29.01.2012 · Die Kränze für Ackermanns Lebenswerk werden gebunden, seine Patzer beim Abgang verblassen. Drei Männer übernehmen jetzt die Deutsche Bank: Es soll friedlich aussehen, ist es aber nicht.
Von Georg MeckEin letztes Mal hat Josef Ackermann in der Nacht zum Samstag Hof gehalten in Davos. Im Hotel Belvedere, dem wahren Zentrum des Weltwirtschaftsforums, empfängt die Deutsche Bank wichtige Kunden und sonstige Prominenz. Stundenlang schüttelt Ackermann Hände, schäkert mit Notenbankern, Nobelpreisträgern, Nachtschwärmern.
Er freue sich auf sein neues Leben, sagt Ackermann in einer kurzen Ansprache, konkrete Pläne verrät er nicht. Im Liegestuhl wird sich sein Ruhestand nicht abspielen, so viel ist klar. Ackermann sieht sich auf dem Feld zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik; „zu je einem Drittel“. Ziemlich sicher ist, dass er in den Verwaltungsrat der „Zurich Financial“ einzieht, wie einer in Davos berichtet, der es wissen muss: „Wir Schweizer sind stolz auf ihn.“
Als der Mann, der den Deutschen die Bank gegeben hat, die ihrer Stellung in der Welt entspricht: So würde Ackermann gern in die Geschichte eingehen. An Lob dafür, wie er die Krise gemeistert hat, ist kein Mangel. Die Patzer beim Abgang, die unrühmliche Nachfolgersuche und der missglückte Sprung in den Aufsichtsrat verblassen, nun, da die Kränze für Ackermanns Lebenswerk gebunden werden: Davos erlebt einen Mann, der mit sich im Reinen ist, der bis spät in die Nacht seine Runden dreht, dazu - als oberster Repräsentant der Banken weltweit - immer mit einem Ohr in Griechenland.
Am kommenden Donnerstag wird Ackermann noch die Bilanz vorlegen, Ende Mai endet dann offiziell die Amtszeit. Intern ist die Operation Machtwechsel freilich längst im Gange, auf dem Weltwirtschaftsforum wird sie erstmals auch vor Publikum inszeniert: Jürgen Fitschen und Anshu Jain als Co-Chefs sowie der ebenfalls frisch ausgerufene Chefkontrolleur Paul Achleitner, noch Vorstand der Allianz, zeigen sich als harmonisches Triumvirat beim fröhlichen Netzwerken.
Auf Burdas „Night-Cap“ posieren sie gegen Mitternacht gar für ein erstes Familienfoto, tagsüber flanieren die Gattinnen gemeinsam über die Promenade. Die Stabübergabe rückt näher.
Innerhalb der Bank richten sich die Truppen seit Monaten auf die neuen Verhältnisse aus. Wer noch etwas vorhat mit seiner Karriere, weiß was zu tun ist: „Nichts wird mehr entschieden, was Jain oder Fitschen missfallen könnte“, berichtet ein Banker. Es wird Sieger und Verlierer geben unter dem neuen Regiment, und irgendwann auch eine Antwort auf die Frage: Wer von den Dreien ist die wahre die Nummer Eins? Wer der neue „Mister Deutsche Bank“?
Im Moment meldet keiner der Protagonisten derlei Ansprüche an, das wäre auch unklug. Die Formel lautet: Wir haben unser Aktiengesetz gelesen. Soll heißen: Jeder fügt sich in seine Rolle. Die Geschäfte führt der Vorstand gemeinsam, der Aufsichtsrat kontrolliert. Darüber hinaus brauche eine Bank keine Personality-Show, ist die versteckte Botschaft - dass die Anspielung Ackermann gilt, muss nicht eigens erwähnt werden.
Wie sie ihre Aufgaben im Detail aufteilen, das werden Fitschen und Jain den Top-200 im Konzern auf einer Strategietagung im April in Montreux offenbaren: Klar und sauber soll es jedenfalls zugehen, mit möglichst wenig Reibungen. Da der Beweis noch aussteht, dass Doppelspitzen eine besonders effiziente und friedvolle Art sind, Konzerne zu führen, bemühen sich die Protagonisten im Vorfeld um herzzerreißende Innigkeit: Fünfmal täglich werde zwischen Fitschen und Jain telefoniert, noch viel mehr gemailt. Überhaupt sei die Zweier-Lösung das reine Glück, lassen sie kolportieren.
Ein Experiment ist das Gespann in jedem Fall: Deutschlands einzige Bank von Weltrang regieren künftig ein Gastwirtskind aus einem Nest in Norddeutschland und der Sohn eines Regierungsangestellten aus Neu-Delhi, der sich darüber amüsiert, was in Europa an fernöstlichen Sagen über ihn verbreitet wird, mangels Fakten zumeist abgeleitet aus dem „Jainismus“, dem Glauben seiner Vorfahren. Tatsächlich ist der Investmentbanker nicht sonderlich religiös, in den letzten Jahren hat er nicht einmal einen Tempel betreten. Auch die ihm nachgesagte Abstinenz ist Legende: Anshu Jain weiß durchaus ein Glas Wein zu schätzen. Richtig ist: Er ist Vegetarier und er beruft sich auf das Wertekorsett, das ihm die Eltern mitgegeben haben.
So arbeiten sich beide Teile an den Vorurteilen ab: Der eine, Jürgen Fitschen, redet gegen den Ruf als Deutschland-Hansel an, wonach er bisher nur zur Erbauung des Mittelstands durch die Provinz gereist sei (was nachweislich nicht stimmt). Um diesen Eindruck zu zerstreuen, hält er sich in seinen Reden neuerdings ein paar Takte länger mit der globalen Lage auf. Auch versäumt er es nicht, darauf hinzuweisen, dass er die meiste Zeit im Ausland gearbeitet hat, elf Jahre allein in Asien; er folglich sogar mehr internationale Erfahrung vorzuweisen hat als Kollege Jain.
Der bisher in London stationierte Investmentbanker Jain wiederum kämpft mit dem Ruch eines Söldners des Kapitalmarktes. So kehrt der Inder bei jedweder Gelegenheit seine emotionale Bindung an die Deutsche Bank hervor, dort gelte es - nach 17 Jahren Dienst - eine Geschichte zu Ende zu schreiben, so hat er seine Motivation stets beschrieben. Wäre es ihm einzig darum gegangen, das Vermögen zu optimieren, dann wäre der smarte Banker längst abgehauen, und hätte - wie etliche seiner Kumpels in London - einen eigenen Hedgefonds aufgezogen.
In der Abwägung: Noch mehr Geld oder mehr Macht und eine große Bühne, entschied Jain sich für den Chefposten in der Deutschen Bank (auch wenn ihm der in den nächsten drei Jahren nur halb gehört). Daraus folgt: Gehaltsverzicht und Umzug nach Frankfurt. Der Immobilienkauf dort steht vor dem Abschluss - was für die Symbolik mehr bedeutet als für Jains Alltag: 110 Tage hat er voriges Jahr im Flugzeug verbracht, hat der Investmentbanker nachgezählt. So ähnlich wird es wohl auch im neuen Job laufen, den er mental in drei Teile zerlegt: Pflege der Kontakte zur weltweiten Top-Klientel, Führung nach innen und Wirken nach außen - der heikelste Punkt für die deutsche Öffentlichkeit, angefangen mit der Sorge: Kann der Mann deutsch? Er lernt es, lautet die Antwort.
Eine Hauptversammlung wird Jain so rasch nicht auf Deutsch bestreiten, noch übt er für das tägliche Gespräch. Die Antrittsbesuche in Berlin dagegen sind absolviert, brav lobt der Inder die Kanzlerin für ihren Einsatz als Euro-Retterin („brillant“) und freut sich im Gegenzug über die wohlwollende Neugier, die ihm aus der Hauptstadt entgegenschlägt.
In Davos arbeitet Jain sich in dem Hoteltrakt, den die Deutsche Bank als Büro gemietet hat, in Einzelgesprächen tapfer durch die Vorstände der Dax-Konzerne, abends auf den Empfängen sucht er den Kontakt zu Industriekapitänen wie Ferdinand Piëch: Einen Ackermann braucht er dazu nicht, der designierte Vorgänger führt ihn nicht in die Szene ein, wie bei Chefwechseln in anderen Konzernen durchaus üblich - das wäre in diesem Fall auch zu viel verlangt, nach den gegenseitigen Verletzungen im Nachfolgerennen. Da mögen jetzt alle noch so beteuern, wie sanft der Übergang sich gestalte.
Der Anspruch der Neuen zumindest ist klar: „Die Deutsche Bank muss als globaler Gewinner aus der Krise hervorgehen“, hat Anshu Jain vor Schneekulisse in einem TV-Interview als Parole ausgegeben. „Wir wollen zu den Besten der Welt gehören“, variiert Jürgen Fitschen die Melodie. Was das für das Renditeziel bedeutet, sagen sie noch nicht - tendenziell weniger als die provokanten 25 Prozent eines Josef Ackermann, schon der strengeren Regulierung geschuldet. Fitschen vertritt seit Jahren die These, eine Bank habe zunächst „kompetent, vertrauenswürdig, sympathisch“ aufzutreten, dann ergebe sich das mit dem Profit von allein.
Um das zu schaffen, wird die Doppelspitze einiges umkrempeln, angefangen mit dem Personal: Das „absolut beste Team“ verlangt Jain, dem ein aggressives Verhältnis zu schlechten Ergebnissen nachgesagt wird. Einige Spieler im Top-Management werden mit Sicherheit ausgewechselt: So wird Kevin Parker, bisher für das Asset Management zuständig, mehr oder minder zwangsläufig ausscheiden, da sein Bereich verkauft werden soll.
Auch Ackermanns alter Schweizer Gefährte Pierre de Weck, verantwortlich für das Private-Wealth-Management, wird wohl gehen. Dafür werden im Konzern neue Namen hoch gehandelt: Stephan Leithner etwa, ein Mittvierziger und Getreuer Jains, wird fortan in London die Stellung halten.
Eine eigene Truppe als Hausmacht wird der Inder nach eigenem Bekunden nicht mit in die Frankfurter Zwillingstürme bringen. „Das muss er auch nicht“, sagt ein Kritiker im Haus, „Jain hat seit Jahren seine Leute an entscheidenden Stellen plaziert.“ Tatsache ist: Der interne Konflikt zwischen Investmentbankern und dem Rest, den vermeintlich langweiligen Filialbankern, mag sich gemildert haben - bereinigt ist er nicht. Das leugnet nicht einmal die Doppelspitze. So viel Harmonie wäre selbst in diesen friedlichen Tagen des Neuanfangs zu viel.
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- 30.01.2012, 15:28 Uhr
„Wir wollen zu den Besten der Welt gehören“
Peter Hoch (luxor)
- 30.01.2012, 09:56 Uhr
Schlecker hat es vorgemacht
Joachim Mense (JMense)
- 30.01.2012, 09:10 Uhr
Strategietagung im April in Montreux
Eberhard Stoeckel (Veridicus)
- 30.01.2012, 06:37 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.367,07 | −0,22% |
| Dow Jones | 12.369,40 | −0,59% |
| EUR/USD | 1,2778 | −0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 107,54 $ | +0,67% |
| Gold | 1.589,50 $ | +2,28% |
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