Home
http://www.faz.net/-gqe-70msg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Dicke Bertha“ England entwickelt Notprogramm

 ·  Großbritannien will seine Wirtschaft und das Finanzsystem des vor einer Zuspitzung der Euro-Krise schützen: Mit einer eigenen „Dicken Bertha“ will die Bank von England ein Konjunkturprogramm von 80 Milliarden Pfund ankurbeln.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Nur einen Tag vor dem Wahlwochenende in Griechenland haben die Briten mit einem Notprogramm der Bank von England und des Schatzamts auf die Krisensituation in der Währungsunion reagiert. Um den Banken zusätzliche Liquidität zur Verfügung zu stellen, kündigte der Gouverneur der Bank von England, Mervyn King, am Donnerstag Abend auf einer Rede vor der Londoner City ein Refinanzierungsprogramm für die Banken an, das der „Dicken Bertha“ der Europäischen Zentralbank ähnelt. Zusätzlich vergibt die Bank von England in Absprache mit dem britischen Schatzamt mehrjährige Refinanzierungsmittel an die Banken, um die schleppende Kreditvergabe im Land anzukurbeln.

King betonte, dass nicht nur die Refinanzierungskosten der Banken gestiegen seien. „Wegen der Krise hängt auch diese große schwarze Wolke der Unsicherheit über uns und zwar nicht nur über der Währungsunion, sondern auch über unserer Wirtschaft, ja über der gesamten Weltwirtschaft.“ Mit Erleichterung reagierten am Freitag die Marktteilnehmer auf die Ankündigung der Bank von England, die britischen Banken von der kommenden Woche an monatlich mit zusätzlicher Liquidität mit einer Laufzeit von 6 Monaten auszustatten. Die Liquidität soll den Banken gegen Sicherheit zu einem Zins von mindestens 25 Basispunkten über Leitzins, also zu gut 0,75 Prozent, erteilt werden. Dies wäre deutlich billiger, als die Banken sich die Mittel am Interbankenmarkt zu derzeit etwa 1,3 Prozent (Libor) beschaffen können.

King warnte zudem, dass die hohen Refinanzierungskosten der Banken und die Verunsicherung der Bevölkerung und Unternehmer das Kreditgeschäft bremsten. Die Bank von England werde daher der Kreditwirtschaft für mehrere Jahre Geld ausleihen, damit diese die Mittel in Form von Darlehen an Haushalte und Unternehmen weiterreicht. Da die Bank von England für diese Geschäfte künftig eine größere Palette an Sicherheiten wie Kredite an die Realwirtschaft akzeptieren wird und sie höhere volkswirtschaftliche Risiken auf ihre Bilanz nimmt als bisher, mussten diese Maßnahmen mit dem Schatzamt abgesprochen werden. Die Mittelvergabe soll in einigen Wochen beginnen und ein Kreditvolumen von etwa 80 Milliarden Pfund ankurbeln.

Osborne steht wegen der Rezession in Großbritannien unter hohem Druck zu reagieren. Er hatte jüngst die Schuldenkrise in der Währungsunion dafür verantwortlich gemacht, dass sich Großbritanniens Konjunktur nicht erholt. Er hatte gar gesagt, im Zweifel müsse Griechenland den Euro verlassen.

Unternehmerverbände kritisch

King bereitete mit seiner Rede unterdessen die Finanzmärkte darauf vor, dass die Bank von England nochmals zum Instrument der quantitativen Lockerung (QE) greifen könnte. Zahlreiche Marktbeobachter in der Londoner City gingen am Freitag davon aus, dass das geldpolitische Komitee im September ein neues Programm von Anleihekäufen von etwa 50 Milliarden Pfund verkünden könnte.

Unternehmerverbände wie das Institute of Directors äußerten sich zu dem Versuch, die Kreditvergabe der Banken anzukurbeln, indessen kritisch. Selbst Analysen der Bank von England weisen nach, dass Unternehmer auf eine höhere Verschuldung verzichten, weil sie die Unwägbarkeiten der Euro-Krise und die Auswirkungen der Marktturbulenzen auf ihr Geschäft nicht einschätzen können. Erst am Freitag zeigte die von der Bank von England veröffentlichte Befragung der Finanzbranche, dass die Angst in der Wirtschaft vor einer schweren Erschütterung im Finanzsystem im ersten Halbjahr dieses Jahres so hoch war wie seit dem Sommer 2008 nicht mehr. „Unternehmer, die wegen der Eurokrise alarmiert sind, werden keine Kredite aufnehmen wollen - egal wie billig die Mittel sind“, betonte Graeme Leach, Chefvolkswirt beim britischen Unternehmerverband Institute of Directors.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen

Wirtschaftskorrespondentin in London.

Jüngste Beiträge

Irrweg der Mieterlobby

Von Joachim Jahn, Berlin

Die Politik verteuert Wohnen und Wohnungsbau. Mieterbund, Studentenwerk und ihnen nahestehende Parteien gehen genau den falschen Weg, wenn sie nun noch mehr Restriktionen fordern. Mehr 2 7

Umfrage

Gentests machen Aussagen über das Risiko künftiger Krankheiten. Wollen Sie Ihr Risiko kennen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Umfrage

Sollen Ein- und Zwei-Cent-Münzen abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --
Umfrage

Soll die Selbstanzeige für Steuerhinterzieher abgeschafft werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.