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Der Verkäufer als Bösewicht Alles Wichtige über Leerverkäufe

12.08.2011 ·  Die Börsenaufsicht in mehreren europäischen Ländern geht gegen sogenannte Leerverkäufe von Aktien vor. In Deutschland wurden bestimmte Leerverkäufe schon im Mai 2010 verboten. Doch solche Verbote wirken allenfalls kurzfristig.

Von Gerald Braunberger
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Was sind Leerverkäufe?

Leerverkäufe („Shorts“) sind eine seit Jahrzehnten bekannte Strategie von Großanlegern wie Banken und Hedgefonds, aus erwarteten Kursrückgängen Gewinn zu erzielen. Leerverkäufe können aber nicht nur für Spekulationen, sondern auch für Absicherungszwecke betrieben werden. Das Besondere des Leerverkaufs besteht in der Tatsache, dass Leerverkäufer im Moment des Verkaufs kein Eigentum an den von ihm verkauften Finanzprodukten besitzen. Sie verkaufen somit „leer“. Die Rechtfertigung von Leerverkäufen lautet: Da Kurse ebenso steigen wie fallen können, muss es als Anleger möglich sein, von steigenden wie von fallenden Kursen zu profitieren. Man unterscheidet zwei Arten von Leerverkäufen: Gedeckte Leerverkäufe und ungedeckte Leerverkäufe.

Was sind gedeckte Leerverkäufe?

Ein Beispiel, in dem Leerverkäufe für Spekulationen eingesetzt werden: Ein Hedgefonds sieht eine Baisse französischer Bankaktien voraus und will davon profitieren. Aber er besitzt solche Papiere nicht. Bei einem gedeckten Leerverkauf leiht sich der Hedgefonds vorübergehend französische Bankaktien bei anderen Großanlegern wie Versicherungen oder Investmentfonds, die hier für eine Gebühr vereinnahmen. Für solche Großanleger sind diese Verleihungen ein nettes Nebengeschäft. Daraufhin verkauft der Hedgefonds die geliehenen Papiere. Fällt der Kurs der Aktien deutlich, kann der Hedgefonds die Papiere zu niedrigeren Kursen zurückkaufen, wonach er sie an den Verleiher zurückgibt. Fällt wie erwartet der Aktienkurs, erzielt der Hedgefonds einen Gewinn. Steigt der Aktienkurs während des Leihgeschäfts allerdings, erleidet der Hedgefonds einen Verlust. Leerverkäufe sind somit nicht risikolos.

Was sind ungedeckte Leerverkäufe?

Ungedeckte Leerverkäufe sind die riskantere und umstrittene Version. Hier leiht sich ein Verkäufer gar nicht erst Aktien; er verkauft Aktien, die er überhaupt nicht besitzt. Das hat zur Folge, dass bei ungedeckten Leerverkäufen sehr große Mengen an Papieren verkauft werden können, was sehr große Kurseinbrüche zur Folge haben könnte. Der Verkäufer muss allerdings darauf achten, dass er die Papiere rasch genug zurückkauft, um die zuvor verkauften Papiere dem Erwerber rechtzeitig liefern zu können. Während in der Finanzbranche gedeckte Leerverkäufe einhellig als notwendiges und sinnvolles Instrument angesehen werden, gehen die Ansichten über die ungedeckten Leerverkäufe auseinander. Während sogar manche Investmentbanken ungedeckte Leerverkäufe als zu riskant betrachten, weist die Internationale Vereinigung der Derivatehändler (ISDA) darauf hin, dass es ohne Leerverkäufe keine funktionierenden Märkte für Kreditausfallderivate (CDS) auf Anleihen geben könnte.

Wie gefährlich sind Leerverkäufe?

Hierüber gehen die Ansichten bei Finanzmarktteilnehmern und der Politik weit auseinander. Die Kritiker sagen, mit Hilfe von Leerverkäufen ließen sich schwere Kursturbulenzen an den internationalen Finanzmärkten auslösen, die im Extremfall sogar die Stabilität des Banksystems gefährden oder das Wirtschaftswachstum nachhaltig belasten könnten. Außerdem könnten Leerverkäufer Kurse manipulieren, indem sie über ein Unternehmen oder ein Land nachteilige Gerüchte verbreiteten, die dann den erwünschten Kurseinbruch unterstützten. Aus der Sicht der Befürworter setzen Leerverkäufer keine Trends, sondern reagieren lediglich auf politische oder wirtschaftliche Vorgänge. Aus dieser Sicht sind nicht die Leerverkäufer verantwortlich für den starken Anstieg der Renditen griechischer Staatsanleihen im Frühjahr 2010, der internationale Hilfsprogramme für das Land zur Folge hatten. Vielmehr sei die desaströse politische und wirtschaftliche Lage Griechenlands ursächlich für das wachsende Misstrauen von Anleihekäufern, das sich dann in sehr hohen Renditen niedergeschlagen habe. Leerverkäufer hätten von diesem Trend profitiert, ihn aber nicht ausgelöst. Befürworter von Leerverkäufen verweisen zudem auf das Argument, dass Leerverkäufer Liquidität in Märkte brächten und damit eher kursdämpfend als kursverstärkend wirken.

Wo sitzen die Leerverkäufer?

Dort, wo die meisten Hedgefonds sitzen: In den Vereinigten Staaten und in London. Nach Ansicht von Branchenkennern wird der größte Teil dieser Geschäfte in New York getätigt. Daraus folgt, dass Verbote von Leerverkäufen alleine in Kontinentaleuropa nur einen begrenzten Einfluss auf den Markt haben. Zu bedenken ist auch, dass Großanleger Aktiengeschäfte keineswegs über offizielle Börsen abwickeln müssen, da für sie spezielle elektronische Handelsplattformen existieren.

Wie wichtig sind Leerverkäufe?

Es existieren keine genauen Daten über die Bedeutung von Leerverkäufen an den einzelnen Finanzmärkten. Das hängt damit zusammen, dass man bei einem normalen Geschäft an einem Kapitalmarkt nicht sieht, ob der Verkäufer aus eigenem Bestand, aus dem Bestand von Kunden oder leer verkauft. Die Deutsche Bank gelangte vor rund einem Jahr in einer Studie zu der Schätzung, dass am amerikanischen Aktienmarkt in normalen Zeiten bis zu 10 Prozent der Umsätze auf ungedeckte Leergeschäfte zurückzuführen seien. In Krisenzeiten kann dieser Anteil aber deutlich höher werden. Der starke Kursverfall der Aktie von Lehman Brothers im Sommer 2008 wurde nach Angaben amerikanischer Marktteilnehmer durch umfangreiche Leerverkäufe befördert. Der Mangel an Zahlen befördert Spekulationen: So wurde der jüngste Kurseinbruch französischer Bankaktien, und hier besonders der Aktie der Société Générale, unter anderem mit massiven Leerverkäufen begründet. Es fanden sich auch Stimmen von Marktteilnehmern, die diese Ansicht teilten. Aus großen Banken wiederum, zu deren Kunden Hedgefonds gehören, war eher zu vernehmen, die Hedgefonds hielten derzeit eher Bankaktien mit Blick auf längerfristige Kursgewinne, als dass sie in diesen tagen Bankaktien massiv verkauft hätten. Vielmehr hätten sich eher Investmentfonds unter den Verkäufern von Bankaktien gefunden. Genau überprüfbar sind diese Angaben aber nicht.

Wirken Verbote von Leerverkäufen?

Nach aller Erfahrungen können solche Verbote kurzfristig wirken; ob sie langfristig Wirkung zeigen, erscheint eher zweifelhaft. Als in den Turbulenzen des Jahres 2008 in vielen Industrienationen Leerverkaufsverbote für Aktien von Banken und Versicherungen verhängt wurden, stabilisierte dies den Markt nur kurzfristig. Schon nach kurzer Zeit setzten sich die Kursverluste der Bankaktien fort. Außerdem können Baissespekulanten versuchen, solchen Verboten auszuweichen. Man kann entweder im selben Markt bleiben, aber den Ort wechseln: Wer bisher in Paris französische Bankaktien leerverkaufte, kann dies nun immer noch in New York tun. Oder der Spekulant wechselt den Markt: Anstelle des Marktes für französische Bankaktien könnte er sich am Markt für Kreditausfallderivate (CDS) auf französische Staatsanleihen betätigen. Die Wirkung von Leerverkaufsverboten dürfte eher eine psychologische sein: Politiker wollen damit ihren Wählern verdeutlichen, dass sie gegen die Macht von Finanzmärkten vorgehen, die viele Menschen längst als von unzuverlässigen Gestalten bevölkerte Kasinos wahrnehmen.

Wie verhält sich Deutschland?

Deutschland hatte sich in den turbulenten Monaten des Jahres 2008 mit vielen anderen Ländern am vorübergehenden Verbot von Leerverkäufen von Bank- und Versicherungsaktien beteiligt. Nach Ausbruch der Staatsschuldenkrise verhängte die deutsche Finanzaufsicht (Bafin) im Mai 2010 im Alleingang und überraschend ein Verbot von Leerverkäufen auf deutsche Aktien von Finanzunternehmen, Euro-Staatsanleihen sowie CDS auf Euro-Staatsanleihen (siehe Aufsicht verbietet bestimmte ungedeckte Leerverkäufe). Dieses bis heute gültige Verbot bezieht sich allerdings nur auf ungedeckte, nicht auf gedeckte Leerverkäufe. Ungedeckte Leerverkäufe werden zum Beispiel von großen Banken betrieben, die im Markt für Bundesanleihen als „Marktmacher“ stets Präsenz zeigen und den Markt damit liquide halten. Wegen ihrer wichtigen Funktion wurden diese Marktmacher vom Leerverkaufsverbot ausgenommen. Da ungedeckte Leerverkäufe an den Finanzmärkten in Deutschland ansonsten keine bedeutende Rolle spielen, ist die praktische Bedeutung dieser Regulierung begrenzt geblieben

Können Privatanleger leer verkaufen?

In der Regel nicht. Es gibt nur sehr wenige Banken, die einen solchen Service bieten, und dies auch nur für „Profi-Anleger“. Allerdings bieten sich auch Privatanleger Möglichkeiten, auf Baisse zu spekulieren, wobei die Risiken solcher Anlagestrategien immer gut bedacht sein müssen. Baissespekulationen lassen sich zum Beispiel mit Verkaufsoptionen („Puts“) bewerkstelligen. Noch nicht sehr verbreitet sind in Deutschland sogenannte „Short-ETFs“: Das börsengehandelte Indexfonds, deren Wert steigt, wenn die Kurse fallen.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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