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Muhterem Aras im Gespräch : „Frauen am Steuer, das war mir neu“

Muhterem Aras (geborene Günyel) in ihrem Amtszimmer im Stuttgarter Landtag. Im Hintergrund die europäische und die baden-württembergische Flagge Bild: Rainer Wohlfahrt

Vom anatolischen Bauerndorf an die Spitze des Stuttgarter Landtags: Die Biographie von Muhterem Aras, schön wie ein Märchen und wahr, zeigt, wie Integration geht.

          Der Landtag von Baden-Württemberg liegt im obereren Teil des Stuttgarter Schlossgartens. Das dreistöckige Gebäude mit seiner dunklen Fassadenverglasung bildet einen architektonischen Kontrast zu den historischen Gebäuden der Umgebung. 1961, als der Landtag eröffnet wurde, sollte er als Sinnbild für die junge Demokratie gelten. In ihrem Dienstzimmer treffen wir Muhterem Aras, die Präsidentin des Landtags. Sie wurde 1966 geboren, ist Mitglied der Grünen. In ihrem Wahlkreis Stuttgart I war sie bereits bei der Landtagswahl 2011 grüne Stimmenkönigin, 2016 erreichte sie dort mit 42,4 Prozent das beste Ergebnis aller Abgeordneten im baden-württembergischen Landtag. Im Mai 2016 wurde Frau Aras zur Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg gewählt. Sie ist die erste Frau und Migrantin, die dieses Amt bekleidet. Wir sprechen mit ihr nicht über Politik, sondern über ihr außergewöhnliches Leben. Und darüber, was Assimilation bedeutet - und was nicht.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Frau Aras, was ist für Sie Heimat?

          Heimat ist für mich dort, wo ich meine Familie und meinen Lebensmittelpunkt habe. Das ist eindeutig Deutschland.

          Ihre Herkunft ist woanders. Sie sind 1978 mit zwölf Jahren aus Anatolien nach Deutschland gekommen.

          Ich stamme aus einem kurdischen Gebiet in Ostanatolien. Mein Vater war Gastarbeiter. Er kam erst allein, hat dann später meine Mutter und uns fünf Kinder nach Filderstadt-Sielmingen bei Stuttgart nachgeholt. Das war für mich ein Sprung ins kalte Wasser.

          Warum hat der Vater die Türkei verlassen?

          Wir sind eine Bauernfamilie. Für dortige Verhältnisse waren wir sehr gut situiert, hochangesehen und reich. Es waren also keine wirtschaftlichen Gründe, weswegen wir das Land verlassen haben.

          Sondern?

          Meine Mutter hat die patriarchalischen Strukturen der Großfamilie des Vaters schwer ertragen.

          Der Vater allein wäre nicht aufgebrochen?

          Nein, er hätte wohl nicht den Mut dazu gehabt. Er hat sich heimlich, ohne sich mit der Familie zu besprechen, als Gastarbeiter in Deutschland beworben.

          Wo beworben?

          Bei den Anwerbeagenturen des Arbeitsamtes. Er ist dann zu "Thyssen Aufzüge" gekommen. Wie viele dachte er anfangs, dies für ein paar Jahre zu machen und dann wieder zurückzugehen. Aber dann hat er uns nachgeholt.

          Sie kamen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen?

          So ist es.

          Wenn Frau Aras erzählt - und sie ist eine großartige Erzählerin - entstehen plastische Bilder aus einer unendlich fernen Welt ihrer Herkunft. Ihre Muttersprache ist kurdisch. Später lernte sie Türkisch, öffentlich Kurdisch zu sprechen war verboten. In ihrem Dorf in Anatolien gab es keine asphaltierten Straßen und keine verschleierten Frauen. Aras ist Alevitin, wo man den Koran deutlich liberaler auslegt. Aleviten gehen nicht in die Moscheen, haben sogenannte Cem-Häuser, Begegnungshäuser, wo sich Männer und Frauen zusammen zum Gebet treffen. Manche Sunniten sagen, Aleviten seien Ungläubige. "Reisen bildet", sagen die Aleviten: Das sei wichtiger, als in die Moschee zu gehen. Man könnte deshalb auf die Idee kommen, dass das alevitische Bekenntnis ihr die Integration in Deutschland erleichtert hat.

          Was ist Ihre erste Erinnerung an Deutschland?

          Alles war neu: am aufregendsten war es, Frauen am Steuer eines Autos zu sehen. Das gab es bei uns nicht.

          Hat die Mutter Deutsch gelernt?

          Sie blieb Analphabetin, konnte bis zum Ende ihres Lebens vor einem Jahr weder lesen noch schreiben.

          Kann man das nicht später nachholen?

          Wahrscheinlich hätte sie es machen können. Später hat sie uns Kindern auch vorgeworfen, ihr nicht geholfen zu haben, einen Deutschkurs zu machen. Samstags hat sie immer die Zeitung mit den Immobilienanzeigen studiert und nach Wohnungen und Häusern Ausschau gehalten, die dort abgebildet waren. Auf mich war sie sehr stolz, Artikel über mich hat sie versucht zu entziffern, oder sie hat sie sich von uns Kindern vorlesen lassen.

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