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Deutsches Debakel Der Traum vom Exportschlager ist geplatzt

17.02.2004 ·  Die materiellen Schäden für die Maut-Unternehmen könnten in die Milliarden Euro gehen.

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"Hier zeigt sich, daß es ein Fehler ist, wenn man eine deutsche Lösung favorisiert. Wichtiger wäre es, auf die Qualität zu achten, als sich innerhalb der Deutschland AG Aufträge zuzuschustern." Mit seiner Meinung über die Pleite des deutschen Mautsystems steht Henrik Lier, Analyst bei der WestLB, nicht allein da. Von "Riesenblamage" reden andere. Und von den Imageschäden, unter denen die Firmen des Mautkonsortiums und auch die Lieferanten zu leiden hätten.

Die Schätzungen über den materiellen Schaden gehen weit auseinander, manche Analysten sprechen von Milliardenschäden für die Konsortialpartner. Bei Daimler-Chrysler und der Telekom war zu diesem Thema keine Stellungnahme zu erhalten. "Wir prüfen die Situation, und sobald wir zu einem Ergebnis kommen, werden wir Stellung nehmen. Soweit dies schon möglich ist, wird das am Donnerstag in der Bilanzpressekonferenz geschehen", sagte ein Sprecher von Daimler-Chrysler.

"Strategie des Aussitzens"

"Das gehört zur Strategie des Aussitzens", kommentiert ein Beobachter die Sprachlosigkeit der beiden Unternehmen. Schon bisher hatten es Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke und vor allem Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp sorgsam vermieden, öffentlich zu dem heiklen Thema Stellung zu nehmen. Sonderabschreibungen in dreistelliger Millionenhöhe dürften auf die beiden Großaktionäre von Toll Collect zu kommen, wird erwartet. Zudem wird damit gerechnet, daß es über die Frage des Schadensersatzes zu einem Gerichtsverfahren kommt. "Von meinem Rechtsempfinden her denke ich, daß man die Konzerne zu Schadensersatzzahlungen heranziehen muß", meint Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler: "Schließlich wurden die Planungen dermaßen weit verfehlt."

Auch bei den Zulieferern mag teilweise der Wunsch herrschen, daß möglichst bald gar nicht mehr über das Thema Maut geredet wird. Gerade bei der Software herrschte "ziemliches Chaos", wie es bei einem Lieferanten heißt: T-Systems, das Systemhaus der Telekom, hatte offenbar bei Oracle, SAP, IBM und vielen anderen Software gekauft und wollte die unterschiedlichen Systeme selbst zusammenführen - bekanntlich mit mäßigem Erfolg.

Für die Blamage nicht verantwortlich?

Andere Unternehmen weisen darauf hin, daß sie ordnungsgemäß geliefert hätten und insofern für die Blamage nicht verantwortlich seien. So heißt es bei Siemens: "Wir haben rechtzeitig die bestellte Stückzahl funktionierender Geräte geliefert." Die Autosparte des Konzerns, Siemens VDO, hat im vergangenen Jahr 130.000 On-Board-Units geliefert, jene autoradiogroßen Geräte, die in die Lastwagen eingebaut wurden. Auch von Grundig wurden solche Geräte hergestellt, 300 000 Stück bisher. Bis zum Jahr 2005 sollten 400.000 Einheiten geliefert werden. "Wir müssen nun abwarten, wie das Konsortium reagiert", sagte der Sprecher des amerikanischen Autozulieferers Delphi, zu dem die Autoradio-Sparte des insolventen Grundig-Konzerns mittlerweile gehört.

An den On-Board-Units hatte sich im Herbst deutlich gezeigt, daß nicht die Einzelteile, sondern vor allem das fehlende Zusammenwirken der Geräte zu Fehlfunktionen führt: Daimler-Chrysler hatte die Geräte, mit denen die Kilometer gezählt, die Gebühren ausgerechnet und diese Informationen an ein Rechenzentrum der Telekom gesendet werden sollte, in den frühen neunziger Jahren entwickelt und dazu mit Grundig zusammen gearbeitet. Erst später, als aus politischen Gründen das konkurrierende Konsortium Ages mit seinen Systemen und Lieferanten ins Boot geholt werden mußte, kam Siemens VDO dazu. Die Software mußte angepaßt werden - was dann bei den Grundig-Geräten zu Ausfällen führte. Mehr noch: Die Geräte brachten die Bordelektronik der Lastwagen zum Erliegen.

Bei OMP Computer GmbH, dem Hersteller der Software für die On-Board-Units, gibt man sich indes immer noch gelassen: "Wir arbeiten ganz normal weiter und werden die Verträge mit Toll Collect erfüllen. Es gibt bisher kein Signal, daß uns gekündigt würde", sagte OMP-Geschäftsführer Arjen R. Klei dieser Zeitung. "Noch ist die Tür nicht ganz zu. Nach dem, was man liest, ist die Einigung an Haftungsfragen gescheitert und nicht an der Technik."

Spott und Schadenfreude

Spott und teilweise auch Schadenfreude sind um so größer, als bis vor wenigen Monaten Vertreter der deutschen Industrie noch großen Optimismus zeigten. Im August, als bereits erhebliche Zweifel am termingerechten Start des satellitengestützten Mautsystems zum Monatsende laut geworden waren, äußerte sich Klaus Mangold, das zuständige Vorstandsmitglied von Daimler-Chrysler, im Gespräch mit dieser Zeitung: "Es wäre schade, wenn so ein tolles Technologiethema so zerredet wird", sagte er. "Dann ist es als Exportschlager nicht mehr einsetzbar."

Knapp zwei Monate später berichtete ein Sprecher von Daimler-Chrysler Services triumphierend, das Unternehmen sei bereits an Ausschreibungen in zahlreichen Ländern beteiligt. "Japan, Taiwan und einige osteuropäische Länder, aber auch Großbritannien und die Niederlande interessieren sich für Toll Collect. Dort werden die augenblicklichen Probleme nicht überbewertet." Noch Anfang Oktober räumte auch Siemens-Vorstand Edward Krubasik dem Maut-System "große Zukunftschancen" ein: "Die in Deutschland für das Mautsystem eingesetzte GSM/GPS-Technologie ist eine sinnvolle und voraussichtlich die beste, die in den kommenden Jahren in Europa zur Verfügung stehen wird", sagte Krubasik, der auch Vizepräsident des Zentralverbandes der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) ist. Das System eigne sich bestens für die bis 2008 in den EU-Ländern einzuführende standardisierte Mauterfassung, weil es auch noch zahlreiche Verkehrstelematik-Dienste erlaube wie Stauregulierung, Flottenmanagement oder Navigation, so der Siemens-Manager. Die deutschen Konzerne erhofften sich daher aus diesem Bereich millionenschwere Einnahmen. Allein aus den deutschen Mauteinnahmen sollten jährlich 500 Millionen Euro bei den Betreibern der Systeme verbleiben, so die ursprüngliche Erwartung.

Quelle: sup./him./mir./jcw., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2004, Nr. 41 / Seite 12
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