08.01.2010 · Reisende haben keinen Blick für schöne Schneelandschaften, wenn sie bei Minusgraden auf Bahnhöfen vergeblich auf den Zug warten. Dass das Wetter die Bahn in diesem Winter weniger kaltlässt als sonst, ist kein Zufall. Auf winterlichem Boden zeigen sich die Tücken des Sparens eiskalt.
Von Kerstin SchwennReisende haben keinen Blick für schöne Schneelandschaften - zumindest dann nicht, wenn sie bei Minusgraden auf Bahnhöfen vergeblich auf den Zug warten und zudem nur spärlich über Verspätungen informiert werden. Viele Kunden fühlen sich vom Bundesunternehmen Bahn gerade wieder einmal schlecht bedient. Der Zugverkehr leidet unter vereisten Oberleitungen und eingefrorenen Weichen - und am Wochenende könnten, wenn die Meteorologen recht behalten, noch Schneeverwehungen hinzukommen. Der Werbeslogan aus den sechziger Jahren „Alle reden vom Wetter, wir nicht“ wird den Eisenbahnern von verhinderten Fahrgästen höhnisch vorgehalten.
Dass das Wetter die Bahn in diesem Winter weniger kaltlässt als sonst, ist kein Zufall. Das Unternehmen selbst spricht von einer fatalen Kombination aus Wetterlage und Fahrzeugengpässen. Anders als zu Behördenzeiten leistet sich die Bahn nicht mehr den Luxus einer Reserveflotte. Die teuren Züge sind auf den Gleisen unterwegs, denn ruhendes Material wäre totes Kapital.
Diese Strategie gerät aber inzwischen an eine Grenze: Seit einem ICE-Unfall 2008 in Köln und einem S-Bahn-Unfall 2009 in Berlin müssen die Züge häufiger zur Kontrolle in die Werkstatt. Im Winter steigt der Reparaturbedarf noch, Ersatzwagen sind nicht zu beschaffen - die Kunden müssen warten.
Eine Gratwanderung
Besonders die Berliner S-Bahn-Passagiere können ein Lied des Leidens singen. Mit Vorwürfen sind einige schnell bei der Hand: Der frühere Bahnchef Mehdorn habe die S-Bahn - und letztlich die gesamte Bahn - unter dem Druck des geplanten Börsengangs „kaputtgespart“. Das Versäumnis von Investitionen in den Fahrweg führe auch dazu, dass Züge schneller verschlissen und die Unfallgefahr steige.
Tatsächlich hatte für die alte Bahnführung die Wirtschaftlichkeit Vorrang. So wurde das eine oder andere Reparaturwerk zu früh geschlossen, der eine oder andere Zug zu wenig angeschafft. Auch für Mehdorns Nachfolger Grube gilt jedoch das Wirtschaftlichkeitsgebot des Grundgesetzes. Das wird immer eine Gratwanderung sein.
Auf winterlichem Boden zeigen sich allerdings die Tücken des Sparens eiskalt. Mehdorn kann von Glück sagen, dass es ihm nicht gelungen ist, mit der Deutschen Bahn bis nach London zu fahren. Sonst gingen die Züge, die im Tunnel unter dem Ärmelkanal steckenbleiben, auch auf sein Konto.
Apologetik für die Bahn ist fehl am Platz.
Ralf Becker (mfoe)
- 08.01.2010, 14:23 Uhr
Eingefrorene Züge und Passagiere
Thomas Stern (birdonawire)
- 08.01.2010, 16:33 Uhr
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