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Deutsche Volkswirtschaft Nichts gegen unseren Gemüsetürken

19.10.2009 ·  Zu nichts nutze als zum Gemüsehandel? Thilo Sarrazin hat ein paar grundlegende Dinge nicht kapiert. Der türkische Gemüsehändler füllt die Lücke, die Tante Emma hinterließ.

Von Melanie Amann
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Wenn Gül Aras und ihr Mann aufstehen, um ihre produktive Funktion zu erfüllen, dann ist es noch sehr früh. Oder es ist schon sehr spät. Das hängt davon ab, ob man die dritte Stunde nach Mitternacht eher zu den Morgenstunden zählt oder eher zu den Nachtstunden.

In dieser Stunde jedenfalls, an jedem Tag der Woche bis auf den Sonntag, steht einer der Eheleute Aras auf. Während der andere noch drei Stunden weiterschlafen darf, fährt der Einkäufer ins "Frischezentrum", die Großmarkthalle in Kalbach. Dort kauft er ein: gelbe Paprika aus Anatolien, Auberginen aus Spanien, rote Linsen und dicke weiße Bohnen in Tomatensoße. Ab 9 Uhr stehen die ersten Kunden im Laden in der Leipziger Straße 77 in Frankfurt, und Gül Aras begrüßt viele mit Namen. Die meisten sind in den letzten 14 Jahren Stammkunden geworden. Sie sind äußerst wählerisch, kennen sich ziemlich gut aus im Sortiment. Und sind fast nur Deutsche.

Frau Aras berät und verkauft, den ganzen Tag, im Stehen, bis 20 Uhr. Dann wird anderthalb Stunden geräumt und geputzt, und dann schließt sie den Laden ab und geht nach Hause.

Andere Aufgaben hat Gül Aras nicht, sieht man einmal von der Erziehung ihrer zwei Söhne ab. Das findet Thilo Sarrazin ein bisschen bedauerlich: "Eine große Zahl an Arabern und Türken hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel." Es ist nur ein kurzer Satz, geschrieben in einer Zeitschrift, die weder Frau Aras noch die meisten ihrer Kunden lesen. Die Worte waren sicher nicht böse gemeint von Herrn Sarrazin. Sie sollten wohl anerkennend klingen: ein Dispens für eine kleine, lobenswerte Teilpopulation einer ansonsten für die Volkswirtschaft verlorenen Gruppe.

Der Unterton: Warum nur primitive Agrarprodukte?

Und doch schwingt in Sarrazins Worten eine Frage mit, eine Unzufriedenheit, fast schon ein Vorwurf: Warum nur Gemüse, nur Obst, nur primitive Agrarprodukte, allenfalls noch Lamm oder Hammel? Warum kann der Gemüsetürke nicht umsatteln, etwas mit Zukunft machen? Was mit Computern vielleicht, mit Internet, mit Handys wenigstens und eines Tages Consulting oder gar Architektur? Schließlich ist der Türke doch schon lange im Land. Und die anderen Migranten sind auch längst weiter auf der Leiter des Assimilation.

So etwas finden die türkischen Banker eine ziemliche Beleidigung. Die türkischen Ärzte, Ingenieure und Manager finden das auch. Dabei sollten vor allem die Deutschen beleidigt sein. Denn Sarrazin macht sich von oben herab lustig über eine Institution, die aus dem deutschen Einkaufsalltag nicht wegzudenken ist.

Mögen die Deutschen das "Kopftuchmädchen" auch ablehnen, einkaufen tun sie liebend gerne bei ihm und seinen Eltern. Oft genug ist der "Gemüsetürke" - gern liebevoll "mein Gemüsetürke" genannt - der einzige Einzelhändler, den sie namentlich kennen. Man öffnet sich ihm mit der Zeit, tauscht sich erst über das Wetter aus, über Rezepte, über die Kinder, über das Leben im Allgemeinen.

Deutsche Courage an der türkischen Feinkosttheke

An der Feinkosttheke ihres Gemüseladens beweisen die Deutschen Courage. Hier kostet manche Hausfrau zum ersten Mal das Aroma einer schwarzen Olive. Hier legt die Omi ihr Portemonnaie auf die Theke: "Bitte nehmen Sie das Geld einfach raus, Frau Aras." Hier wird der Preis noch abgerundet. Hier kauft der Yuppie komische unbekannte Gewürze, lässt sich in gebrochenem Deutsch Rezepte erklären, legt den Erfolg seines Kochabends in die Hände seines ausländischen Verkäufers.

Eine türkische Wärmestube tut sich hier auf für alle Kunden, die Tante Emma vermissen. Sie vertrauen Onkel Mehmet. Ganz marktwirtschaftlich richten sich die Türken nach den deutschen Wünschen. Sie nehmen singlegerechte Minipackungen ins Sortiment und setzen auf Bio, auch wenn nicht alle einsehen, warum es nicht mehr reichen soll, dass die Ware einfach nur frisch ist.

Vom Erfolg zeugen die Zahlen. 3 Milliarden Euro haben die 35 000 türkischen Lebensmittelhändler in ihre Läden investiert, 13 Milliarden Euro setzten sie im Jahr um. Sie haben 140 000 Jobs geschaffen und 3,5 Prozent des deutschen Lebensmittelhandels erobert - "eine sehr beachtliche Zahl", sagt Hubertus Pellengahr, Chef des Einzelhandelsverbands HDE. "Türken konkurrieren mit Größen wie Rewe."

Pellengahrs Verband kennt nur einen einzigen Unterverband, der seine Mitglieder nach Ethnie aussucht: den Bundesfachverband des Türkischen Groß- und Einzelhandels. Denn die Deutschen lassen sich zwar liebend gern von Türken beraten, aber die wiederum lassen sich ungern von deutschen Lobbyisten vertreten. Die eigenen Leute wissen besser, was man braucht.

Das weiß Mustafa Baklan, der vor 16 Jahren mit vier Brüdern "Baktat" gegründet hat und sein Geschäft in Mannheim zu einem der größten türkischen Lebensmittelimporteure ausgebaut hat. 80 Millionen Euro setzt Baklan jedes Jahr um, weltweit beschäftigt Baktat 1300 Mitarbeiter und hat 1200 Produkte im Sortiment, vom Olivenöl bis zum Bio-Weinblatt. In Baklans Büro steht ein Foto, das ihn mit Gerhard Schröder zeigt. "Die Türken haben ohne staatliche Hilfe gegründet und jahrelang keine Beratung bekommen", sagt der Unternehmer. "Sie haben für 20 Mark ihren Gewerbeschein gekauft, aber wussten nichts über Hygiene, Einkauf, Steuern." Jeder Fehler wurde teuer bezahlt, sofort machten die Aufsichtsämter die Läden dicht.

„Der Markt für kleine Lebensmittelhändler ist übersättigt“

So groß wie Baktat werden die allerwenigsten Gemüsetürken. Doch so klein sie auch bleiben, mancherorts treten sie sich schon auf die Füße. "Der Markt für kleine Lebensmittelhändler ist übersättigt", sagt Derya Altay, Chefin des türkischen Einzelhandelsverbands.

Die Händler wurschteln trotzdem weiter, im wahrsten Sinne des Wortes um jeden Preis. "Sie akzeptieren Verluste, sie beuten sich selbst aus, liefern sich einen ruinösen Wettbewerb", klagt Altay. Von der anderen Seite drängen die Discounter, die auch türkische Produkte ordern. Wohin also ausweichen?

Zurück geht es für die wenigsten. Die meisten Gemüseläden wurden von der ersten Generation der Türken gegründet, in den achtziger Jahren, als der industrielle Strukturwandel sie aus den Fabriken trieb. Sie standen vor der Wahl: arbeitslos oder selbständig? Es wurde das Geburtsjahrzehnt der Gemüsetürken, die anfingen als Nischenanbieter für die eigenen Leute. Mitte der siebziger Jahre zählten die Statistiker noch 100 türkischstämmige Unternehmer, heute sind es fast 80 000, und 42 Prozent landen im Lebensmittelgeschäft.

"Die Gewinner der Migration", nennt die Soziologin Necla Kelek diese Kleinunternehmer. Sie haben sich etwas aufgebaut, anstatt in der Sozialhilfe hängenzubleiben. Als "ethnische Ressource" bezeichnen Soziologen den Unternehmergeist der Türken. Aber diese machen nicht allzu viel aus ihrem Rohstoff, auch die Jungen nicht. 60 Prozent der Türken gehen ohne Abschluss von der Schule, zählt Necla Kelek auf, 5 Prozent schaffen es aufs Gymnasium. Der Gemüseladen - ein Segen für die Deutschen, mit dramatischen Folgen für die Türken.

Kelek hat eine Vermutung, warum die Kinder türkischer Gemüsehändler immer noch Paprika abwiegen, während die Kinder italienischer Pizzabäcker schon eine Lehre machen oder gar studieren. "Die wenigsten türkischen Familien wirtschaften auf einen individuellen Erfolg hin. Geld wird nicht verdient, um es gezielt in ein Kind zu investieren. Es wird vom Familienoberhaupt verwaltet - als Freud- und Leidkasse", analysiert Kelek.

Dass ein Kind seinen Teil fordert, um sein Leben in die Hand zu nehmen, sei nicht nur unüblich, sagt Kelek "es ist für die meisten Familien ein Affront". So wird also nicht expandiert, und so bleiben auch viele Mitglieder der zweiten Generation dem Gemüse treu. Die Gewinner aber, die bleiben dieselben: die deutschen Kunden.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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