09.09.2006 · Amerika ist weit weg und nicht nur das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch einige junge deutsche Ökonominnen nutzten ihre Chance. Sie haben an Eliteuniversitäten jenseits des Atlantiks steile Karrieren gemacht.
Von Claus TiggesAmerika war für mich ganz weit weg. Es war wirklich nicht das Land meiner Träume, und ich habe Deutschland nur schweren Herzens verlassen“, sagt Ulrike Malmendier. Acht Jahre später hat sich das grundlegend geändert: Malmendier zählt zu einer Handvoll junger deutscher Ökonominnen, die in den Vereinigten Staaten promoviert und eine steile akademische Karriere begonnen haben. Nach vier Jahren als Wissenschaftlerin an der Eliteuniversität Stanford im kalifornischen Palo Alto hat Malmendier kürzlich einen Ruf als Professorin an die Universität Berkeley auf der anderen Seite der Bucht von San Francisco angenommen, ebenfalls eine der führenden Universitäten Amerikas.
Den Anstoß zum Promotionsstudium in den Vereinigten Staaten habe sie in Bonn bekommen, wo sie bis Mitte der neunziger Jahre Volkswirtschaftslehre (VWL) und Jura studierte, erzählt Malmendier. „Es war ein großer Glücksfall, daß ich zunächst nach Bonn gekommen bin. Dort habe ich schnell gespürt, daß die Ökonomie mich sehr interessiert“, erzählt die in Aachen aufgewachsene Wissenschaftlerin. Die Bonner volkswirtschaftliche Fakultät gehört zu den führenden in Deutschland. Der Rat, den sie am Rhein erhalten habe, sei eindeutig gewesen: „Wenn du in der ökonomischen Forschung vorne mitschwimmen willst, mußt du nach Amerika gehen.“ Darum sei in ihr der Entschluß gereift, nach dem VWL-Diplom und einer juristischen Dissertation über den Vorläufer von Aktiengesellschaften im alten Rom eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen und die Grundlagen dafür in Amerika zu schaffen.
„Die Musik spielt in Amerika“
Sie bewarb sich für ein Promotionsstudium an mehreren Universitäten und entschied sich schließlich für die älteste und renommierteste Universität der Vereinigten Staaten, die Harvard-Universität unweit von Boston. Der Doktorgrad (Ph.D. in Business Economics) wurde ihr im Jahr 2002 verliehen, ihre erste Stelle führte sie von der amerikanischen Ost- an die Westküste. „Ich vermisse zwar manchmal die europäische Kultur, aber die beruflichen Möglichkeiten hier sind einfach einmalig“, schwärmt die 32 Jahre alte Ökonomin.
Auch Monika Piazzesi ist begeistert: „Die Möglichkeiten zu forschen sind nirgendwo so groß wie hier in den Vereinigten Staaten.“ Piazzesi lehrt und forscht an der Universität Chicago im Bundesstaat Illinois, ebenfalls eine der führenden akademischen Einrichtungen des Landes, die regelmäßig Nobelpreisträger hervorbringt und die mit Namen wie Milton Friedman, Robert Lucas und Gary Becker verbunden wird. Piazzesi stammt aus Baden-Baden, und sie hat wie Malmendier zunächst VWL in Bonn studiert. „Obwohl mein Lehrer in der Schule gesagt hat, ich sei dafür nicht geeignet. Das hat aber nur meinen Ehrgeiz entfacht“, berichtet Piazzesi, die nach dem Vordiplom in Heidelberg nach Bonn wechselte, „wegen des guten Rufs“ der Fakultät, wie sie sagt. Dort erhielt sie denselben Rat wie Malmendier: „Die Musik in der ökonomischen Forschung spielt in Amerika.“
Die Türen der Büros stehen immer offen
Als sie sich nach dem Diplom 1994 dann bei einigen Universitäten beworben habe, sei sie sich noch gar nicht sicher gewesen, ob die Promotion nicht der Abschluß sein würde. „Die Entscheidung zu einer Uni-Karriere ist erst während der Zeit als Doktorandin in Stanford gereift“, erklärt Piazzesi. Drei Jahre brachte die nun Siebenunddreißigjährige nach dem Abschluß des rigorosen Promotionsstudiums im Jahr 2000 an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) zu, ehe sie 2003 nach Chicago kam, wo sie seither an der Graduate School of Business arbeitet und kürzlich „tenure“ erhalten hat, die Anstellung auf Lebenszeit.
Unweit von Bonn, in Köln, begann die Karriere von Nicola Fuchs-Schündeln. Die Dreiunddreißigjährige studierte dort zunächst Regionalwissenschaften Lateinamerika, bis ein Aufenthalt in Argentinien Mitte der neunziger Jahre und die mexikanische Währungskrise während jener Zeit ihr Interesse auf die Wirtschaftswissenschaften lenkten. „Ich habe vor Ort gesehen, daß die größten Probleme in diesen Ländern wirtschaftlicher Natur sind. Darum wollte ich mehr davon verstehen“, erzählt Fuchs-Schündeln.
„Die Türen unserer Büros stehen immer offen“
So kam zum Abschluß in Lateinamerikanistik noch das VWL-Diplom hinzu. Die notwendigen Techniken zur eigenen Forschung auf höchstem Niveau eignete sie sich dann während der ersten beiden Jahre des Promotionsstudiums an der Universität Yale in New Haven an. 2004 wurde sie von der Ivy-League-Universität im Bundesstaat Connecticut mit dem Doktorgrad ausgezeichnet. Noch in demselben Jahr trat Fuchs-Schündeln, die vor einigen Wochen ihr zweites Kind zur Welt gebracht hat, ihre Stelle als Professorin an der volkswirtschaftlichen Fakultät der Harvard-Universität an.
Über die großen Vorzüge der amerikanischen Eliteuniversitäten besteht unter den jungen Wissenschaftlerinnen Einvernehmen: Bereits von ihrem ersten Job als „Assistant Professor“ an sind sie völlig frei in der Auswahl ihrer Forschungsthemen, haben einen großzügigen Etat und nehmen im täglichen Kontakt mit anderen jungen, aber auch mit erfahrenen Kollegen wichtige Anregungen für ihre eigene Arbeit auf. „Wir treffen uns regelmäßig zum Mittagessen, die Türen unserer Büros stehen immer offen“, berichtet Fuchs-Schündeln. Die Idee zu einer Zusammenarbeit mit ihrem Kollegen Alberto Alesina, dem früheren Chairman der volkswirtschaftlichen Fakultät, sei beispielsweise während eines solchen Mittagessens geboren worden.
„Ich kann viel von ihnen lernen“
Niemand mache ihr Vorschriften, wie sie das Geld aus ihrem Forschungsetat zu verwenden habe. Sie könne sich einen neuen Computer kaufen, zu wissenschaftlichen Konferenzen reisen und studentische Hilfskräfte bezahlen. „Die Studenten hier sind einfach Weltklasse“, sagt auch Malmendier über ihre Zeit in Stanford und nun in Berkeley. Regelmäßig greift die Ökonomin zur Unterstützung ihrer Forschung auf Doktoranden zurück, die ihr unter anderem bei Beschaffung der für ihre empirischen Untersuchungen wichtigen Daten helfen.
Einen beträchtlichen Teil ihrer Forschungsmittel gibt auch Piazzesi für den Kauf von Daten aus. „Die Universität Chicago hat zwar schon Zugriff auf viele Datensätze. Aber es gibt einige Daten, die speziell für meine Arbeit besonders wichtig sind. Die muß ich mir dann mit Hilfe meines Etats beschaffen“, sagt Piazzesi. Wie Malmendier und Fuchs-Schündeln lobt Piazzesi die Qualität ihrer Studenten. „Ich kann viel von ihnen lernen, vor allem von den Studenten, die hier an der Business School ihren Master (MBA) machen.“ Viele von ihnen arbeiteten an den Finanzmärkten, unter anderem an der Warenbörse in Chicago, aber auch an der Wall Street in New York. „Ihre praktischen Erfahrungen an den Märkten ergänzen sich ausgezeichnet mit meinen theoretischen Modellen“, sagt die Ökonomin.
„Manche fliegen regelmäßig fürs Wochenende ein“
Die Universität habe sich auf die Bedürfnisse der arbeitenden MBA-Studenten eingestellt, indem sie Abend- und Wochenendkurse anbiete. „Sie nehmen viel auf sich. Sie zahlen fast 80.000 Dollar für die zweijährige Ausbildung und opfern ihre gesamte Freizeit. Manche fliegen hier regelmäßig fürs Wochenende ein, um die Kurse zu machen“, erzählt Piazzesi. Großes Lob erhalten die Universitäten von den drei Wissenschaftlerinnen aber nicht zuletzt dafür, daß ihnen viel Zeit für die Forschung bleibt. Die Lehrverpflichtungen halten sich in engen Grenzen. Piazzesi beispielsweise unterrichtet im Jahr nur drei Kurse über zehn Wochen mit jeweils drei Wochenstunden.
Die großzügige Mittelausstattung und die vielen Freiheiten haben freilich einen Preis: Der Leistungsdruck für die jungen Wissenschaftler ist gerade in den ersten Jahren enorm groß. „Es wird schon erwartet, daß wir unsere Arbeiten in den führenden Fachzeitschriften veröffentlichen“, sagt Malmendier.
Völlig unterschiedliche Forschungsprojekte
Gewöhnlich durchläuft man nach vier bis fünf Jahren als „Assistant Professor“ eine Bewertung. Wenn diese erfolgreich war, erfolgt nach weiteren zwei bis fünf Jahren der entscheidende Schritt: Die Fakultätsmitglieder und die Universität entscheiden aufgrund der Forschungsleistungen über die Berufung zum Professor auf Lebenszeit. „Die erfahrenen Kollegen stehen uns aber jederzeit mit ihrem Rat zur Verfügung, wenn es um die Veröffentlichung eines Aufsatzes geht“, sagt Fuchs-Schündeln.
So ähnlich ihre Karrieren bisher verlaufen sind, so unterschiedlich sind die Forschungsschwerpunkte der drei Ökonominnen: Fuchs-Schündeln konzentriert sich auf die Makroökonomie, die gesamtwirtschaftliche Phänomene beschreibt und analysiert. „Ich benutze in meiner Forschung Daten zu Deutschland. Mich interessieren besonders die Einkommensentwicklung und das Konsumverhalten der Menschen“, sagt Fuchs-Schündeln, deren Ehemann Matthias Schündeln zusammen mit ihr in Yale promoviert hat und nun ebenfalls Professor in Harvard ist. Deutschland eigne sich für diese Zwecke besonders gut, weil die Wiedervereinigung vor bald 16 Jahren aus wissenschaftlicher Sicht ein „natürliches Experiment“ sei und einen „ökonomischen Schock“ für die ostdeutschen Haushalte darstelle.
Forschung zu Sparverhalten in Ost und West
Mit Hilfe von Daten aus dem sozioökonomischen Panel ist Fuchs-Schündeln unter anderem dem Sparverhalten in Ost und West auf den Grund gegangen und hat verschiedene Konsumtheorien auf ihre praktische Relevanz geprüft. „Die Lebenszyklushypothese sagt unter Berücksichtigung des Lebenseinkommens und des Einkommensrisikos ein bestimmtes Konsum- und Sparverhalten voraus“, erläutert die Ökonomin. Für die Bevölkerung in Ostdeutschland habe sich das wirtschaftliche Umfeld durch die Wiedervereinigung grundlegend gewandelt. „Sowohl das über das Erwerbsleben erwartete Einkommen als auch die Risiken haben sich verändert, beispielsweise mit Blick auf eine mögliche Arbeitslosigkeit.“
Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung besaßen ostdeutsche Haushalte deutlich geringere finanzielle Mittel als westdeutsche. „Die Daten stützen die Theorie von der vorsorglichen Ersparnis sehr gut. Ostdeutsche hatten in Anbetracht der neuen Risiken und ihres vergleichsweise geringeren Vermögens kurz nach der Wiedervereinigung eine höhere Sparquote als die Westdeutschen“, erklärt die Ökonomin. In dem Maße, wie sie dadurch Vermögen anhäuften, sank die Spartätigkeit und glich sich der der Westdeutschen an.
Keine Rückkehr um jeden Preis
Die Makroökonomie ist auch ein Interessengebiet von Piazzesi, allerdings liegt der Schwerpunkt ihrer Forschung an den Finanzmärkten. „Ich untersuche die Preisbildung bei Wertpapieren und anderen Vermögenswerten: Aktien, Anleihen und Immobilien“, berichtet Piazzesi. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie derzeit dem amerikanischen Immobilienmarkt, denn dort sind in den vergangenen Jahren die Preise so weit in die Höhe geklettert, daß manche ihrer Kollegen vor einer spekulativen Blase warnen, die nun bald zu zerplatzen drohe. „Das Verhältnis vom Kaufpreis zur Miete ist bei amerikanischen Wohnimmobilien derzeit außerordentlich hoch. Mir geht es darum, diese Entwicklung zu erklären.“ Ende der siebziger Jahre habe es so etwas schon einmal gegeben, allerdings sei damals die Ursache eine Flucht in Sachwerte zum Schutz vor der hohen Inflation gewesen.
In den vergangenen Jahren hingegen sei die Inflation sehr niedrig gewesen. „Ich denke, ein Großteil des Preisanstiegs läßt sich mit den damals wie heute sehr niedrigen Realzinsen erklären, also den nominalen Zinsen abzüglich der Inflationsrate“, sagt Piazzesi, die vergangenes Jahr mit dem Bernácer-Preis als beste europäische Ökonomin unter 40 Jahren auf dem Gebiet der Makroökonomie und der Theorie der Finanzmärkte ausgezeichnet wurde. Spekulatives Verhalten von Investoren sei zwar nicht auszuschließen, „aber man braucht es nicht zur Erklärung der Preisentwicklung“, sagt Piazzesi und steht damit ganz im Einklang mit der Chicagoer Tradition, die unterstellt, daß sich die überwiegende Zahl der Marktakteure stets rational verhält und sich irrationales Verhalten einzelner in der Gesamtschau ausgleicht.
„Ich sehe mir dazu Auktionen bei Ebay an“
Damit arbeitet Piazzesi unter grundsätzlich anderen Annahmen als ihre Kollegin Malmendier. Die Ökonomin von der Westküste zählt zu der größer werdenden Schar von Forschern, die Zweifel daran haben, daß Menschen sich stets rational verhalten. „Menschen machen Fehler, unternehmen Dinge, die nicht optimal sind“, sagt Malmendier. Ziel ihrer Forschung sei es, im Rahmen dieser Verhaltensökonomie zu erklären, wie beispielsweise Firmen auf irrationales Verhalten ihrer Kunden reagierten.
„Ich sehe mir dazu unter anderem Auktionen bei Ebay im Internet an. Es gibt keinen Zweifel, daß sich manche Menschen, die dort bieten, mitreißen lassen und mehr für Dinge bezahlen, als sie eigentlich wollen und auch müßten“, erklärt Malmendier. Das könne man daran sehen, daß regelmäßig der Zuschlagspreis in der Auktion höher liege als der Preis, der für den Sofortkauf ohne Auktion verlangt werde. „Erstaunlich ist zudem, daß vor allem jene, die besonders häufig an Versteigerungen teilnehmen und in ein solches Bietfieber verfallen, aus ihren Fehlern nicht lernen. Auch beim nächsten Mal bezahlen sie wieder mehr, als sie müßten.“ In einem anderen Projekt hat Malmendier das Verhalten von Besuchern von Fitness-Studios untersucht, denen verschiedene Möglichkeiten der Mitgliedschaft angeboten werden, von einer Zehnerkarte bis zur Jahresmitgliedschaft.
„Da macht die Forschung einfach großen Spaß“
Auch hier zeigte sich, daß viele Menschen mehr bezahlen, als die Hypothese vom rationalen Verhalten erwarten läßt. „Daraus ergeben sich natürlich Konsequenzen unter anderem für die Vertragsgestaltung der Unternehmen mit ihren Kunden“, sagt Malmendier. Einig sind sich die drei Wissenschaftlerinnen darin, daß sie eines Tages gerne nach Deutschland oder zumindest nach Europa zurückkehren möchten. Schon jetzt reisen sie regelmäßig nach Deutschland, nicht nur, um sich mit ihren Familien zu treffen, sondern auch, um an Konferenzen teilzunehmen. Eine Rückkehr um jeden Preis aber wollen sie nicht: „Ich würde schon gerne langfristig wieder in Europa ein Zuhause finden. Aber Forschungsvoraussetzungen wie Zugang zu wichtigen Datensätzen, ein vernünftiges Lehrdeputat, gute Doktorandenausbildung und ein ausreichendes Forschungsbudget müssen schon garantiert sein“, sagt Malmendier.
Wünschen würden sich die Ökonominnen unter anderem, daß an deutschen Universitäten die Unterteilung in verschiedene Lehrstühle abgeschafft würde. Sie führe allzu häufig dazu, „daß jeder Professor sein eigenes Süppchen kocht“. „Hier sitzen wir alle auf einem Flur. Wir sind sozusagen gezwungen, miteinander zu reden. Da macht die Forschung einfach großen Spaß“, sagt Malmendier.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
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| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
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