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Reiches Ölland : Die deutsche Wirtschaft hält den Saudis die Treue

Mohammed bin Salman bereitet sich gerade darauf vor, die Führung Saudi-Arabiens zu übernehmen. Bild: dpa

Droht ein Zerwürfnis zwischen Saudi-Arabien und dem Westen? Amerikanische Manager haben schon reagiert auf das ungeklärte Schicksal des vermissten Journalisten Khashoggi – von deutscher Seite sind die Antworten weniger klar.

          Der saudische Journalist Jamal Khashoggi wird seit dem 2. Oktober vermisst. Türkische Ermittler haben nach eigenen Angaben Belege dafür, dass der Dissident im saudischen Konsulat in Istanbul von saudischen Agenten ermordet wurde. Trotz dieses schweren Vorwurfs, den Saudi-Arabien bestreitet, geht die deutsche Wirtschaft bislang nicht auf Distanz zu dem Königreich. So hält der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser an seinem Plan fest, zu einer am kommenden Dienstag beginnenden Wirtschaftskonferenz nach Riad reisen. „Nach derzeitigem Stand planen wir, weiter an der Konferenz teilzunehmen“, sagte ein Sprecher des Konzerns.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Der Fall des Journalisten und die Situation werde aber sehr genau beobachtet und verfolgt. Da Siemens strategischer Partner der Wirtschaftskonferenz ist, dürfte das Unternehmen in jedem Fall präsent sein. Anzunehmen ist, dass Kaeser kurzfristig fernbleiben würde, sollten sich Vorwürfe konkretisieren.

          Andere deutsche Konferenzteilnehmer, darunter mehrere Dax-Unternehmen und größere Mittelständler, haben die Reise bislang ebenfalls nicht abgesagt. Die Unternehmensberatung Roland Berger, die als Konferenzpartner auftritt, sagte auf Nachfrage, man werde die Lage weiter beobachten, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen. Die Deutsche Bank prüft dem Vernehmen nach die Teilnahme an der mehrtägigen Veranstaltung in der saudischen Hauptstadt noch.

          „Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden“

          Anders verhalten sich amerikanische Unternehmen. Nachdem Präsident Donald Trump den Saudis mit einer „harten Bestrafung“ gedroht hatte, sagten Medienberichten zufolge unter anderem der Chef der Bank JP Morgan, Jamie Dimon, sowie die Vorstandschefs von Ford und Uber ihre Teilnahme ab.
          Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht hingegen bislang nicht auf Distanz. „Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden, ob es in Saudi-Arabien oder auch anderswo Geschäfte macht und das Risiko eingeht, dadurch möglicherweise Negativschlagzeilen zu bekommen“, sagte der Stellvertretender Hauptgeschäftsführer Volker Treier der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Insgesamt setze die Wirtschaft darauf, „durch die Beziehungen und die Kommunikation mit Saudi-Arabien einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich Saudi-Arabien weiter hin zu einer offeneren Gesellschaft entwickelt“. Der Impuls dazu grundsätzlich auf Distanz zu gehen, müsse wenn dann aus der Politik kommen, zum Beispiel indem sie Sanktionen ankündigt. „Die Politik hat uns in den vergangenen Monaten allerdings eher ermuntert, wieder mehr auf saudische Partner zuzugehen“, sagte Treier.

          Das diplomatische und wirtschaftliche Verhältnis beider Länder war nach kritischen Aussagen des damaligen Außenministers Sigmar Gabriel (SPD) zur Rolle der Saudis im Nahen Osten im vergangenen Jahr äußerst belastet. Nachdem Außenminister Heiko Maas (SPD) diese „Missverständnisse“ Ende September bedauert hatte, war die Eiszeit beendet. Dementsprechend zurückhaltend äußerte sich nun das Bundeswirtschaftsministerium. Die Bundesregierung könne Unternehmen keine Empfehlungen für oder gegen die Teilnahme an der Konferenz geben, hieß es auf Anfrage. Das Außenministerium forderte Riad in einer Erklärung auf, „eine detaillierte und umfassende Antwort“ zu dem Vorfall zu geben.

          Für die Haltung der deutschen Politik und der Unternehmen dürfte es auch handfeste wirtschaftliche Gründe geben. Zwar ist das Volumen der deutschen Exporte nach Saudi-Arabien von fast 10 Milliarden Euro (2015) auf 6,5 Milliarden Euro (2017) gesunken. Wirtschaftsvertreter sehen trotzdem großes Potential im Handel mit dem ölreichen Land, das sich ein Modernisierungsprogramm verordnet hat. Siemens könnte etwa am Umbau der Energieversorgung in dem Königreich mitarbeiten und bei der digitalen Vernetzung helfen. So soll Saudi Arabien einmal in der Digitalisierungsstrategie von Siemens eine wichtige Rolle spielen.

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