebte um die Jahrtausendwende bereits eine Finanz- und Bankenkrise. In der Folge bekam das Land Hilfe vom Internationalen Währungsfonds, musste ein strammes Sparprogramm durchziehen, die Regierung des Ministerpräsidenten Bülent Ecevit und des Wirtschaftsministers Kemal Derviş wurde daraufhin abgewählt – und schlussendlich gelangte Erdogan mit seiner AKP an die Macht. Ist die Situation jetzt vergleichbar?

          Das denke ich derzeit nicht. Insbesondere die privat geführten Banken stehen besser da, die Regulierung ist deutlich besser, weil die Standards angehoben worden sind. Hinzu kommt, dass an wichtigen türkischen Banken ausländische Institute beteiligt sind.

          Also keine Sorge um die Banken?

          Zumindest keine um die großen privaten Geldhäuser, würde ich sagen. Das Bild ist allerdings differenziert. Es gibt durchaus staatliche Banken, die weniger transparent sind und des weiteren Zahlen zu ausfallgefährdeten Krediten, die kritisch hinterfragt werden müssen.

          Würde der Internationale Währungsfonds der Türkei helfen?

          Theoretisch ja. Die Regierung müsste sich dafür auf ein umfassendes Reformprogramm einlassen, was ich aktuell für unwahrscheinlich halte.

          Was wäre mit Kapitalverkehrskontrollen?

          In einer offenen, so stark mit dem Ausland verflochtenen Wirtschaft, wäre das sehr schädlich.  

          Könnte Erdogan über die Währungskrise stürzen?

          Erdogan hat eine stabile Mehrheit in den jüngsten Wahlen errungen. Seine Popularität hängt aber auch von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung ab.

          Sebastian Kahlfeld ist Fondsmanager der DWS und seit Jahren fokussiert auf Investitionen in der Türkei.

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