01.05.2009 · Dubai gilt als das Land der Reichen und Schönen. Aber das ist vorbei. Auch dort wird hart gearbeitet. Nicht zuletzt von deutschen Freiberuflern, die der Krise widerstehen - und bleiben wollen. Rainer Hermann hat vier Deutsche in Dubai besucht.
Von Rainer HermannKlischees sind langlebig. "Das mache ich natürlich jeden Morgen, die Goldtaler auf der Straße aufsammeln", spöttelt Cornelia Kieferle-Nicklas. Noch immer kursiert ja die Vorstellung von Dubai als dem Land der Reichen und der Schönen. "Das ist es aber nicht", widerspricht die 1959 geborene Stuttgarter Architektin. "Hier wurde und hier wird extrem hart gearbeitet."
Jasamin Fichte bestätigt: "Ja, in Dubai, da kann man Geld machen. Dazu muss man aber bereit sein, ,24/7' zu arbeiten, rund um die Uhr und sieben Tage die Woche. Nachts um zwölf rufen mich meine Mandanten an und entschuldigen sich nicht dafür, auch nicht am Wochenende morgens um neun", sagt die 1970 geborene Hamburger Anwältin, ohne sich zu bedauern. Sieben Tage die Woche arbeitet auch Maximilian Riewer. "Würde ich um sechs Feierabend machen . . ." Dann bricht der 1969 geborene Trierer Zahnarzt ab. "Nein, das funktioniert einfach nicht." Auf diesem Markt überlebt nur, wer superflexibel ist.
Diese Flexibilität hat sich auch Anne-Susann Becker aus Elsterwerda im Süden Brandenburgs angeeignet. Das habe sie auch persönlich entspannter gemacht, gesteht die 1978 geborene Herausgeberin und Chefredakteurin des Magazins "Discover Me - Entdecke den Nahen Osten". Preußisch ist sie erzogen, und noch immer sind ihr Pünktlichkeit und Ordnung wichtige Werte. Dennoch ist sie flexibler geworden. Auch sie arbeitet länger, am Wochenende sowie abends. Für die feinen Sandstrände Dubais und ein Privatleben findet sie kaum Zeit.
„Liebe auf den ersten Blick war es nicht“
Eine Menge verbindet die vier, Kieferle-Nicklas und Fichte, Riewer und Becker: Sie sind deutsche Freiberufler in Dubai, sie arbeiten hart, kamen jeweils über eine andere Station im Ausland an den Golf und wollen trotz der Krise bleiben. Vor fünf Jahren kam Anne-Susann Becker an, mit einem Koffer und großen Erwartungen. In Dresden hatte sie Kommunikationswissenschaften und Sprachen studiert. Dann arbeitete sie ein Jahr im französischen Baskenland und ein weiteres in Paraguay. Als dort immer wieder der Strom ausfiel und sie sich die Zeit in Brasilien vertrieb, fiel ihr der Rat eines Libanesen ein: "Willst du Karriere machen, dann geh nach Dubai." Also packte sie die Koffer, legte in Frankfurt einen Zwischenstopp ein, konfrontierte ihre Familie mit ihren neuen Plänen und flog nach Dubai weiter.
"Liebe auf den ersten Blick war es nicht", lacht sie. Sie landete auf einer großen Baustelle, nirgendwo grün. "Aber es war spannend, und ich lernte unglaublich interessante Menschen kennen." Die in Dubai leben, kommen aus mehr als 150 Nationen, und noch immer fasziniert sie jeden Tag, mit Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen zu tun zu haben. Friedlich lebe man nebeneinander, ein Austausch finde aber kaum statt. Das war der Anstoß, ihr Magazin zu gründen. Zuvor hatte sie bei einem anderen Magazin Land und Leute kennengelernt. Schließlich erschien im November 2006 die erste Ausgabe ihres Magazins.
Sie war damals 27 und aus einer Kleinstadt Brandenburgs. "Wäre die Mauer nicht gefallen, ich wäre nicht hier", sagt sie. In Dubai gibt sie nun mit drei Redakteuren und fünf weiteren Angestellten alle zwei Monate ihr Wirtschafts- und Kulturmagazin heraus. Landeskunde und Reisetipps sind Themen, Kommunikationsstrategien und Geschäftspraxis, Reisen deutscher Sportler und deutscher Politiker. Im Blick hat sie die deutsche Community. In Dubai und Abu Dhabi leben mehr als zehntausend deutsche Entsandte. Zudem machten im letzten Jahr 500 000 Deutsche in Dubai Urlaub, Geschäftsleute reisen zu Messen an. Als Ergänzung zur Printausgabe bietet Becker Seminare, die Neuankömmlinge und Geschäftsreisende auf das Land vorbereiten. Da sieht sie ein großes Potential.
Der Gang in ein Niemandsland
Jasamin Fichte beschäftigt 24 Personen, die Hälfte von ihnen Anwälte. Auch sie ahnte bei ihrer Ankunft 2002 nicht, dass sie hier einmal selbständige und erfolgreiche Freiberuflerin sein würde. In ihrer Geburtsstadt Hamburg hatte sie Jura studiert und Seerecht praktiziert, im britischen Southampton folgte beim besten Seerechtsinstitut ein Postgraduiertenstudium. In London trat sie in eine Großkanzlei ein, legte ihr britisches Anwaltsexamen ("solicitor") ab und entschied sich mit dem Gang in ein Niemandsland für einen Karriereknick. Er währte nur kurz. In Dubai wollte sie nur ihre Schwester besuchen. Nach "London und seinen sieben Sicherheitsschlössern" begeisterte sie sich für die Stadt, in der sie als Frau auch um Mitternacht noch joggen kann. Sie wollte an ihrer Dissertation arbeiten. Dann kam ein Angebot eines Versicherungsmaklers, und am folgenden Sonntag fing sie an.
Die passionierte Seerechtsanwältin ging bei den Reedern Dubais ein und aus. Bis sie einer aufforderte: "Wir brauchen hier eine ordentliche Seerechtskanzlei; wollen Sie nicht eine aufmachen?" Fichte hatte nichts angespart. "Mein Geld steckte ja in meinen Schuhen." Eine Ausrede hatte sie keine mehr, als ihr eine Reederei einen Kreditrahmen zur Verfügung stellte. Kapital war da, Ende 2004 auch die Lizenz. Sie wollte sich auf Seerecht spezialisieren und höchstens sechs Anwälte beschäftigen. Heute sind es zwölf, und sechs weitere sind im Visier.
"Denn der Dubai-Boom ging los." Deutsche Firmen kamen, um Niederlassungen zu gründen. Also stellte Fichte Unternehmensjuristen ein. Die Schiffsfinanzierungen wurden größer, die Größe ihrer Mandanten wuchs, der Schutz von Markenzeichen wurde Thema. 2007 feierte Fichte den Durchbruch, als zehn unabhängige Juroren aus der Privatwirtschaft ihre Kanzlei gegen alle angelsächsische Konkurrenz zur besten Seerechtskanzlei im Nahen Osten und Indiens kürten. Als einen Grund für ihren Erfolg sieht sie, dass sie ihre Mandanten aus aller Welt nicht als Geldmaschine behandelt, sondern mit ihnen und ihren Aufträgen wächst. In der Krise plant Fichte das nächste Wachstum - mit einer Kanzlei in Dubais Finanzfreizone DIFC und in Abu Dhabi. Ihr Büro in Teheran arbeitet seit drei Jahren.
Der Gedanke war: „In Dubai bewegt sich etwas“
Wie Fichte kam der Zahnarzt Riewer 2002 zum ersten Mal nach Dubai. In der Assistenzzeit machte er hier Urlaub. "Dubai war ein Land in den Medien, da bewegt sich etwas", dachte sich Riewer, und er wurde nicht enttäuscht. Als eine Tätigkeit in Luxemburg platzte, kehrte er nach Dubai zurück. Um im hart umkämpften Haifischbecken zu bestehen, legte er sich in Deutschland in einer guten Praxis den Feinschliff zu. Nach zweieinhalb Jahren Angestelltendasein machte er sich selbständig. Er zahlte Lehrgeld. Das Gebäude, in dessen 21. Stockwerk er seine "Sky Clinic" einrichtete, wurde mit einer Verspätung von mehr als einem Jahr fertiggestellt. In der Zeit musste er seine Geräte gekühlt und teuer lagern.
Das ist vergessen. Ende 2006 hatte er mit zwei anderen Zahnärzten begonnen. Acht Zahnärzte arbeiten heute in seiner Klinik, Deutsche und Franzosen, Amerikaner und Libanesen. Riewer deckt alle Fachbereiche ab, die Wurzelbehandlung wie die Kieferorthopädie und Oralchirurgie. Zu seinen Patienten, die sich mit Blick auf das Zentrum Dubais behandeln lassen, gehören klingende Namen aus der Region. Riewer freut sich über den medizinischen Tourismus, der eingesetzt hat. Gerade in London spreche sich herum, dass Implantate in Dubai nur ein Bruchteil dessen kosteten, was in London anfalle.
Am meisten reizt ihn, "dass man sich schnell auf viele Nationalitäten, Religionen und Kulturkreise einstellen muss". Jeder Patient hat seine Geschichte. Nicht unerwartet trat er erst in viele Fettnäpfchen, schüttelte Frauen die Hand, sprach mit ihnen und nicht mit dem sie begleitenden Mann. Dann begriff er, dass er bei Arabern zunächst über den Mann mit der Frau zu kommunizieren hat. Ist das Vertrauen da, kommt die Frau alleine. Während in Dubai die meisten Ausländer nur mit Männern Kontakt haben, hat Riewer überwiegend mit Frauen und Kindern zu tun. "Sie sagen, der Vorhang ist weg, er kennt ja die Frau, und so werde ich von ihnen zum Abendessen eingeladen."
In Stuttgart hat für Dubai niemand den Finger gehoben
Ein Jahr nach Fichte und Riewer schaute sich die Stuttgarter Architektin Cornelia Kieferle-Nicklas in Dubai um. 2003 war für deutsche Architekturbüros ein hartes Krisenjahr. Die dreißig Architekten im traditionsreichen Büro, das ihr Vater vor fünfzig Jahren gegründet hatte, mussten beschäftigt werden. 2004 wandte sich ein Architekt aus Dubai ratlos an Kieferle-Nicklas. Ein Bauherr habe alle seine Entwürfe abgelehnt. Könne denn nicht sie in drei Wochen einen vorlegen? Sie legte ihn vor - und bekam den Auftrag für den Bau des Verwaltungsgebäudes der Freizone des Flughafens.
Heute blickt sie vom 37. Stockwerk auf die Silhouette der Scheich-Zayed-Road, der Prachtstraße Dubais, und die Zwillingstürme Emirates Towers, deren elegante Schlichtheit sie bewundert. Dubai ist für sie kein Neuland. Von 1983 bis 1990 hatte sie in der saudischen Hauptstadt Riad Großprojekte entworfen und umgesetzt. Im Stuttgarter Büro hatte für Dubai niemand den Finger gehoben, und so übernahm wieder sie die Stellung in der Ferne und sorgte für neue Aufträge. 2004 bewarb sie sich um ein riesiges Immobilienprojekt am Creek, dem natürlichen Hafen Dubais. 2006 bekam sie den Auftrag für den "Jewel of the Creek". 600 Meter zieht sich das Projekt mit Hotels und Restaurants, Wohnungen und Freizeiteinrichtungen den Creek entlang. Der um eine Lagune gebaute "Juwel des Creek" wird die erste autofreie Zone Dubais sein, die Autos sind in die Tiefgeschosse verbannt. "Solche Riesenprojekte bekommt man nur in Dubai", sagt Kieferle-Nicklas. Die Dimensionen faszinieren sie in Dubai und auch der Wille, etwas Außergewöhnliches zu machen. Aber: "Auf der Straße liegt hier nichts, kein Geld und kein Auftrag." Die Konkurrenz ist groß. Gegen sie setzt die Stuttgarterin auf ihren europäischeren Ansatz: "Ein Gebäude ist dann attraktiv, wenn es nicht nur schön ist, sondern auch wirtschaftlich." Andere schössen da doch mit ihrem Design manchmal über das Ziel hinaus.
Die Krise trifft alle. Kieferle-Nicklas sieht sie beim Blick aus dem Fenster. Dort unten endete ein Erweiterungsbau des World Trade Center im Skelett einer Bauruine. Die Krise treffe sie aber nicht mit voller Wucht, da sie nicht alles mitgemacht habe, was möglich gewesen wäre. Ein wenig führt sie die Krise auf die Hybris zurück. Es fasziniere sie zwar, wie Dubai Großes angepackt habe, sich mit dem Burj al Arab und der Palmeninsel gut vermarktet habe. Sie verstehe aber nicht die Phantastereien, immer höhere Türme zu bauen und noch mehr Inseln in der Form von Palmen.
„Wer noch da ist, der bleibt“
Ein Aufatmen ist bei der Chefredakteurin Becker zu hören: Sie könne wieder schlafen, sagt sie. Die Kalkulation stimmt wieder. Ihre Werbekunden sind nicht die Immobilienfirmen, die tief in der Krise stecken, sondern der deutsche Mittelstand und das, was der deutsche Entsandte braucht. Die Anwältin Fichte gewinnt der Krise etwas Gutes ab. Sie trenne die Spreu vom Weizen und schicke die Glücksritter nach Hause und mit ihnen die Spekulation. "Wer noch da ist, der bleibt", sagt Riewer. Die Stadt sei ja nicht ausgestorben, sondern pendle sich auf normalem Niveau ein. Man dürfe sich nicht alles so schlechtreden lassen. Dubai bleibe schon wegen seines Standortvorteils erhalten mit seiner idealen Lage zwischen Ost und West, Nord und Süd. Das Geld sitze zwar in Saudi-Arabien, Abu Dhabi und Qatar, für Dubai aber spreche die Lebensqualität. Auch Kieferle-Nicklas erwartet, dass Dubai mit seinem weiten Hinterland, mit dem Flug- und dem Seehafen den Aufstieg zu einer Dienstleistungsmetropole wie London oder Singapur schaffen werde.
Sie alle wollen in Dubai bleiben. Auch weil sie als Frauen positive Erfahrungen machen. Für Kieferle-Nicklas sind sie nicht anders als in Deutschland. Was zähle, sei Professionalität. Fichte resümiert, dass von den Ländern, in denen sie gearbeitet habe, Hamburg für Frauen das härteste Pflaster sei. Und anders als in London könne sie in Dubai weiblich sein, die Haare lang tragen und sich schminken. "Dass ich eine Frau bin, ist ja einer der Gründe für den Erfolg der Kanzlei", fügt sie selbstbewusst hinzu. Die Mandanten dächten, die müsse ja wirklich gut sein, wenn sie es so weit nach oben gebracht habe. Zudem würden Araber einer Frau ja nie sagen, sie hätten keine Zeit.
An Dubai fasziniere sie der Mut, der schönste Platz der Welt sei indes Europa. Deutschland hingegen sei jedoch sehr selbstzufrieden und mit sich selbst beschäftigt, reflektiert die Stuttgarter Architektin. Zu Deutschland fällt dem Trierer Zahnarzt Riewer der große Verwaltungsapparat ein, der so groß sei, dass sich nichts mehr bewege. In Dubai werde selbst er gefragt, wo er Probleme sehe und wie er sie lösen würde. Die Regierung des Emirats Dubai holt auch den Rat der Anwältin Fichte ein. "Sie haben Zeit, hören zu, und dann kommen Gesetzentwürfe mit der Bitte um Stellungnahme."
„Deutsche im Ausland sind ein Exportgut“
Andererseits habe die Bundesregierung zu ihr ebenso wenig wie zu anderen privaten Unternehmen in Dubai Kontakt aufgenommen, als sie das Doppelbesteuerungsabkommen neu verhandelt habe, wundert sich Fichte. Es ärgere sie "wahnsinnig", dass die Bundesregierung Dubai in die Kategorie Steueroase stecke. "Deutsche im Ausland sind keine Steuerhinterzieher, sondern ein Exportgut", sagt sie empört. Sie bringe arabische Investoren nach Deutschland, müsse sich aufgrund des neuen Abkommens, das sie mit ihrem Einkommen aus Dubai in Deutschland steuerpflichtig mache, nun aber aus Deutschland abmelden.
Auch Riewer sieht seinen Wohnsitz langfristig in Dubai. Im Sommer ist er aber glücklich, seinen Wein an der Mosel zu trinken. Becker weiß hingegen noch nicht, wo sie in fünf Jahren sein wird und ob sie die Familie, die sie anstrebt, in Dubais materialistischem Umfeld haben will. In ihrem Alter und mit ihren bescheidenen Mitteln hätte sie in Deutschland keine Firma gründen können. In Dubai hatte sie diese Chance. Und dafür ist sie dem Emirat dankbar. Auch wenn auf seinen Straßen keine Goldtaler liegen.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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