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Deutsche Bundesbank : 465 Milliarden Euro Risiken

Bild: F.A.Z.

Die Deutsche Bundesbank wird immer mehr zum Gläubiger der Euro-Krisenländer. Der sogenannte Target-2-Saldo ist per Ende Oktober gegenüber dem Vormonat um 15,9 Milliarden Euro gestiegen.

          Die Deutsche Bundesbank wird immer mehr zum Gläubiger der Euro-Krisenländer, deren Banken sich so frische Kredite verschaffen. Nach neuen Zahlen ist ihr sogenannter Target-2-Saldo per Ende Oktober gegenüber dem Vormonat um 15,9 Milliarden Euro auf 465,5 Milliarden Euro gestiegen. Seit Anfang des Jahres haben sich die Target-Kredite um rund 140 Milliarden Euro erhöht. Kritiker sagen, diese Buchungen verbärgen Rettungsaktionen gegenüber Irland, Griechenland, Spanien, Portugal und Italien, wofür letztlich der Steuerzahler hafte. Zu den schärfsten Kritikern zählt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, der die Problematik als erster untersucht hat.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          „Die Entwicklung ist besorgniserregend“, warnt auch Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Bundesbank indes beklagt in der Debatte „Missverständnisse und Fehlschlüsse“, wie Jens Ulbrich, Leiter des Zentralbereichs Volkswirtschaft, schrieb. Die gestiegenen Target-Salden seien Symptome der Krise, aber bedeuteten keine höheren Risiken für Deutschland.

          „Target“ ist eine interne Plattform der 17 Euro-Länder zur Abwicklung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs. Im Target-System bilden sich Flüsse von Zentralbankgeld ab. Kauft zum Beispiel ein Grieche ein deutsches Auto auf Kredit und seine Bank findet nicht sogleich einen Käufer für ihre Schuldverschreibungen, so bezieht die griechische Zentralbank über Target von der Bundesbank einen Kapitalfluss. In den ersten acht Jahren der Währungsunion pendelten die Salden der Bundesbank und anderer Zentralbanken um die Nulllinie, weil Leistungsbilanzdefiziten und -überschüssen stets private Kapitalflüsse entgegenstanden. Die Zahlungsbilanzen waren weitgehend ausgeglichen.

          Das änderte sich mit der Krise in den Euro-Peripheriestaaten. Deren Banken benötigten immer mehr Kredit, den der Kapitalmarkt nicht mehr zu geben bereit war. 2008 stieg die Summe der Bundesbank-Target-Kredite auf mehr als 100 Milliarden Euro. Andere nordeuropäische Staaten wie die Niederlande und Finnland haben kleinere positive Salden. Hauptschuldner sind die Zentralbanken von Irland (mehr als 140 Milliarden Euro negativer Saldo im August), Griechenland (98 Milliarden Euro), Spanien (83 Milliarden im September), Portugal (59 Milliarden ) sowie Italien (88,6 Milliarden im Oktober). „Mit den Target-Krediten werden die Zahlungsbilanzdefizite der GIPS-Länder mit der Druckerpresse finanziert“, meint Ifo-Präsident Sinn. Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer beurteilt das so ähnlich: „Das ist so, wie wenn sie in einem Laden permanent anschreiben lassen.“

          „Kein sinnvoller Indikator“

          Die Bundesbank indes sieht es ganz anders. Der deutsche Target-Saldo, der nun auf 465,5 Milliarden Euro gestiegen ist, sei „kein sinnvoller Indikator für Risiken“ spezifisch für Deutschland. Stattdessen verteilten sich die Risiken der Gläubiger-Zentralbanken gemäß dem Kapitalschlüsseln im Euro-System. Deutschlands Kapitalanteilsschlüssel an der Europäischen Zentralbank (EZB) beträgt rund 27 Prozent. Die Finanzierung der Banken in der Peripherie mit Zentralbankgeld sei in der Krise notwendig. Zur Absicherung müssten sie dafür Wertpapiere hinterlegen.

          Gleichwohl hofft die Bundesbank, die außergewöhnlichen Maßnahmen zügig wieder zurückzuführen. Es dürfe nicht die Aufgabe einer unabhängigen Geldpolitik sein, „Solvenzrisiken von Bankensystemen oder gar Ländern zwischen den Steuerzahlern der Währungsunion umzuverteilen“, schreibt Bundesbank-Volkswirt Ulrich. Die Target-Salden zurückzufahren werde kaum möglich sein, glaubt hingegen Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer. „Wenn sie Target abdrehen, hat das das Potential, den Euro zu sprengen.“ Denn damit würden die Banken in den Krisenstaaten von der lebensnotwendigen Liquidität abgeschnitten. Die Sicherheiten, die die Südländer hinterlegen, bestünden zum großen Teil aus zweifelhaften Staatsanleihen.

          In den Vereinigten Staaten sind die regionalen Zweigstellen der amerikanischen Notenbanken Fed halbjährlich gezwungen, ihre Salden innerhalb des dortigen internen Zahlungssystems, dem sogenannten Fedwire-System, auszugleichen. Dazu müssen sie Goldzertifikate oder Staatsanleihen abliefern. Um übermäßige Kapitalabflüsse zu verhindern, achten die regionalen Federal Reserve Banken darauf, dass die Geschäftsbanken ihres Bezirks nicht übermäßig viel Zentralbankgeld in Anspruch nähmen, erklärt Mayer. Problembanken würden geprüft und notfalls geschlossen. „Das Äquivalent im Euroraum wäre, die Banken in Südeuropa alle dichtzumachen“, sagt Mayer. Um das Horrorszenario einer breiten Kapitalflucht aus Südeuropa zu vermeiden werde die Bundesbank aber fortfahren, den dortigen Banken über das Target-System Kredite zu gewähren.

          Quelle: F.A.Z.

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