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Kommentar : Einigkeit und Recht und Bafög

Mit dem Bafög-Antrag kommt die Ernüchterung: Man ist nicht so frei, wie man vielleicht denken könnte. Bild: dpa

Nach der Schule ist es endlich soweit: Jugendliche dürfen selbstbestimmt leben. Doch beim Ausfüllen des Bafög-Antrages stellt sich heraus: Es ist eine Pseudo-Freiheit.

          Die große Freiheit beginnt für Zehntausende junge Leute jedes Jahr mit einem Antrag. Das Abitur ist geschafft, im Studium soll fortan alles anders werden, vorbei die quälenden Jahre, in denen Eltern und Lehrer Schritt und Tritt überwachten. Und dann das: Vier Seiten zählt allein das „Formblatt 1“, rund hundert einzelne Felder gilt es auszufüllen; schlimmstenfalls kommen auch noch die Formblätter 2 bis 8 in Betracht.

          Erst dann gibt es das Geld, mit dem sich ein selbstbestimmtes Studentenleben führen lässt: Bafög oder, bürokratisch korrekt, eine Förderung nach dem „Bundesausbildungsförderungsgesetz“.

          Es ist nicht nur der Kampf mit den Formularen, der daraus ein Reizthema macht. Das Bafög, 1971 von einer sozialliberalen Koalition als Instrument der Massenakademisierung eingeführt, ist ein Kuriosum: Der Staat schenkt oder leiht seinen jungen Bürgern Geld, insgesamt drei Milliarden Euro für rund 870.000 Bafögler waren es zuletzt, und trotzdem finden sich wenige, die sich dafür einfach nur bedanken.

          Die torpedierte Freiheit der Jugend

          Populärer ist das Meckern. Die Erklärung, man könne es den Leuten eben nie recht machen, greift zu kurz. Das Unbequeme am Bafög ist, dass es uns zu einer Antwort auf die Frage nötigt, auf welche Seite wir uns im ewigen Konflikt von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit schlagen wollen. Der Traum vom unbeschwerten Studentendasein, er wird damit gleich am Anfang torpediert.

          Fangen wir mit der Freiheit der jungen Erwachsenen an. Volljährig sind sie, ihre eigenen Entscheidungen sollen sie nun treffen, Verantwortung übernehmen. Aber wie weit ist es mit dieser Freiheit schon her, wenn gleich auf Formblatt 3 auch noch das Einkommen der Eltern abgefragt wird, weil es für die Kinder der Wohlhabenden hierzulande kein Bafög geben soll?

          Wer will verhindern, dass ihnen Papa und Mama als Gegenleistung für die monatliche Überweisung Wohlverhalten abverlangen? Andere Länder sind da großzügiger. Aus Skandinavien kommt die Überzeugung, dass jeder einen Anspruch auf eine staatliche Ausbildungsförderung hat, auch die Töchter und Söhne von Millionären. Alles andere, lautet das Argument dafür, würde bedeuten, sie nicht ernst zu nehmen.

          Ist das skandinavische Konzept die Zukunft?

          So eine Gleichbehandlung ohne Ansehen der Person, das klingt gut. Aber ist sie auch gerecht? Schon das deutsche System fordert zum Beispiel vom Facharbeiter, dessen eigene Kinder eine Lehre machen, eine Menge Nächstenliebe.

          Schließlich sorgt auch er mit seinen Steuern dafür, dass die studierenden Nachbarskinder später voraussichtlich viel mehr verdienen werden als sein eigener Nachwuchs – ohne Studiengebühren zu bezahlen und obendrein noch mit maximal 670 Euro Bafög im Monat.

          Aus seiner Sicht wäre es zweifellos gerechter, die Studenten oder ihre Eltern würden im Zweifelsfall einen Kredit aufnehmen und ihn später aus dem eigenen Einkommen zurückzahlen, um sich das Studium zu finanzieren. So ist es in Amerika üblich. Und wozu führt es? Zu Schuldenbergen bei den Akademikern am Berufsanfang.

          Also noch einmal zurück zum skandinavischen Modell. Die Befreiung von den drückenden Banden der Herkunft, die es den Studenten verspricht, hat noch einen anderen Haken. Sie gibt es nur im Paket.

          Auch in allen anderen Lebensphasen will der Staat dort am liebsten direkt, ohne störende Zwischeninstanzen wie die Familie mit den Menschen zu tun haben. Deshalb ist die öffentliche Kinderbetreuung so gut ausgebaut, deshalb gibt es kein Ehegattensplitting, sondern eine Individualbesteuerung.

          Es gibt viele Gründe, dieses Modell für fortschrittlich zu halten. Es ist aber gleichzeitig ein großangelegtes Vereinzelungsprojekt mit einigen gravierenden Nebenwirkungen: Es gibt beispielsweise wenige Länder, in denen so viele Menschen wie in Schweden ganz alleine sterben, ohne jede Verbindung zu ihrer Familie.

          Dann doch lieber ein Formblatt mehr.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.S.

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