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Flexibel arbeiten : Die Generation Y macht Ernst

Nach 28 Stunden schon wieder nach Hause? Warten auf die U-Bahn in Berlin Bild: dpa

Früher gab es Geld für Leistung. Künftig sollen die Unternehmen auch das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter finanzieren. Darin spiegelt sich ein völlig neuer Zeitgeist.

          Es gibt eine neue Zahl, die Arbeitgeber auf die Palme bringt: 28. Für diese Zahl wird die IG Metall bald in den aggressivsten Arbeitskampf seit mehr als drei Jahrzehnten ziehen. Ihre Forderung: Auf 28 Stunden in der Woche sollen Arbeitnehmer künftig ihre Arbeitsleistung reduzieren dürfen. Das wäre eine lockere Vier-Tage-Woche. Oder zumindest ein halber Arbeitstag weniger als bisher. Und das ohne große Gehaltseinbußen, jedenfalls für Eltern mit kleinen Kindern und für Schichtarbeiter. Diesen soll, zumindest teilweise, der Arbeitgeber die freie Zeit bezahlen. „Verkürzte Vollzeit“ nennt sich das. Ein Traum!

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Für die Unternehmen der Elektro- und Metallbranche hingegen nimmt sich die Vorstellung eher wie ein Albtraum aus. Nicht einmal verhandeln wollen sie über diese Forderung. Sie fürchten, dass Hunderttausende Beschäftigte in die Teilzeit abwandern, und dass in Zeiten, in denen die Wirtschaft mit knapp zwei Prozent wächst, die Auftragsbücher voll sind und die Unternehmen händeringend nach fähigen Mitarbeitern suchen.

          „Eine Stilllegeprämie für Fachkräfte“ nennt man die Forderung nach subventionierter Teilzeit deshalb beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Oder schlimmer: der „faktische Einstieg in die 28-Stunden-Woche“.

          Streiks sind so gut wie sicher

          Streiks sind angesichts der verhärteten Fronten so gut wie sicher. Die Friedenspflicht in der Branche endete an Silvester.

          Den Streit könnte man als eine Besonderheit der Metall- und Elektroindustrie mit ihren vier Millionen Beschäftigten abtun, der eher nebenbei auch das ganze Land treffen könnte. Tatsächlich allerdings geht es um Grundsätzliches. In der Forderung der Metaller spiegelt sich ein neuer Zeitgeist, inspiriert von der Generation Y, also jenen nach 1980 geborenen Männern und Frauen, die jetzt in Massen in die Arbeitswelt strömen. Denen freie Zeit wichtiger ist als Arbeit. Die andere Prioritäten setzen und damit inzwischen viele auf ihre Seite ziehen.

          Die Forderung zeigt eine völlig neue Anspruchshaltung gegenüber Unternehmen. Sie sollen nicht mehr nur Produktionsstätten mit ordentlichen Arbeitsbedingungen sein, deren wichtigstes Ziel es ist, Geld zu verdienen, um damit ihre Mitarbeiter bezahlen zu können. Nein, Unternehmen sollen heute weit mehr als das sein, gleichsam Sozialeinrichtungen: Sie sollen nachhaltig wirtschaften, gesellschaftliche Aufgaben übernehmen und sich um die persönlichen Belange ihrer Mitarbeiter kümmern – dass sie sich gesund ernähren, schön wohnen, leicht zur Arbeit kommen und ausreichend Freizeit haben. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann spricht von der „sozialen Mitverantwortung der Arbeitgeber“ etwa bei der Gesundheitsprävention: „Eigentum verpflichtet.“ So heißt es schon im Grundgesetz. Jetzt wird diese Pflicht immer drückender.

          Besonders die ostdeutschen Arbeitgeber reagieren auf solche Forderungen gereizt: Das alles hatten sie schon einmal zu DDR-Zeiten, als die staatseigenen Betriebe auch für die kollektive Freizeitgestaltung der Mitarbeiter zuständig waren und sogar Ferienlager für die Kinder organisierten, nicht zum Selbstzweck, sondern zur politischen Indoktrination. In diesem Punkt ist die neue individualisierte Anspruchshaltung gegenüber den Unternehmen natürlich völlig unverdächtig. Den Arbeitgebern geht das trotzdem gegen den Strich: Waschmaschinen herstellen und damit Gewinne erzielen – das ist ein Wert an sich, sagen sie. Doch das will keiner mehr hören.

          Freizeit und Arbeit verschmolzen

          Es wäre zu simpel, das neue Anspruchsdenken als komplett überzogen abzulehnen. Schließlich haben die Arbeitgeber mit ihren ständigen Forderungen nach flexibler Arbeit in der Vergangenheit selbst zur Entgrenzung beigetragen: Dass Freizeit und Arbeit bis zur Untrennbarkeit ineinanderfließen, liegt vor allem daran, dass viele Unternehmen genau das verlangen. Wer auf Abruf arbeiten und mit Büros in Übersee kommunizieren muss, kann nicht um 17 Uhr das Licht ausschalten, sondern muss sich am Abend noch in eine Telefonkonferenz einwählen oder die eine oder andere E-Mail schreiben.

          Noch steht dem zumindest in der Theorie das Arbeitszeitgesetz entgegen, ein Relikt aus der analogen Welt. Das sieht eine ununterbrochene Ruhezeit von elf Stunden vor, die kaum einzuhalten ist, wenn man kurz vor dem Schlafen gehen noch schnell die E-Mails checkt. Viele würden das Gesetz deshalb gerne ändern. Die Gewerkschaften haben allzu viel Flexibilität stets bekämpft und waren damit auch durchaus erfolgreich. Eine Änderung des Gesetzes konnten sie bisher verhindern. Für sie hat Volkswagen auch schon mal den Server heruntergefahren, damit nach Feierabend keine E-Mails mehr versendet werden können. Gerade erst regt sich bei Porsche Widerstand gegen E-Mails in der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeit.

          Doch die Wahrheit ist auch: Starre Arbeits- und Ruhezeiten wollen nicht mehr viele, auch nicht auf Arbeitnehmerseite. Es ist verführerisch, die E-Mails am frühen Abend zu schreiben, wenn man dadurch die Kinder früher vom Kindergarten abholen kann. Auch deshalb haben sich die Gewerkschaften hier und da entschieden, Kompromissbereitschaft bei der Verlängerung von Arbeitszeit zu zeigen. Doch jetzt drehen sie den Spieß um. Nachdem sich die Mitarbeiter jahrelang von ihrer flexiblen Seite gezeigt hätten, seien jetzt die Arbeitgeber dran.

          Die könnten vorübergehend auf Mitarbeiter verzichten, wenn diese Besseres mit ihrer Zeit anfangen können. Wer möchte, soll über einen begrenzten Zeitraum von zwei Jahren die Arbeitzeit von 35 auf bis zu 28 Wochenstunden reduzieren dürfen. Nicht alle sollen dafür einen finanziellen Ausgleich bekommen: nur Mitarbeiter, die sich in dieser Zeit um minderjährige Kinder unter 14 Jahren oder um kranke Eltern kümmern. Konkret bedeutet das 200 Euro Ausgleich im Monat, wenn sie ihre Arbeitszeit um mindestens 3,5 Stunden verkürzen. Für die besonders belasteten Schichtarbeiter sollen es 750 Euro im Jahr sein. Die Wetten laufen schon, dass es bald eine Krankheitswelle unter Metaller-Eltern im Land geben wird.

          Ende der Teilzeitfalle

          Ein weiterer Clou der Forderung der IG Metall: Nach zwei Jahren Kürzertreten soll jeder wieder Anspruch auf eine Vollzeitstelle haben. Damit würde die IG Metall nebenbei einführen, woran die SPD in der vergangenen Legislaturperiode gescheitert ist: ein Rückkehrrecht auf eine Vollzeitstelle. Die vielbeklagte „Teilzeitfalle“ hätte sich damit erledigt.

          Dazu muss man wissen: Arbeitnehmer haben auch heute schon Anspruch auf Teilzeit – und zwar egal, aus welchem Grund. Bisher reduziert sich das Gehalt allerdings entsprechend, deshalb ist es nicht für jeden interessant. Kurz gesagt: Teilzeit muss man sich leisten können. Die IG Metall dagegen will Teilzeit für jedermann, und die Unternehmen sollen zahlen, jedenfalls wenn die Mitarbeiter mit ihrer zusätzlichen freien Zeit eine gesellschaftlich relevante Arbeit leisten. Es sei ja auch nicht so, dass die Arbeitgeber gar nichts dafür bekämen, argumentiert die Gewerkschaft. Schließlich zeigten sie sich so von ihrer attraktiven Seite und lockten die Fachkräfte an, die sie in diesen Boomzeiten so sehr suchten.

          IG Metall kennt ihre Macht

          Die IG Metall kennt ihre Macht in Zeiten der Vollbeschäftigung. Und der Arbeitgeberverband tobt. Nicht einmal verhandeln könne man über diese Forderungen, um nicht das falsche Signal zu setzen. Es geht ums Prinzip, behaupten die Arbeitgeber, nämlich um die Gleichbehandlung der Mitarbeiter. Was solle man denn all denjenigen Teilzeitkräften sagen, vorwiegend Frauen übrigens, die schon in der Vergangenheit ganz ohne finanziellen Ausgleich kürzer getreten hätten? „Mehr Geld fürs Nichtstun wird es mit uns nicht geben!“, poltert Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger.

          Arbeitnehmer, die wegen der Kindererziehung auf 28 Wochenstunden reduzierten, müssten mit einem Einschnitt von 300 Euro netto im Monat leben, rechnet der Arbeitgeberverband Gesamtmetall vor. Wer nur 3,5 Stunden weniger arbeite, bekomme etwa 100 Euro weniger. Mit der zugleich geforderten Lohnerhöhung von sechs Prozent sei das Gehalt wieder so üppig, dass es fast gar keine Einbußen gäbe. Das Angebot könnte deshalb eine große Sogwirkung auslösen, fürchten die Arbeitgeber – und das in Zeiten voller Auftragsbücher: Entweder man brauche 180.000 zusätzliche Beschäftigte, um die Lücken zu schließen, heißt es. Oder jeder nicht anspruchsberechtigte Beschäftigte müsse rund vier Stunden mehr in der Woche arbeiten.

          Die boomende Wirtschaft ist der entscheidende Unterschied zum Jahr 1984 und dem letzten großen Streik, in dem die Arbeitszeit eine zentrale Rolle spielte. Nach sieben Wochen Arbeitskampf kam die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Damals konnte von Fachkräftemangel keine Rede sein. Das Gegenteil war der Fall: Die Arbeitslosigkeit lag auf Rekordniveau, deshalb diente die Verkürzung der Arbeitszeit vor allem dazu, die wertvolle Arbeit auf möglichst viele Köpfe zu verteilen. 2,3 Millionen Arbeitsplätze sollten so geschaffen werden. Lieber weniger Arbeit für alle, als alle Arbeit für wenige, so lautete damals das Kalkül. Dagegen ist die Verkürzung der Arbeitszeit heute ein wahres Luxusprojekt: Mehr Zeit für sich und die Lieben, lautet die Forderung, die die Gewerkschaft aufstellt. Die Frage, wer die liegen gebliebene Arbeit machen soll, ist nicht ihr drängendstes Problem.

          Kampf gegen Teilzeit: IG Metall hat konkrete Forderungen an die Wirtschaft.

          Unternehmen kontern

          Die Gewerkschaft richtet sich vielmehr bloß nach den Wünschen ihrer Mitglieder, die sie schon vor vier Jahren in einer umfangreichen Untersuchung befragt hat, um den großen Mitgliederschwund aufzuhalten. Im Sommer hat sie die Befragung wiederholt. Die Ergebnisse waren ähnlich: Mit ihrem Job, auch ihrer Arbeitszeit, sind viele Gewerkschaftsmitglieder sehr zufrieden. Das ist erst einmal schlecht für die Gewerkschaft, es bleibt ihr nicht viel zu tun. Da trifft es sich gut, dass bei einigen doch der Schuh an einer ganz bestimmten Stelle drückt: Jeder fünfte Befragte würde seine Arbeitszeit gerne reduzieren.

          Die Unternehmen kontern mit der Frage, wer das alles zahlen soll – und haben die Antwort schon parat: die Kollegen, die ihre Arbeitszeit nicht reduzieren. Die Arbeitgebervereinigung hat ihrerseits die Beschäftigten gefragt, und zwar nicht nur danach, welche Präferenzen sie haben (mehr Geld: 64 Prozent; selbstbestimmte Arbeitszeit: 30 Prozent), sondern ob sie umgekehrt auch bereit wären, die freie Zeit der Kollegen über ihre Löhne zu subventionieren. Die Antwort war wenig überraschend: So gefragt, zeigten sich nur 16 Prozent der Befragten zu diesem Akt der Solidarität bereit.

          Die Gewerkschaft meint es trotzdem ernst. Schon bald könnten die ersten Streiks in einzelnen, ausgesuchten Unternehmen beginnen. Eskaliert der Konflikt weiter, könnte die IG Metall zur Urabstimmung für einen flächendeckenden Arbeitskampf schreiten. Dann wird sich zeigen, ob Arbeitnehmer nicht nur freie Zeit fordern, sondern auch bereit sind, dafür zu streiken. Das neue Jahr fängt spannend an.

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