30.11.2009 · Den Statistikern sei Dank: Jetzt können wir uns richtig ausmalen, wie das Land in 50 Jahren ausschaut. Alt, topfit, aber nicht wirklich kreativ. Auf fürsorgliche Polen und Ukrainer werden wir vergebens gesetzt haben. Und bloß keine Spielplätze vor dem Fenster.
Von Melanie AmannMal überlegen, wer im Jahr 2060 noch an Bord sein wird. Vielleicht wohnt Franziska Drohsel dann in meiner Senioren-WG? Chefin der SPD-Jugend wird sie mit 80 Jahren wohl kaum noch sein. Aber vielleicht ist sie Bundesseniorenministerin a.D.?
Lukas Podolski dürfte bis zum Jahr 2060 auch durchhalten. Der feiert dann seinen 75. Geburtstag, und jeder weiß, wie robust diese Fußballer sind. Und wenn die Musikanten von Tokio Hotel nicht an ihrem exzessiven Party-Stil zugrunde gehen, dann werden die Sänger-Zwillinge Bill und Tom Kaulitz 2060 so alt sein wie Heino heute. Für Angela Merkel, Til Schweiger und Dieter Zetsche wird es eng.
Wer im Jahr 2060 mit mir in Windeln gewickelt wird - wir werden eine ganz schön starke Seniorentruppe sein. Jedenfalls zahlenmäßig. Wenn die Deutschen weitermachen wie bisher, dann ist in 50 Jahren jeder Dritte älter als 65. Und jeder Siebte ist über 80. Das haben die Forscher des Statistischen Bundesamtes ausgerechnet.
"Das ist keine Prognose!", warnen sie. Statistiker können nicht in die Zukunft sehen, sie können nur Modelle präsentieren, wie sich die Bevölkerung entwickelt, wenn alles bleibt, wie es ist: Wenn weiterhin jede Frau nur 1,4 Kinder bekommt, wenn die Sterberate weiter steigt, wenn neugeborene Jungen bald 85 Jahre alt werden und die Mädchen 89, wenn der Saldo der Auswanderer und Zuwanderer jedes Jahr nur 200.000 neue Einwohner ergibt - dann sieht Deutschland in 50 Jahren alt aus.
Jeder wird sich an mindestens 10 Arbeitgeber erinnern
Wenn ich also 2060 mit Franzi, Poldi und den Kaulitz-Zwillingen in unserem Mehrgenerationenhaus sitze, wird sich jeder an mindestens 10 Arbeitgeber erinnern. Wir werden bis 70 gearbeitet haben, in den verschiedensten Jobs. "Patchwork-Erwerbsbiographie" wird man meine Karriere nennen: Erst Journalistin, dann Verlegerin, NGO-Gründerin, Pressesprecherin, Lehrerin, Gastronomin, Diätberaterin, Integrationsdezernentin und zuletzt Generationenkonfliktmediatorin (in Altersteilzeit).
Die Bundesagentur für Arbeit wird es 2060 noch geben, aber Arbeitsvermittler werden "Change Manager" sein und damit beschäftigt, Arbeitnehmer weiterzubilden, umzuschulen und in einen Job zu bringen, der fachlich und gesundheitlich besser auf sie passt. "Ich habe ausgelernt", sagt 2060 keiner mehr. 60-Jährige wagen noch den beruflichen Neuanfang.
Die ganze Kraft der Arbeitsmarktpolitik richtet sich darauf, Reserven zu mobilisieren: Hausfrauen, An- und Ungelernte, Migranten, Halbkranke. Das Steuerrecht liefert die Anreize. Mütter können 800-Euro-Jobs annehmen, und Ehegattensplitting ist passé - das Steuerrecht belohnt Zeugungswillige, nicht Heiratswillige.
"In Deutschland muss niemand hungern, aber alle packen an", erklärt der 2009 noch ungeborene Bundesgenerationenminister. Und er sagt, dass ein zweiter und dritter Arbeitsmarkt kein Tabu sein darf. Ihm verdankt unsere Senioren-WG Mirko, das Mädchen für alles: Er geht mit uns spazieren, liest aus dem Kindle vor, aktualisiert unsere Facebook-Profile - für 1 Euro die Stunde.
Unsere Enkel gehen 2060 nach drei Jahren von der Universität ab. Doktortitel braucht nur, wer forschen will. Die anderen zahlen für eine solide, halbwissenschaftliche Grundausbildung und lernen den Rest bei ihren Arbeitgebern, die sie über die Uni-Vermittlungsagentur finden. Bis 2060 erfinden die Betriebe die Personalabteilung neu: Sie muss den Wissenstransfer in der sich ständig ändernden Belegschaft planen, Konflikte zwischen Jung und Alt lösen, Sprachkurse für ausländische Fachkräfte organisieren und die Arbeitszeit auf die körperliche Fitness jedes Mitarbeiters zuschneiden.
Ehe? Am „verflixten 25. Jahr“ werde ich scheitern
Verheiratet bin ich 2060 hoffentlich, aber es wird nicht mehr die erste Ehe sein. Am "verflixten 25. Jahr" werde ich scheitern, wie so viele. Kein Wunder: Das Einkommen von uns Frauen ist gestiegen, aber die Geduld mit den Gatten geschrumpft. Dafür passt sich das Recht an die serielle Monogamie an: Ehe auf Zeit ist erlaubt, Ex-Partner haben minimale Unterhaltsansprüche, und Gütertrennung ist die Regel. Jeder zahlt erst für die Kinder, dann für sich, dann vielleicht für die Partner.
Die Quittung bleibt nicht aus: Im Jahr 2060 habe ich ein ständiges Summen und Piepen im Ohr. Pflege durch Roboter - 2009 war es eine Horrorvision. Das Ideal war die liebende Fürsorge der Verwandten. Aber meine Mitbewohner und ich werden 2060 ganz froh sein, wenn wir mal nicht in die sauren Gesichter der Pfleger schauen müssen, sondern auf Knopfdruck klaglos in den Rollstuhl gewuchtet und gefüttert werden. Pfleger verdienen dann zwar zehnmal so viel wie früher, aber monetäre Anreize steigern die Motivation eben doch kaum. Das ahnten wir ja schon.
Auf fürsorgliche Polen und Ukrainer haben wir vergebens gesetzt. Die werden bis 2060 auch seltener geboren, und wenn doch, dann pflegen sie lieber ihre Landsleute oder die Briten, die uns die Preise verderben.
Richtig Fette gibt es nur noch in der Unterschicht
Die gute Nachricht: Wir sind 2060 älter, aber auch fitter. Richtig Fette gibt es nur noch in der Unterschicht. Wir aber haben gesünder gegessen, die staatlichen Pflicht-Rückenkurse besucht und viel Sonnencreme aufgetragen. Kein Wunder, dass der medizinische Fortschritt unbezahlbar wurde.
Schon 2030 flammt die Debatte auf, warum alles medizinisch Mögliche aus Zwangsbeiträgen aller bezahlt wird. Bald wurde die private Krankenversicherung abgeschafft, 2060 zahlen alle pauschale Beiträge in die Kassen ein. Die bieten aber nur eine Basisversorgung. Für Prothesen, Therapien, Massagen zahle ich drauf. Bedürftige erhalten steuerfinanzierte Zuschüsse - wenn die Kosten-Nutzen-Analyse stimmt. "Weil mein Körper es mir wert ist", werben Versicherer für ihre passgenauen Vorsorgepakete, die im Grunde nichts anderes sind als knallharte Rationierung von Gesundheitsleistungen über den Preis.
Dafür genießen wir 2060 individuelle Therapien: Pharmafirmen entwickeln keine Blockbuster, sondern Arznei-Baukästen, mit denen Ärzte und Apotheker hantieren. Bis 2060 verhindern meine teuren Anti-Demenz-Tropfen, dass ich wie meine Oma an Alzheimer erkranke. Leider verweigert die Kasse Rentnern wie mir die neue Hüfte - so wie Philipp Mißfelder, Chef der Jungen Union, es vor Jahren forderte. Ihn treffe ich 50 Jahre später im Seniorenyoga, dann lachen wir darüber, wie er einst vor wütenden CDU-Rentnern kuschte.
Wir wollen keine Spielplätze vor unseren Fenstern
Ja, wir Rentner der Zukunft sind genügsam. Riester war unser Warnsignal, wir haben kräftig fürs Alter gespart. Die gesetzliche Rente gibt es 2060 noch, aber sie sieht nach heftigen Verteilungsdebatten ziemlich gerupft aus. Da hat es sich doch gelohnt, privat zu sparen.
Was allerdings zu erwarten war: Die Fronten zwischen Alt und Jung sind verhärtet. Wir strapazieren den Generationenvertrag ja auch ganz ordentlich. Die Lösung heißt: soziale Trennung. Denn Poldi und ich, wir wollen keine Spielplätze vor unseren Fenstern. Und wenn die Jungen Fahrradwege haben, bitte, dann wollen wir Rollstuhlwege, und extrabreite Parkplätze für die Ausflugsbusse von Caritas und Arbeiterwohlfahrt. Um den Kampf von Rollator gegen Kinderwagen zu entschärfen, müssen die Gemeinden generationengerechte, konfliktarme Stadtplanung lernen. Aber dafür schicken wir die jungen Leute ja auf die Universität.
Bis 2060 haben wir Rentner durchgesetzt, dass Gastwirte Speisekarten in Großbuchstaben schreiben und Vermieter oder Ladenbesitzer Rampen vor ihre Türen bauen müssen. Im Supermarkt werden höfliche junge Leute - sie leisten dort zwei soziale Pflichtjahre ab - unsere Einkaufswagen schieben, die Tüten packen und uns im Shuttlebus nach Hause fahren. Aber vorher prüfen wir den groß bedruckten Kassenzettel auf Rechenfehler. Und glaubt mir, uns entgeht nichts.
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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