Home
http://www.faz.net/-gqe-6v0yj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Digitale Exzellenz

Deutsche Bundesbank 465 Milliarden Euro Risiken

Die Deutsche Bundesbank wird immer mehr zum Gläubiger der Euro-Krisenländer. Der sogenannte Target-2-Saldo ist per Ende Oktober gegenüber dem Vormonat um 15,9 Milliarden Euro gestiegen.

© F.A.Z. Vergrößern

Die Deutsche Bundesbank wird immer mehr zum Gläubiger der Euro-Krisenländer, deren Banken sich so frische Kredite verschaffen. Nach neuen Zahlen ist ihr sogenannter Target-2-Saldo per Ende Oktober gegenüber dem Vormonat um 15,9 Milliarden Euro auf 465,5 Milliarden Euro gestiegen. Seit Anfang des Jahres haben sich die Target-Kredite um rund 140 Milliarden Euro erhöht. Kritiker sagen, diese Buchungen verbärgen Rettungsaktionen gegenüber Irland, Griechenland, Spanien, Portugal und Italien, wofür letztlich der Steuerzahler hafte. Zu den schärfsten Kritikern zählt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, der die Problematik als erster untersucht hat.

Philip Plickert Folgen:    

„Die Entwicklung ist besorgniserregend“, warnt auch Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Bundesbank indes beklagt in der Debatte „Missverständnisse und Fehlschlüsse“, wie Jens Ulbrich, Leiter des Zentralbereichs Volkswirtschaft, schrieb. Die gestiegenen Target-Salden seien Symptome der Krise, aber bedeuteten keine höheren Risiken für Deutschland.

„Target“ ist eine interne Plattform der 17 Euro-Länder zur Abwicklung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs. Im Target-System bilden sich Flüsse von Zentralbankgeld ab. Kauft zum Beispiel ein Grieche ein deutsches Auto auf Kredit und seine Bank findet nicht sogleich einen Käufer für ihre Schuldverschreibungen, so bezieht die griechische Zentralbank über Target von der Bundesbank einen Kapitalfluss. In den ersten acht Jahren der Währungsunion pendelten die Salden der Bundesbank und anderer Zentralbanken um die Nulllinie, weil Leistungsbilanzdefiziten und -überschüssen stets private Kapitalflüsse entgegenstanden. Die Zahlungsbilanzen waren weitgehend ausgeglichen.

Mehr zum Thema

Das änderte sich mit der Krise in den Euro-Peripheriestaaten. Deren Banken benötigten immer mehr Kredit, den der Kapitalmarkt nicht mehr zu geben bereit war. 2008 stieg die Summe der Bundesbank-Target-Kredite auf mehr als 100 Milliarden Euro. Andere nordeuropäische Staaten wie die Niederlande und Finnland haben kleinere positive Salden. Hauptschuldner sind die Zentralbanken von Irland (mehr als 140 Milliarden Euro negativer Saldo im August), Griechenland (98 Milliarden Euro), Spanien (83 Milliarden im September), Portugal (59 Milliarden ) sowie Italien (88,6 Milliarden im Oktober). „Mit den Target-Krediten werden die Zahlungsbilanzdefizite der GIPS-Länder mit der Druckerpresse finanziert“, meint Ifo-Präsident Sinn. Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer beurteilt das so ähnlich: „Das ist so, wie wenn sie in einem Laden permanent anschreiben lassen.“

„Kein sinnvoller Indikator“

Die Bundesbank indes sieht es ganz anders. Der deutsche Target-Saldo, der nun auf 465,5 Milliarden Euro gestiegen ist, sei „kein sinnvoller Indikator für Risiken“ spezifisch für Deutschland. Stattdessen verteilten sich die Risiken der Gläubiger-Zentralbanken gemäß dem Kapitalschlüsseln im Euro-System. Deutschlands Kapitalanteilsschlüssel an der Europäischen Zentralbank (EZB) beträgt rund 27 Prozent. Die Finanzierung der Banken in der Peripherie mit Zentralbankgeld sei in der Krise notwendig. Zur Absicherung müssten sie dafür Wertpapiere hinterlegen.

Gleichwohl hofft die Bundesbank, die außergewöhnlichen Maßnahmen zügig wieder zurückzuführen. Es dürfe nicht die Aufgabe einer unabhängigen Geldpolitik sein, „Solvenzrisiken von Bankensystemen oder gar Ländern zwischen den Steuerzahlern der Währungsunion umzuverteilen“, schreibt Bundesbank-Volkswirt Ulrich. Die Target-Salden zurückzufahren werde kaum möglich sein, glaubt hingegen Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer. „Wenn sie Target abdrehen, hat das das Potential, den Euro zu sprengen.“ Denn damit würden die Banken in den Krisenstaaten von der lebensnotwendigen Liquidität abgeschnitten. Die Sicherheiten, die die Südländer hinterlegen, bestünden zum großen Teil aus zweifelhaften Staatsanleihen.

In den Vereinigten Staaten sind die regionalen Zweigstellen der amerikanischen Notenbanken Fed halbjährlich gezwungen, ihre Salden innerhalb des dortigen internen Zahlungssystems, dem sogenannten Fedwire-System, auszugleichen. Dazu müssen sie Goldzertifikate oder Staatsanleihen abliefern. Um übermäßige Kapitalabflüsse zu verhindern, achten die regionalen Federal Reserve Banken darauf, dass die Geschäftsbanken ihres Bezirks nicht übermäßig viel Zentralbankgeld in Anspruch nähmen, erklärt Mayer. Problembanken würden geprüft und notfalls geschlossen. „Das Äquivalent im Euroraum wäre, die Banken in Südeuropa alle dichtzumachen“, sagt Mayer. Um das Horrorszenario einer breiten Kapitalflucht aus Südeuropa zu vermeiden werde die Bundesbank aber fortfahren, den dortigen Banken über das Target-System Kredite zu gewähren.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schuldenkrise Die Griechen haben ihr Geld außer Landes geschafft

Im Januar sind 27 Milliarden Euro ins Ausland abgeflossen – und die Wirtschaft schrumpft noch stärker als befürchtet. Das Risiko für Deutschland wächst. Ifo-Präsident Hans Werner Sinn fordert ein Ende der Notkredite von Notenbanken. Mehr Von Johannes Pennekamp und Tobias Piller

27.02.2015, 16:52 Uhr | Wirtschaft
Frankfurt Euro leidet unter EZB-Beschluss zu Griechenland

Der Euro fiel in der Nacht zum Donnerstag auf 1,13 Dollar zurück, nachdem die EZB am Mittwoch überraschend den weiteren Zugang der griechischen Banken zu frischem Zentralbankgeld erschwert hatte. Mehr

05.02.2015, 14:53 Uhr | Finanzen
Teure Zinsen Wer braucht den Dispositionskredit?

Auf den Dispo kann jeder schnell und unbürokratisch zugreifen. Dafür ist er teuer. Trotzdem nutzen ihn Millionen Deutsche. Es gibt aber günstigere Alternativen. Mehr Von Franz Nestler

03.03.2015, 07:57 Uhr | Finanzen
Kurzfilm Die Bundesbank zeigt ihre Goldtresore

Die Deutsche Bundesbank zeigt in einem Kurzfilm die Tresore, in denen Gold gelagert wird und gibt damit einen seltenen Einblick in das Innerste der Bank. Mehr

26.02.2015, 13:15 Uhr | Wirtschaft
Mittelstandsanleihen-Ticker Zamek-Gläubiger dürften leer ausgehen

Die Anleihengläubiger der MS Deutschland werden wohl nicht alles zurückerhalten. Die der Deutschen Forfait stimmen dem Sanierungskonzept im wesentlichen zu. Mehr

25.02.2015, 13:24 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.11.2011, 14:30 Uhr

Geld für Provokateure

Von Heike Göbel

Die griechische Regierung provoziert ihre Geldgeber jeden Tag aufs Neue. Müssen wir den Hohn ertragen? Mehr 2 25


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Milliardenschwere Startups

Ein Startup, das eine Milliarde Dollar wert ist - ist das noch eine Besonderheit? Scheint nicht so. Mehr

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden