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Deutsche-Bank-Chef John Cryan : Moral is absolutely Kernaufgabe

John Cryan Bild: Helmut Fricke

Der neue Deutsche-Bank-Chef John Cryan hat bei seinem ersten großen Auftritt den Abbau von 9000 Stellen verkündet. Der Gegensatz zu seinem Vorgänger war offenkundig: Wenig Mimik, unprätentiös, aber fließendes Deutsch. Es weht ein neuer Wind in Deutschlands größter Bank.

          Als die Pressekonferenz beginnt, kommt John Cryan allein auf das Podium. Unzählige Kameraobjektive sind auf den neuen starken Mann der Deutschen Bank gerichtet, es ist sein erster öffentlicher Auftritt, seit er Anfang Juli Anshu Jain an der Spitze der Bank abgelöst hat. „Lächeln?“, fragt Cryan die Fotografen zaghaft, lässt es aber erst einmal bleiben. In wenigen Minuten wird er den Abbau von 9000 Stellen bekanntgeben – Fotos mit all zu breitem Lächeln könnten da falsch ankommen. Erst als sein Ko-Chef Jürgen Fitschen, Finanzvorstand Marcus Schenck und Privatkundenvorstand Christian Sewing zu ihm stoßen, lässt er ein kurzes Lächeln erkennen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Stellenabbau-Gesicht fällt ihm leichter. Der 54 Jahre alte Brite im grauen Anzug und roter Krawatte verzieht selten die ernste Miene. Er spricht sehr ruhig und bedächtig, spart mit Gesten und Rhetorik. Bleiche Halbglatze, tief hängende Tränensäcke - von dem Charisma, das seine Vorgänger Jain und Josef Ackermann ausgestrahlt haben, hat er nichts. Er soll oft 18 Stunden am Tag arbeiten – das nimmt man ihm ab. Cryan spricht fließend Deutsch, auch wenn er seinen Redetext etwas hölzern vorliest. Die deutschen Fragen der Journalisten versteht er, für die Antworten wechselt er aber doch lieber ins Englische. Doch auch dann ist er leichter zu verstehen als sein Landsmann Anshu Jain, der stets in seinem London-Boy-Investmentbanker-Sprech mit indischem Zungenschlag verharrte.

          Er spart nicht mit Kritik am Vorgänger

          Unter Cryan weht ein neuer Wind in Deutschlands größter Bank. Seit Jahren wird sie gelähmt von immer neuen Rechtsfällen und Skandalen. Hohe Strafen und versäumte Modernisierungen haben sie im internationalen Wettbewerb um Kunden und Investoren nach hinten fallen lassen. Cryan will das nun mit neuem Zuschnitt, neuem Personal und einigen harten Einschnitten zurückdrehen. Er weiß, dass es für schöne Worte zu spät ist. „Wir müssen jetzt liefern.“

          Mit Kritik an seinen Vorgängern hält er dabei nicht hinterm Berg. In den vergangenen Jahren seien viele Strategien und Ziele vorgestellt worden, die aber nicht konsequent umgesetzt wurden. Was nach außen kommuniziert wurde, habe nichts damit zu tun gehabt, wie es sich in der Bank anfühlte. Die meisten Angestellten arbeiteten jeden Tag hart dafür, gute Umsätze zu erwirtschaften, findet er. Davon werde aber zu viel Geld „für ein lausiges IT-System und die furchtbar ineffiziente Organisation“ ausgegeben. Das und die „überraschend“ hohe Strafe für die Manipulationen des Libor-Zinssatzes hätten die Moral vieler Mitarbeiter hart getroffen. Sie wieder aufzubauen und dabei selbst ein gutes Vorbild zu sein sei nun eine der wichtigsten Aufgaben. „Motivation und Moral is absolutely Kernaufgabe des Vorstands“, sagt Cryan in seiner zuweilen eigenwilligen Mischung aus Englisch und Deutsch. Moral scheint das neue Leitwort zu sein, nachdem der von Fitschen und Jain ausgerufene Kulturwandel nie so richtig zünden wollte.

          Immer wieder gibt Cryan einen erfrischend unbeteiligten Blick von außen auf die Fehler der Bank. Dabei war er selbst vor seinem Ruf in den Vorstand Mitglied des Aufsichtsrats der Bank und Leiter des Prüfungsausschusses. „Es ist ein Unterschied, ob sie für die Aufsicht und den Rat zuständig sind, als wenn sie selbst die Ärmel hochkrempeln können“, sagt er. Es ist klar, was ihm besser gefällt.

          Fitschen, der noch bis zur nächsten Hauptversammlung im Mai Ko-Vorstandsvorsitzender bleibt, spielt auf der Pressekonferenz nur noch eine Nebenrolle. Wenn er spricht, versucht er die Entscheidungen der vergangenen Jahre zu verteidigen. Es war nicht alles schlecht. Die beiden anderen neuen wichtigen Männer im Vorstand machen einen zupackenden Eindruck. Sewing muss in den nächsten Jahren 200 Filialen in Deutschland schließen, gibt sich aber sicher, dass die Privatkunden mehr als bisher von den Stärken der Deutschen Bank profitieren werden. Finanzvorstand Schenck kommt ohne allzu technische Finanzbegriffe aus. Alle duzen sich. Als Schenck mit der Präsentation der Quartalszahlen beginnt und eine neue Folie an die Wand werfen will, sagt er zu den beiden Vorsitzenden: „Jetzt muss einer mal drücken.“ Cryan nimmt den Drücker, damit das nächste Säulendiagramm gezeigt wird.

          Kein einziger öffentlicher Auftritt in den ersten 100 Tagen

          Deutschlands neuer oberster Banker gibt sich auch sonst unprätentiös. Sein Sprecher betont mehrfach, dass die Vorstände nach der Pressekonferenz „mit dem Linienflieger“ nach London weiter müssten. Die Mitarbeiter hat Cryan schon darauf eingestimmt, dass sie angesichts der ausfallenden Dividenden für die Aktionäre wohl auch weniger Boni bekommen dürften. Ob das auch für den Vorstand und ihn selbst gelte, müsse der Aufsichtsrat im Frühjahr entscheiden – und nennt sich selbst dabei den „Typen, der gerade mal sechs Monate gearbeitet hat“.

          Der große Auftritt gefällt Cryan eigentlich nicht. In den ersten 100 Tagen im neuen Amt hat er sich nicht ein Mal öffentlich blicken lassen. Zu viel zu tun, zu viele Gespräche mit den Aufsehern, sagt er – die seien für ihn Chefsache. Auch diese Pressekonferenz hätte sich Cryan gerne erspart. Noch wenige Tage vor der Veranstaltung war nur eine Telefonschalte geplant gewesen. Als er gefragt wird, warum er sich nun doch für einen persönlichen Auftritt entschieden habe, sagt er mit Blick zu seinem Noch-Kommunikationschef Thorsten Strauß: „Das war Thorstens Fehler.“ Ob der Brite das im Scherz sagt, wird nicht ganz klar.

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