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Penny-PR-Aktion : Wie schlimm steht es wirklich um die Bienen?

Bienen sorgen für eine „Bestäubungsleistung“ von mehreren Milliarden Dollar pro Jahr. Bild: dpa

Ausgerechnet Discounter Penny demonstriert mit einer PR-Aktion seine Bienenliebe. Seine vermeintliche Umweltfreundlichkeit weiß er werbewirksam zu inszenieren. Dabei ist das Insektensterben wirklich dramatisch.

          Eine eindrucksvolle PR-Aktion ist dem Penny-Markt im niedersächsischen Langenhagen gelungen. Von den rund 2500 Lebensmitteln und anderen Produkten, so die Botschaft vom Montag, gäbe es weit weniger als die Hälfte, wenn es keine Bienen mehr gäbe. Es handle sich, so Penny vage in einer Meldung, um Produkte, „die es – in der bekannten Form – nicht mehr gäbe, wenn das Insektensterben unvermindert weitergeht“. Soweit der Konjunktiv. Wie schlimm steht es wirklich um die Bienen?

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Noch gibt es Bienen, aber immer weniger. Schon 52,6 Prozent der heimischen Bienenarten stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten, so das Bundesamt für Naturschutz. Das sind Wildbienen. Die Ursachen sind bekannt: Sandwege wurden geteert, alte Mauern, die Felder begrenzten, für die freie Fahrt der Mähdrescher entfernt. Überdüngte Felder sind arm an Wildkräutern, die Wildbienen eine Nahrung sein könnten. Die Forstwirtschaft hat wenig Interesse an Totholz. Dazu kommen kurzgemähte Vorgarten-Rasen, asphaltierte Flächen. Zum Rückgang der Wildbienenarten kommt eine Abnahme der Zahl der Honigbienenvölker in Westdeutschland seit 1990 um mehr als vierzig Prozent.

          Im Boden lebt weniger

          Es geht um viel Leben und viel Geld. Weltweit wird die „Bestäubungsleistung“ auf einen Wert von 265 Milliarden Euro im Jahr taxiert. Gerlind Lehmann, Professorin für Evolutionäre Ökologie an der HU Berlin, macht nähere Angaben zum Ausmaß des Problems: Die Artenzahl der Insekten habe sich in den vergangenen 20 Jahren drastisch reduziert. Ursachen und Folgen dieses massenhaften Sterbens seien nur ansatzweise erforscht. Schon seit vergangenem Oktober ist das Wort Insektensterben in aller Munde. Seitdem gibt es die erste ernstzunehmende Langzeitstudie, die bezeugt, dass und wie dramatisch der Rückgang etwa an Schmetterlingen, Fliegen, Motten und Käfern ist. Seit 1990 sank die Masse an Insekten laut der Studie um mehr als 75 Prozent.

          Die Ursachen sind vielfältig und großteils im Unklaren, der Klimawandel wird als ein Grund genannt. Andererseits weiß man, dass die Landwirtschaft auf vielfache Weise auf das Leben der Insekten wirkt: Intensive Landwirtschaft führt zu einer Degradierung der Böden (wenige organische Relikte auf dem Acker, Pflug, Bodenerosion, Stickstoffdüngung), und das heißt auch, dass im Boden weniger lebt: weniger Mikroorganismen, weniger Fadenwürmer (Nematoden), Würmer. Böden sind Lebens- oder Geburtsräume für viele Insekten. Chemische Pestizide der vor wenigen Wochen EU-weit verbotenen Gruppe der Neonikotinoide führen zu einem Orientierungsverlust von Wildbienen, das ist erwiesen.

          Überdüngung hat dramatische Folgen

          Auch der Naturschutzverein Nabu legt sich auf landwirtschaftliche Ursachen fest. „Es ist paradox, dass vor allem die Landwirtschaft in hohem Maße von Insekten abhängig ist, beispielsweise für die Bestäubung der Kulturpflanzen oder für die biologische Schädlingsbekämpfung – und zugleich als einer der Haupttreiber ihres Verlustes gilt“, sagte laut Meldung Leif Miller, der Bundesgeschäftsführer des Nabu. Der Umweltverein kooperiert mit Penny. Auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies besuchte die leergeräumte Penny-Filiale. Ein „Umdenken in der Landwirtschaft“ sei, so die zum Rewe gehörende Penny, „unausweichlich“.

          So sah es in der leer geräumten Filiale aus.

          Auch das Totalherbizid Glyphosat – seit den neunziger Jahren in erheblich steigendem Umfang im Einsatz – steht im Verdacht, indirekt ursächlich für den Rückgang zu sein. Denn es tötet alle Pflanzen, und damit Lebensräume und Nahrungsquellen der Insekten. Große Flächen, die nur mit Raps oder Mais bepflanzt sind, dürften ein weiterer Einflussfaktor sein.

          Teja Tscharntke, Agrarökologie-Professor in Göttingen, sagte der F.A.Z.: „Es gibt eigentlich 270 Ackerpflanzenarten bei uns, faktisch findet man nur noch ein Dutzend auf einem Acker. Darunter sind viele, die resistent sind gegen Herbizide, etwa der Ackerfuchsschwanz. Die Überdüngung mit Stickstoff führt zu einer Verringerung der Pflanzenvielfalt. Es setzen sich wenige, besonders konkurrenzfähige Arten durch, was vor allem auf den stark überdüngten Wiesen und Weiden auffällt. Sie bestehen nur noch aus 10 bis 15 Pflanzenarten pro Hektar, dabei könnten es Dutzende sein. Die Überdüngung hat dramatische Folgen für Böden, Luft, Wasser – auf 70 bis 320 Milliarden Euro im Jahr schätzt die EU die Folgekosten der Stickstoffverluste in Europa.“

          Ministerien und Firmen überbieten sich in Insektenfreundlichkeit

          Ausgerechnet der Discount demonstriert nun seine Bienenliebe. Rewe ist, mit Handelsketten wie Lidl und Aldi, seit Jahren der größte Antreiber für landwirtschaftliche Veränderungen, indem diese Handelsnormen für die Tierhaltung oder Pestizidverbote fordern, noch ehe der Gesetzgeber tätig wird. Allerdings wissen die Ketten auch, diese und plakative Aktionen wie die Abschaffung der Plastiktüte in Rewe-Märkten werbewirksam zu inszenieren. Die Discountketten, die für großen Preisdruck etwa auf landwirtschaftliche Lieferanten mitverantwortlich sind, geben sich zunehmend pädagogisch. „Die heutige Penny-Aktion trägt dabei einen wichtigen Teil zur Bewusstseinsbildung bei“, formulierte die Kette in ihrer Meldung, „schließlich kann man sich die Folgen des alarmierenden Insektenrückgangs nicht oft genug vor Augen halten.“

          Mit Plakaten informierte Penny die Kunden über seine Aktion.

          Nun überbieten sich Ministerien und Unternehmen in demonstrativer Insektenfreundlichkeit. Stefan Magel, Bereichsvorstand Handel Deutschland bei Penny, warnte am Montag laut Meldung im Stile alarmistischer Umweltschützer, die Natur könnte „unwiederbringlich“ verstummen. In Sachsen warben Behörden am Dienstag für den vermehrten Anbau alter Obstsorten. Landwirtschaftsministerin Claudia Dalbert (Grüne) sagte, es gelte, das Artensterben zu stoppen: „Dazu gehört auch, unsere alten heimischen und sehr vielfältigen Obstsorten zu bewahren.“ Viele verschiedene Obstsorten seien zudem eine Bereicherung für die Insektenvielfalt, die heimischen Vogelarten und das Landschaftsbild, sagte Dalbert. Es sei deshalb wichtig, diese Sorten anzubauen und zu nutzen. Fast täglich erscheinen derzeit solche Meldungen. Zugleich gab am Dienstag die Betriebskrankenkasse Verkehrsbau Union (BKK VBU) bekannt, ein Projekt „Gesunde Biene – gesunder Mensch“ zu initiieren und 10.000 Wildpflanzen-Saattütchen verteilen zu wollen. Vielfach mehr verteilte bereits die Handelskette Alnatura.

          Die Mohnbiene baut ihre Brutröhre in sandige Böden, kleidet die Wnde mit Klatschmohn aus, ist extrem scheu und ziemlich beroht. Öffnen

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