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Deutsche Börse Der neue Börsenchef könnte Leonhard Fischer heißen

31.07.2005 ·  Die Deutsche Börse steht - von der Öffentlichkeit unbemerkt - vor den Wochen der Wahrheit. Nur wenige Kandidaten sind für die Nachfolge Werner Seiferts im Rennen. Ein Favorit ist ein alter Bekannter.

Von Dyrk Scherff
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Die Deutsche Börse steht - von der Öffentlichkeit unbemerkt - vor den Wochen der Wahrheit. Im September will sie ihren neuen Vorstandsvorsitzenden präsentieren. In diesen Tagen führen ihre Vertreter die entscheidenden Gespräche.

Damit rückt das Unternehmen wieder in den Mittelpunkt des Interesses. In den vergangenen Wochen war es ruhig um die Börse geworden, nachdem sie sich zuvor monatelange öffentliche Auseinandersetzungen mit angelsächsischen Fonds rund um den Hedge-Fonds TCI geliefert hatte. Sie führten schließlich im Mai zum Rücktritt von Börsenchef Werner Seifert und mehreren Aufsichtsräten.

Doch hinter den Kulissen wurde eifrig weitergearbeitet. Vier neue Aufsichtsräte wurden gefunden, darunter der designierte neue Chef des Gremiums, Kurt Viermetz, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Hypo Real Estate ist und früher der Hypo-Vereinsbank war. Zusammen mit Rolf Breuer, dem derzeitigen Leiter des Kontrollorgans der Börse, der spätestens Ende des Jahres seinen Posten für Viermetz räumt, ist er nun auf der Suche nach dem neuen Vorstandsvorsitzenden.

„Im September wollen wir ihn präsentieren“

„Er muß etwas von Börsentechnologie verstehen, die Mechanik der internationalen Kapitalmärkte durchschauen, Kenntnisse über Terminmärkte haben und Führungsqualitäten besitzen“, umreißt Viermetz gegenüber dieser Zeitung die Anforderungen an den Kandidaten. „Im September wollen wir ihn präsentieren.“ Spätestens zu Jahresbeginn soll er sein Amt antreten.

Personalberater, die auf die Auswahl von Führungskräften im Finanzbereich spezialisiert sind, haben einen Favoriten: Leonhard „Lenny“ Fischer. In Frankfurt ist er aus Zeiten des Börsenbooms gut bekannt als Vorstand der Dresdner Bank und verantwortlich für das Investmentbanking. „Er ist überdurchschnittlich intelligent, führungsstark, international bekannt und durch seine neue Tätigkeit als Vorstand bei DBV Winterthur auch mit IT-Themen vertraut“, lobte ein führender Personalberater aus Frankfurt. Fischers Kostensparmaßnahmen bei dem Versicherer gelten als erfolgreich. Damit habe er sein angekratztes Image durch die finanziellen Schwierigkeiten bei der Dresdner Bank vor seinem Wechsel in die Schweiz wieder etwas aufpoliert.

Als talentiert und scharfsinnig gilt der Commerzbank-Vorstand Martin Blessing. Er wird jedoch auch als möglicher Nachfolger seines Chefs Klaus-Peter Müller gehandelt, der voraussichtlich in zwei bis drei Jahren aufhören wird. Daher ist fraglich, ob er zur Verfügung stünde.

Nicht minder geeignet

Einige Kandidaten sind in der Öffentlichkeit weniger bekannt, scheinen aber nicht minder geeignet. So etwa der Schweizer Marco Illy, bei Credit Suisse First Boston zuständig für das Investmentbanking in Deutschland und der Schweiz. Er gilt als Macher, wie er bei der Zusammenlegung der technischen Systeme in den Handelsabteilungen bewiesen hat. Dadurch erwarb er auch IT-Kenntnisse.

Sofort verfügbar wäre Matthias Mosler, bei Merrill Lynch in London bis vor einigen Monaten in der europäischen Geschäftsführung und für das Deutschland-Geschäft zuständig. Zuvor war er für die Deutsche Bank und Goldman Sachs aktiv. „Mosler kennt den deutschen Markt sehr gut, ist aber gleichzeitig in London gut bekannt. Er hat Führungsqualitäten und er weiß, wie Aktionäre denken“, beurteilt ihn ein Personalberater in der britischen Hauptstadt. Gerade letzteres ist wichtig, um das Wohlwollen der Kritiker um TCI zu bekommen, die bei der Auswahl des Vorstandsvorsitzenden mitreden wollen.

Schwierige Auswahl

Einfach war die Kandidatenauswahl bisher nicht. Es gibt nur wenige, die sowohl Kenntnisse in der Technologie als auch in Börsenprodukten haben. Zudem sind nicht alle international be- und anerkannt, um die kritischen Aktionäre wie TCI zufriedenzustellen. Andere wiederum wären zwar geeignet, stehen aber wohl nicht zur Verfügung. Wie etwa Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner oder Reto Francioni, der Präsident der Schweizer Börse, der vor einigen Jahren schon einmal Vorstand bei der Deutschen Börse und dabei Mitbegründer des Neuen Marktes war. Auch die schon genannten Hermann-Josef Lamberti von der Deutschen Bank oder Achim Kassow von der Commerzbank gehören nicht zu den Favoriten.

Für die neuen Aufsichtsräte haben die führenden Aktionäre schon ihr Einverständnis gegeben. Neben Viermetz wurden der ehemalige WestLB-Vorstand Gerhard Roggemann in das Gremium aufgenommen, dem er schon einmal angehört hatte. Besonders von TCI gefördert wurde die Berücksichtigung von Richard Hayden, ehemals Vizechef von Goldman Sachs Europe, und des CDU-Politikers und Finanzexperten Friedrich Merz. Mit beiden haben die Hedge-Fonds aber nur einen Mini-Sieg errungen. Denn noch immer repräsentiert der Aufsichtsrat nicht die wesentlichen Aktionäre, wie es TCI gefordert hatte. Und Viermetz ist auch nicht bereit, in Zukunft alles so zu tun, wie es die Hedge-Fonds gerne hätten: „Ich werde zu manchem ihrer Vorschläge auch einmal nein sagen.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.07.2005, Nr. 30 / Seite 34
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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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