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Comeback der FDP : Welche Wunden der Sturz ins Nichts hinterlassen hat

Nachdenkliche Freude: Die FDP-Spitze nimmt am Wahlabend zu den Ergebnissen Stellung, am Pult Christian Lindner. Bild: Jens Gyarmaty

Die FDP hat es geschafft und meldet sich zurück im Bundestag – demnächst wahrscheinlich auch in Regierungsverantwortung. Wer die nächsten Schritte der Liberalen verstehen will, sollte sich die jüngere Geschichte unbedingt anschauen.

          Das abstrakte Kunstwerk in den schrillen Farben Gelb, Blau und Magenta zeigt einen sonderbaren Vogel: den sagenhaften Phönix, der in der Morgenglut verbrennt, um anschließend in lichte Höhen emporzusteigen. Das Ganze leuchtet und hängt hinter dem Schreibtisch von Marco Buschmann. Das ist, oder besser gesagt, das war der Bundesgeschäftsführer der FDP. Er wurde das, als die Partei nach vier Jahren schwarz-gelber Gegeneinanderarbeit am Boden lag. Seit Montag hat der 40 Jahre alte Jurist eine neue Aufgabe.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Gleich am Tag nach der Wahl hatten die Bundestagsabgeordneten ihre erste Sitzung, auf der sie ihren Parteivorsitzenden und Spitzenkandidaten Christian Lindner auf den Schild hoben. Buschmann ist nunmehr als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer seine rechte Hand in der Fraktion, vorher war er das in der Partei. Das erste Treffen fand allerdings nicht im Reichstag statt, sondern in der Parteizentrale. Wo die FDP-Abgeordneten einmal saßen, arbeiteten vier Jahre andere. Daher hat Buschmann noch als Bundesgeschäftsführer vorsorglich für Raum, Tische und Anschlüsse im Hans-Dietrich-Genscher-Haus in der benachbarten Reinhardtstraße gesorgt.

          Was für ein Kontrast. Im Herbst 2013 war die FDP am Boden, mit 4,8 Prozent war sie aus dem Bundestag geflogen – und nun gibt es sogar zwei Fraktionen: die alte noch in Liquidation und eine neue in Gründung. Weil sich die Abwicklung nicht zuletzt wegen eines Rechtsstreits mit einem früheren Mitarbeiter länger hinzieht, kommt es zu dieser merkwürdigen Überschneidung. Erst mit der Konstituierung des neuen Bundestages ist die Vorphase abgeschlossen, wird aus der Fraktion in Gründung eine richtige.

          Klar, nach dem Wahlerfolg vom vergangenen Sonntag, als die Partei 10,7 Prozent der Stimmen holte, schauen Parteifreunde wie Beobachter gespannt auf das Kommende. Klappt das Dreierbündnis aus Union, FDP und Grünen? Wird die FDP als Regierungspartei nach dem Finanzministerium greifen? Halten Jamaika und Merkel IV bis 2021? Doch die Zukunft speist sich aus der Vergangenheit. Viele Entscheidungen, vor denen Lindner mit seinen Leuten in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten stehen wird, werden von früheren Erfahrungen bestimmt sein.

          Ohne die jüngere Geschichte der FDP ist die nähere Zukunft nicht zu verstehen, da es eine wirklich üble Zeit für die Liberalen war: ein von tiefer Häme begleiteter Sturz ins Nichts, der Zwang zur Neubesinnung und Neuaufstellung, die harten Jahre in der außerparlamentarischen Opposition. Es ging um ein Projekt, das niemand vorher geschafft hat: Eine Partei zurück in den Bundestag führen, die dort komplett verschwunden war, also dem politischen Kadaver phönixgleich neues Leben einzuhauchen. Die Grünen und die Linken-Vorläuferpartei PDS waren zwar früher ebenfalls an der 5-Prozent-Hürde gescheitert, aber besondere Umstände sorgten dafür, dass zumindest ein paar Abgeordnete von ihnen im Parlament überlebten (weil Bündnis 90/Die Grünen 1990 im Osten 6 Prozent geholt hatten und direkt nach der Wiedervereinigung ein spezielles Wahlrecht galt, die PDS überlebte nur dank einiger Direktmandate zwei Mal im Bundestag).

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