16.02.2007 · Für die gebeutelte Autostadt setzt sich mit der Chrysler-Restrukturierung die Serie von Tiefschlägen fort. Schon jetzt ist die Region von Armut und hoher Kriminalität geplagt. Roland Lindner berichtet aus Detroit.
Von Roland LindnerZumindest im Greektown-Casino in der Innenstadt von Detroit ist Chrysler noch was wert. Mildred Fuller-Broxton steckt eine 100-Dollar-Banknote in einen Spielautomaten und hofft auf den Hauptpreis, der direkt vor ihrer Nase sitzt: ein nagelneuer Chrysler 300, jene bullige Limousine, die dem amerikanischen Autohersteller vor ein paar Jahren ein großes Comeback bescherte.
Jedes Spiel kostet 25 Cent, aber ein Schild verspricht, dass jede Münze gut für den Hauptgewinn sein kann. Die Chancen scheinen aber nicht allzu groß zu sein, denn nebenan mosert eine andere Kasinobesucherin: „Dieses Auto steht schon ewig hier. Das gewinnt nie jemand.“
„Valentinstag-Massaker“
Es ist Mittwochnachmittag, wenige Stunden nachdem der Stuttgarter Daimler-Chrysler-Konzern der Autostadt Detroit und ihrer Umgebung einen neuen Tiefschlag versetzt hat. 13.000 Stellen will Chrysler in den nächsten Jahren streichen, einen Teil davon auch in der Region, kündigte das Unternehmen an seinem Hauptsitz im Vorort Auburn Hills an.
Das Programm bekommt bei Gewerkschaften und in den Medien schnell den martialischen Spitznamen „Valentinstag-Massaker“. Es ist die nächste Hiobsbotschaft für die Region. Schon die ortsansässigen Wettbewerber General Motors und Ford haben Zehntausende von Arbeitsplätzen abgebaut. Detroit ist im Zuge des Niedergangs der Autoindustrie zu einer Problemstadt geworden, geplagt von Armut und hoher Kriminalität, und mit einer desolaten Innenstadt, in der viele Gebäude brach liegen.
Geld fürs Glücksspiel haben die Leute immer
In dem riesigen Kasino scheint die Welt dennoch in Ordnung, es ist zu dieser frühen Stunde gut gefüllt. Dabei handelt es sich nicht nur um Touristen, wie Marguerite James erzählt, die einen Kaffeeservierwagen herumfährt. Die Mehrheit der Besucher komme aus der Umgebung. Das mag angesichts der wirtschaftlichen Verfassung der Region und ihrer Bewohner etwas erstaunen. „Komischerweise geben die Leute fürs Glücksspiel aber immer Geld aus – auch wenn sie es sich nicht leisten können“, meint James.
Das heißt nicht, dass die schlechten Nachrichten von Chrysler nicht wahrgenommen werden. Wen immer man im Kasino fragt: Jeder hat davon gehört, dass Chrysler wieder Tausende von Menschen nach Hause schicken will. Die Sanierungspakete der einheimischen Autokonzerne mögen zur Regelmäßigkeit geworden sein: „Aber es fällt schwer, sich daran zu gewöhnen. Es ist jedes Mal wieder furchtbar“, sagt Mildred Fuller-Broxton an ihrem Chrysler-Spielautomaten.
Schuld auf andere schieben - die Natur der Deutschen
Auch die Gewerkschaften finden an diesem Tag deutliche Worte. „Verheerend“ nannte Ron Gettelfinger, der Chef der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW), die Einschnitte von Daimler-Chrysler. „Die Verluste von Chrysler sind nicht die Schuld von UAW-Arbeitern, und trotzdem sind sie es, die unter den angekündigten Kürzungen leiden müssen.“
Gettelfinger war aber tunlichst bemüht, den deutschen Konzern nicht allzu sehr zu attackieren, schließlich hat er dort auch einen Sitz im Aufsichtsrat. Und so machte er an erster Stelle eine verfehlte Handelspolitik der Regierung verantwortlich – und wies erst danach darauf hin, dass das Unternehmen die Rückkehr in die Gewinnzone nicht ohne Einschnitte schaffen könne.
Die Lokalzeitung „Detroit News“ ließ dagegen ihrer Verbitterung freien Lauf: Kolumnist Daniel Howes klagte, sollten die Deutschen Chrysler verkaufen, würde wohl den Amerikanern die Schuld dafür gegeben. Schließlich liege es in der Natur von Deutschen, Schuld auf andere zu schieben, statt sie selbst zu akzeptieren.
„Für die heutige Zeit die falschen Autos“
In der kleinen Kneipe „Greenwich Time“, einem mehr als 50 Jahre alten Traditionslokal an einem verwahrlosten Fleckchen unweit des Greektown-Casinos, findet man auch eine Antwort auf die Schuldfrage: Chrysler habe die Misere selbst zu verantworten, meint Polizist Raymond Batts. „Die machen für die heutige Zeit einfach die falschen Autos“, sagt er und nennt sich selbst als Beispiel für jemanden, der Chrysler untreu geworden ist. „Ich habe mein Leben lang einen Chrysler gefahren, zuletzt einen Pacifica-Geländewagen. Vergangenes Jahr bin ich auf einen Honda Accord umgestiegen.“ Warum? Wegen der höheren Benzinpreise wollte er ein Auto mit niedrigerem Kraftstoffverbrauch, und der Chrysler-Händler habe hier zu wenig zu bieten gehabt.
Es gibt viele Leute wie Batts: In Amerika, traditionell das Land der großen Autos, hat sich die Nachfrage rapide in Richtung kleinerer Fahrzeuge verschoben. Für Chrysler ist das besonders schlimm, denn kein anderes Unternehmen hat seine Produktpalette bisher so stark auf große Autos wie Geländewagen, Minivans und Transporter ausgerichtet.
„Mein Job ist sicher“
Der 44 Jahre alte Batts sagt, der Wechsel zu Honda sei ihm nicht leichtgefallen. Allein schon weil sein Vater seit 42 Jahren bei Chrysler arbeitet, „und der war ganz schön böse auf mich“. Auch er selbst hätte fast einmal in der Autoindustrie angeheuert. Im Jahr 1984 habe er innerhalb einer Woche zwei Job-Angebote bekommen, eines von Chrysler und eines von der Polizeibehörde.
Er entschied sich, Polizist zu werden. Das ist nicht die bestbezahlte Arbeit. Aber im Lichte der ständigen Entlassungen bei den Detroiter Autokonzernen sagt er heute, das sei vielleicht eine gute Entscheidung gewesen. „Wenn ich mir anschaue, dass das mit der Kriminalität hier in Detroit immer schlimmer wird, dann weiß ich eines: Mein Job ist sicher.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.748,94 | +0,84% |
| FAZ-INDEX | 1.506,28 | +0,75% |
| TecDAX | 774,54 | +0,60% |
| MDAX | 10.299,30 | +0,49% |
| SDAX | 5.008,22 | +0,46% |
| REX | 421,76 | +0,17% |
| Eurostoxx 50 | 2.497,34 | +0,67% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,72 | +0,89% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.999,18 | +0,58% |
| EUR/USD | 1,3256 | +0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 118,18 $ | +0,24% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 137,74 € | −0,63% |