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Deutschland in der Wirtschaftskrise Die Leiden des Exportweltmeisters

26.06.2009 ·  Die meisten Deutschen sammeln in diesen Monaten erstmals Erfahrungen mit einer schweren Rezession. Sie bleiben erstaunlich gelassen. Mancher stellt sich die Frage, was denn so schlimm daran wäre, fiele Deutschland auf das Wohlstandsniveau des Jahres 2006 zurück. Hat man da nicht ganz gut gelebt?

Von Heike Göbel
Artikel Lesermeinungen (9)

Die meisten Deutschen sammeln in diesen Monaten erstmals Erfahrungen mit einer schweren Rezession. Um sechs Prozent wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr voraussichtlich schrumpfen – sechsmal stärker als 1975, als die erste Ölkrise mit einem Minus von 0,9 Prozent den bisher tiefsten Wirtschaftseinbruch in der Geschichte der Bundesrepublik nach sich zog. Der Exportweltmeister spürt nun, was es bedeutet, wenn die Nachfrage auf allen Absatzmärkten gleichzeitig fehlt.

Die Prognose über den unerwartet scharfen Abschwung, die sich seit Februar durch Daten erhärtet, hat die Bundesregierung in hektische Aktivität getrieben. Erstaunlich gelassen hingegen zeigt sich die Bevölkerung, jedenfalls wenn man die (auf niedrigem Niveau) ungebrochene Konsumfreude als Indikator nimmt. Dank der im Aufschwung erzielten Lohnerhöhungen, einer geringen Inflation und niedriger Energiepreise stehen viele Arbeitnehmer finanziell noch ganz gut da. Aus der stabilen Binnennachfrage spricht Vertrauen in die Konjunkturhilfen des Staates, vielleicht aber auch die Schwierigkeit, zu ermessen, was ein Wirtschaftsminus von sechs Prozent eigentlich heißt.

Zum guten Ton der Talk-Eliten gehört ja schon seit dem Debakel des Finanzsystems im Herbst der Zweifel am Sinn des kapitalistischen Wachstumsmodells. Nun stellt mancher die mokante Frage, was denn so schlimm daran wäre, fiele Deutschland auf das Wohlstandsniveau des Jahres 2006 zurück. Hat man da nicht ganz gut gelebt?

Nur das Tempo des Abschwungs verlangsamt sich

Erste Auskunft über die Schäden, die eine schwere Rezession anrichtet, gibt die gerade vom Kabinett beschlossene Haushaltsvorlage für das kommende Jahr. Die Verwerfungen, die ein derart starker Schrumpfungsprozess mit sich bringt, sind hier beziffert – und vermutlich eher unterzeichnet, weil vor einer Wahl selten die ganze Wahrheit auf den Tisch kommt. Der Bundesfinanzminister kalkuliert mit einem konjunkturbedingten Steuerausfall von 40 Milliarden Euro und einem krisenbedingten Ausgabenschub in ähnlicher Größenordnung. Zusammen treibt das die jährliche Neuverschuldung Richtung 100 Milliarden Euro, eine Höhe, die selbst durch die Kosten der Wiedervereinigung nicht erreicht worden ist.

In den Schulden schlägt sich das Bemühen der Bundesregierung nieder, die Bürger vor dem Schlimmsten zu bewahren: dem Verlust des Arbeitsplatzes. Denn die mit der Schrumpfung verbundenen Einbußen an Wohlstand verteilen sich nicht gleichmäßig auf alle Köpfe; mancher verliert alles, ein anderer nichts. Und meistens gehören die lautesten Wachstumsskeptiker zur Gruppe derer, die am wenigsten zu befürchten haben. Der Schirm, den die Koalition mit ihren Programmen über die Unternehmen gespannt hat, erhält allein durch die subventionierte Kurzarbeit rund eine Million Arbeitsplätze. Ein Blick in den Bundesetat zeigt, dass diese Politik nicht lange bezahlbar ist.

Die wichtigste Frage lautet daher: Wann wächst die deutsche Wirtschaft wieder? Die jüngeren Konjunkturdaten und Indikatoren enthalten einige Hoffnungsschimmer, geben aber insgesamt wenig Anlass zu dem Optimismus, der an den Börsen schon wieder gehandelt wird. Nur das Tempo des Abschwungs, der besonders die Exportindustrie getroffen hat, verlangsamt sich. Es geht weiter bergab, aber nicht mehr so schnell wie im Winterhalbjahr. Die Talsohle scheint zumindest in Sichtweite. Doch sind die Ökonomen gebrannte Kinder.

Deutschlands wirtschaftliche Zukunft hängt am Ausland

Nicht nur die Bundesbank bleibt vorsichtig und verweist auf die hohe Unsicherheit des Ausblicks. In ihrem Konjunkturbericht stellte sie diese Woche zwar eine Bodenbildung für den Sommer in Aussicht. Mit einer „echten Wende zum Besseren“ rechnet sie aber erst im kommenden Jahr. Das klingt freundlicher, als es ist, gemeint ist mehr oder weniger die Stagnation der Wirtschaft. Denn 2010 könnten zwei Tendenzen gegeneinander wirken: Der deutsche Außenhandel dürfte sich zwar leicht erholen, doch könnte der erwartete kräftige Anstieg der Arbeitslosigkeit dann die heimische Konsumnachfrage dämpfen.

Allen Unkenrufen zum Trotz, das deutsche „Geschäftsmodell“ setze zu sehr auf den Export, hängt Deutschlands wirtschaftliche Zukunft am Ausland. Auf dem relativ kleinen Heimatmarkt mit seiner alternden und schrumpfenden Bevölkerung sind die Absatzmöglichkeiten der auf vielen Feldern hochspezialisierten, effizient produzierenden deutschen Unternehmen zu gering. Sie werden erst wieder investieren – und Arbeitsplätze schaffen –, wenn die Auslandskunden zurückkehren. Nur mit Hilfe offener Märkte lassen sich die Gewinne erwirtschaften, an denen die Finanzierung des umfangreichen deutschen Sozialstaates hängt.

Eine stärkere Verlagerung der Wirtschaftskraft auf den Binnenmarkt kann man sich wünschen. Doch haben diejenigen, die das empfehlen, keine tragfähigen Vorschläge, um dieses Ziel zu erreichen. Statt zu viel Energie in diese Debatte zu stecken, sollte man den Tatsachen ins Auge sehen und überlegen, wie Deutschland seine Exportstärke im härter werdenden Wettbewerb aufrechterhalten kann. Das wird schwer genug.

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Jahrgang 1959, verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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