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Infrastruktur : Die Bahn will kundenfreundlicher bauen – geht das?

Nicht nur vor dem Hauptbahnhof in Halle: Auf deutschen Schienen wird so viel gebaut wie noch nie. Bild: dpa

Im Schienennetz gibt es bis zu 800 Baustellen. Sie sorgen für Verspätungen und verärgerte Kunden. Geht das auch besser? Ja – aber es kostet viel Geld.

          Jeder Bahnkunde weiß: Baustellen gehören zu den größten Ärgernissen auf der Schiene. Sie zählen zu den Hauptgründen für Zugverspätungen oder -ausfälle. Aber ohne Bauarbeiten läuft es nicht: In diesem Jahr fließen 9,3 Milliarden Euro in die Bahninfrastruktur. An zahlreichen Strecken hierzulande wird aktuell gebaut, es werden in großem Umfang Brücken renoviert und Gleise erneuert. In Spitzenzeiten gibt es bis zu 800 Baustellen im deutschen Schienennetz – und zwar täglich.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Einschränkungen für Verkehrsunternehmen und Fahrgäste müssen dabei so gering wie möglich bleiben“, verlangt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Der CSU-Politiker steht mit dieser Forderung nicht alleine da. Dieses Ziel verfolgen auch Bahnunternehmen von der Deutschen Bahn bis zu Abellio, der Netzbetreiber DB Netz AG sowie die Aufgabenträger im Nahverkehr. Gerne sprechen sie von „kundenfreundlichem Bauen“. Seit eineinhalb Jahren beschäftigt sich damit sogar ein „Runder Tisch Baustellenmanagement“.

          Diese Initiative hat nun erste Ergebnisse im Form eines Maßnahmenpakets vorgelegt. Vier Bausteine sollen künftig die Bauplanungen auf der Schiene verbessern. Nach Angaben der DB gehören dazu: Vereinbarungen zwischen Bund und DB Netz zum kundenorientierten Bauen, ein Anreizsystem zwischen DB Netz und den Eisenbahnverkehrs-Unternehmen (EVUs) in Deutschland, eine bessere Risikoverteilung zwischen Aufgabenträgern und EVUs sowie die Optimierung von Bauprozessen und Baukommunikation.

          Konzept mit minimalen Sperrungen

          Das klingt kompliziert – aber letztlich geht es vor allem um eines: um mehr Geld. Denn „kundenorientiertes“ Bauen kostet, und zwar schon im Einzelfall viele Millionen Euro zusätzlich. In der gerade veröffentlichten Broschüre „Clever bauen – gut fahren“, in der der Runde Tische erste Ergebnisse zusammenfasst, lassen sich an konkreten Projekten die Dimensionen erahnen.

          Beispiel Güterverkehr: Auf der Umfahrungsstrecke Hannover verkehren jeden Werktag bis zu 300 Güterzüge. Zwischen März 2016 und April 2017 wurden drei Eisenbahnbrücken erneuert. Um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten, wurde ein Sperrkonzept mit minimalen Sperrungen entwickelt. Zum Einsatz kamen Hilfsbrücken sowie verstärkte Sicherungsleistungen für den Bau „unter rollendem Rad“.

          Ohne diese Maßnahmen wären größere Einschränkungen durch eine viermonatige Totalsperrung entstanden. Stattdessen musste die Strecke in rund einem Jahr Bauzeit insgesamt nur sechsmal zeitweise komplett gesperrt werden. Rund 60 Prozent der Zugfahrten konnten während dieser sechs Baufenster abgewickelt werden, nur 40 Prozent mussten umgeleitet werden. Das klingt gut, kam jedoch deutlich teurer: Die Mehrkosten beliefen sich auf neun Millionen Euro, die Gesamtkosten auf rund 20 Millionen Euro.

          Entspannung nicht in Sicht

          Beispiel Personenverkehr: Im Frühjahr 2020 will die DB zwischen Deining und Neumarkt in der Oberpfalz 20 Kilometer Strecke erneuern. Mit zusätzlich sechs Millionen Euro – bei Gesamtkosten von 19 Millionen Euro – können zusätzliche Signale und Überleitstellen errichtet werden, betont die Bahn. Die ermöglichen es während des Bauzeitraums, statt 40 Prozent bis zu 70 Prozent der normalen Kapazität aufrechtzuerhalten: „Pro Tag könnten so 100 Züge mehr fahren.“

          Generell gilt laut DB: Je „kundenschonender“ gebaut wird, desto mehr Geld muss investiert werden. Stets müsse also für Baumaßnahmen zwischen Kosten, Zeitaufwand und Kundennutzen abgewogen werden. Diese Abwägung muss letztlich das Verkehrsministerium mittreffen: „Für einzelne Bausteine ist eine finanzielle Unterstützung des Bundes erforderlich“, konstatiert der Runde Tisch. Konkrete Zusagen von Scheuer liegen bislang noch nicht vor, er sagte jedoch seine Unterstützung zu.

          Fakt ist: Baustellen begleiten die Bahnfahrer auch künftig in hohem Maß. Die teuer in die Infrastruktur investierten 9,3 Milliarden Euro sind so viel wie noch nie zuvor, 800 Millionen Euro mehr als 2017, wie Vorstand Ronald Pofalla im Februar vorrechnete. Schon damals hieß es, man wolle trotz des steigenden Bauvolumens die Auswirkungen auf die Kunden so gering wie möglich halten. „So konnten wir 2017 die durch Baustellen verursachten Verspätungen gegenüber 2016 um 10 Prozent reduzieren“, erläuterte Pofalla seinerzeit stolz.

          Viele Kunden dürften diese Verbesserung freilich kaum bemerkt haben. Und Bautempo und -umfang bleiben hoch. Alleine 5,5 Milliarden Euro stehen in diesem für die Erneuerung und Instandhaltung von 1600 Kilometer Gleisen, mehr als 220 Brücken und gut 1700 Weichen zur Verfügung. Mit einer Entspannung ist auf absehbare Zeit nicht zu rechnen.

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