22.08.2008 · Deutschland erlebt einen Stiftungsboom. Vor allem große Stiftungen werden dabei oft aus unternehmerischen Vermögen gespeist. Über die Motive wird gestritten. Unstrittig ist hingegen, dass Stiftungen in Deutschland rund 100 Milliarden Euro verwalten. Von Georg Giersberg
FRANKFURT, 22. August
An Stiftern mangelt es in Deutschland nicht. Stiften war nie beliebter als heute. Im vergangenen Jahr sind hierzulande nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Berlin, erstmals mehr als eintausend Stiftungen bürgerlichen Rechts neu errichtet worden. Im gesamten Zehnjahreszeitraum der fünfziger Jahre waren es lediglich 300 und auch ein Jahrzehnt später nicht mehr als 500. Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes, jubelte denn auch auf dem Deutschen Stiftungstag in München, dass in keinem europäischen Land das Stiftungswesen schneller wachse als zwischen Rhein und Oder. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen ist mit 3000 Mitgliedern, die 6000 Stiftungen vertreten, der größte Stiftungsverband der Welt.
Stiftungen - es gibt hierzulande deren 65 000 - fördern in jedem Jahr mit einem zweistelligen Milliardenbetrag wissenschaftliche, soziale, kulturelle und umweltschützende Projekte. Ob Denkmäler saniert werden, die Integration ausländischer Schüler unterstützt wird, Wissenschaft vorangetrieben oder Naturreservate erhalten werden, es gibt für fast jeden gemeinnützigen Zweck eine Stiftung. Mit solchem Engagement schmücken sich in letzter Zeit auch immer mehr Unternehmen. Sie haben erkannt, dass gesellschaftliches Engagement unter dem Namen Corporate Social Responsibility imagefördernd sein kann. Die enge Verbindung von Stiften, Fördern und Unternehmensimage stört aber die klassischen Stiftungen, die sehr viel Wert auf ihre Unabhängigkeit legen. Sie unterstellen den Unternehmen, nicht genug zwischen Firmeninteresse und Stiftungszweck zu trennen, vor allem dann, wenn Unternehmen die guten Taten nicht aus bereitgestelltem Vermögen, sondern aus laufendem Gewinn unterstützen.
Vermögen ist nämlich ein wesentliches Merkmal der (meisten) klassischen Stiftungen. Eine Stiftung ist eine Einrichtung, die mit Hilfe des ihr übertragenen Vermögens einen vom Stifter festgelegten Zweck erfüllt. Das kann ein ganz privater sein. Viele Familienstiftungen haben den Zweck, das Einkommen von Familienmitgliedern zu sichern. Aber bei den meisten bekannten und großen Stiftungen ist es ein gemeinnütziger Zweck. "Stiftungen", so der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück, "sind bürgerliches Engagement und selbstlose Hingabe." Klaus Tschira, Mitgründer des Softwareunternehmens SAP, wollte sich mit der Gründung der Tschira-Stiftung gegenüber dem Land dankbar zeigen, in dem er so wohlhabend geworden ist. Und der Hamburger Unternehmer Michael Otto nennt drei Ziele für die Errichtung seiner Stiftungen: "Sie sollen ökologische oder gesellschaftliche Missstände beseitigen helfen, eine nachhaltige Wirkung erzielen und andere zum Mitmachen anstiften."
Der gute Zweck der Stiftung ist zudem mit dem Vorteil verbunden, über den eigenen Tod hinaus wirken zu können. Eine Stiftung ist die einzige Möglichkeit für einen Menschen, seinen Willen auch noch künftigen Generationen verbindlich vorzuschreiben. Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck sah daher beim Stiften nicht nur Altruismus am Werk, sondern auch eine "spirituelle Form der Habgier" - die aber immer anderen Menschen zugutekommt.
Und das schon seit vielen Jahrhunderten. Die Stiftung Bürgerhospital zum Heiligen Geist in Würzburg, gegründet 1316, ist nur eine von rund 250 deutschen Stiftungen, die älter als 500 Jahre sind. Die noch bekanntere Sozialstiftung Fuggerei Augsburg ist als Gründung des Jahres 1516 dagegen fast jung zu nennen. Stiftungen sind ein fester Bestandteil unserer Kultur.
"Unsere freiheitliche Gesellschaft braucht ihre Stifter, nicht als Repräsentanten einer exklusiven Kultur, sondern als verantwortungsvolle und gemeinwohlorientierte Anstifter und nicht zuletzt als Vorbilder in der Öffentlichkeit", betonte denn auch der Bundespräsident, als er auf dem diesjährigen Deutschen Stiftungstag in München Michael Otto mit der "Medaille für Verdienste um das Stiftungswesen" auszeichnete.
Vielleicht hat Köhler dabei auch an die positive Resonanz gedacht, die wenige Monate zuvor von dem amerikanischen Unternehmensgründer (Microsoft) Bill Gates ausging, als er große Teile seines Vermögens in die "Bill & Melinda Gates Foundation" einbrachte, die sich vor allem die Bekämpfung der Seuchen Malaria und Aids auf ihre Fahnen geschrieben hat. Die Gates-Stiftung gilt als größte Privatstiftung der Welt, zumal ihr auch der Investor Warren Buffett große Teile seines Vermögens vermachte. Allerdings will Buffett nicht ewig Gutes tun. Er hat bestimmt, dass nicht nur aus den Einkünften seines Vermögens Geld fließen soll, sondern dass sein Vermögen selbst nach 30 Jahren aufgebraucht sein soll. Die vermögensverzehrende Stiftung ist aber die Ausnahme. Die meisten Stifter möchten unbegrenzt wirken.
Aus diesem Grund bringen gerade viele Unternehmer ihr Vermögen oder Teile davon in Stiftungen ein. In Deutschland sind etwa 1500 der insgesamt 65 000 Stiftungen als unternehmensnah zu bezeichnen. Die Beschreibung muss so vage bleiben, weil der Begriff Unternehmens- oder Industriestiftung ebenso wenig geschützt ist wie der Begriff Stiftung selbst. Der Begriff Stiftung umfasst parteinahe Stiftungen (Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung), die formal Vereine sind, ebenso wie öffentlich-rechtliche Stiftungen (Georg-August-Universität Göttingen, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berliner Philharmoniker, Contergan-Stiftung), kirchliche Trägerstiftungen (Anstalt Bethel), Familienstiftungen und eben privatrechtliche Stiftungen.
Privatrechtliche Stiftungen wiederum können Stiftungen im engeren Sinne (nach Stiftungsrecht) sein oder auch in Form einer (gemeinnützigen) GmbH geführt werden wie die Bosch-Stiftung. Trotz der Rechtsform einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung ist die Bosch-Stiftung eine Industriestiftung im engeren Sinn, denn sie hält Anteile am gleichnamigen Unternehmen. Ähnlich ist es bei der Bertelsmann-Stiftung oder der Schwarz-Stiftung (Lidl). Auf die Hertie-Stiftung trifft das trotz ihres industrienahen Namens nicht mehr zu, sie hält keine Anteile mehr an einem Unternehmen. Die Volkswagen-Stiftung gar wurde als privatrechtliche Stiftung vom Staat errichtet, um die Verkaufserlöse aus dem Börsengang der Volkswagen AG aufzunehmen und mit den Einnahmen aus der Verwaltung des Geldes die Wissenschaft zu fördern. Aber auf Grund ihrer Bedeutung (siehe Tabelle) und ihres Namens werden auch die Hertie- und die Volkswagen-Stiftung in eine heute beginnende Serie aufgenommen, die einige der größten wirtschaftsnahen deutschen Stiftungen vorstellt. Es soll beschrieben werden, woher die Stiftungen ihr Vermögen haben, welche Ziele sie verfolgen und wie sie arbeiten.
Im Club der Großstiftungen (siehe Tabelle) wird in Kürze ein neuer Name auftauchen. Die Familie Schmidt-Ruthenbeck will ihr vor allem aus einer Beteiligung an dem Handelskonzern Metro bestehendes Vermögen in die gemeinnützgie Mercator-Stiftung einbringen, die dann nach der Volkswagen-Stiftung einer der größten Geldgeber unter den Stiftungen wäre.
Industriestiftungen sind keine Spendensammelstellen, auch wenn die Bundesbürger nach einer Umfrage gerade diese Tätigkeit mit Stiftungen in Verbindung bringen, weil sie es aus ihrem Umfeld (Heinz-Sielmann-Stiftung, Deutsche Stiftung Denkmalschutz) kennen. Weit verbreitet ist auch die Ansicht, gemeinnützige Stiftungen seien Steuersparmodelle. Zwar spart man bei der Vermögensübergabe die Schenkung- oder Erbschaftsteuer, und die Stiftung selbst ist von zahlreichen Steuern befreit. Aber davon hat der Stifter nichts, er verliert den Zugriff auf sein Vermögen. Denn Stiftungen kennen keine Gesellschafter und keine Mitglieder.
Sie unterstehen daher ausschließlich der Aufsicht des Staates, der darüber wacht, dass die Stiftungsverwaltung das ihr übertragene Vermögen erhält und die Erträge daraus entsprechend dem Stiftungszweck einsetzt. Stiftungen sehen sich oft als zwischen Individuum und Staat stehend. Ihr Stiftungszweck erlaubt ihnen, Dinge zu finanzieren und anzuschieben, die sonst niemand finanzieren würde. Stiftungen verstehen sich daher häufig als Fortschrittsförderer - und beklagen, dass die Öffentlichkeit diese Rolle nicht gebührend wahrnimmt. Andererseits ist die Branche der Stiftungen über weite Teile noch immer recht undurchsichtig.
Erst in jüngster Zeit öffnen sich immer mehr Stiftungen und legen öffentlich Rechenschaft über ihre Arbeit ab. Vorbildlich präsentiert seit Jahren die Deutsche Bank ihre Stiftungen, auch wenn sie natürlich damit einen Imagezweck verfolgt. Aber auch große unabhängige Stiftungen wie die Volkswagen-Stiftung oder die Hertie-Stiftung berichten regelmäßig über ihre Tätigkeit. Dennoch bleibt manches zu tun, wie auch der neue Verbandsvorsitzende Wilhelm Krull nach seiner Wahl betonte. "Eine unserer künftigen Herausforderungen wird sein, die öffentliche Wahrnehmung der Bedeutung von Stiftungen weiter zu stärken und die Chancen herauszuarbeiten, die sich mit ihrem operativen und ihrem Förder-Handeln verbinden." Immerhin verwalten die deutschen Stiftungen ein Vermögen von etwa 100 Milliarden Euro, aus dessen Erträgen sie einen zweistelligen Milliardenbetrag für die Stiftungszwecke bereitstellen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |