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Der Thyssen-Aufsichtsrat Alles gefragt, nichts gewusst

Der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp ist „sehr betroffen“ über das Desaster in Brasilien und in Alabama. Ob die Schuld aber wirklich nur die anderen haben?

© dapd Vergrößern Thyssen-Krupp muss einen Rekordverlust von 5 Milliarden Euro verkraften

Es ist eine Katastrophe, und sie wird für den traditionsreichen Stahl- und Industriekonzern Thyssen-Krupp in Essen zur Existenzfrage. Die Entscheidung, neue Stahlwerke in Brasilien und den Vereinigten Staaten zu bauen, noch mehr aber die viel zu späten Reaktionen auf eine erkennbar furchtbare Entwicklung in den beiden Ländern führen zu immer neuen Milliardenabschreibungen. Die Werke stehen zum Verkauf, und der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger kennt nur noch eine Devise: raus aus Nord- und Südamerika.

Das Scheitern der beiden Großprojekte in der Nähe von Rio de Janeiro und im amerikanischen Bundesstaat Alabama steht damit beispielhaft für die Gefahren der Globalisierung und dafür, was passieren kann, wenn ein Unternehmen mit einer muffigen, überkommenen, auf Angst und falschen Loyalitäten aufbauenden Führungskultur sich in die weite Welt begibt. Zwei Vorstandsmitglieder hat das Desaster inzwischen das Amt gekostet, ein früherer Vorstandsvorsitzender, den man zuvor gar nicht lange genug im Amt halten konnte, wurde öffentlich desavouiert - und nun versucht sich der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme zu retten. Er übernehme Verantwortung für das, was er zu verantworten habe, heißt es aus seinem Umfeld - und das ist nach seiner Meinung nicht sehr viel.

Kratzer am Lack von Gerhard Cromme © dapd Vergrößern Gerhard Cromme

Das belegen die Ausführungen des Aufsichtsrats zu den Themen rund um den Konzernzweig „Steel Americas“, die dem soeben erschienenen Geschäftsbericht beigefügt sind. Darin heißt es unter anderem, das Kontrollgremium sei von der negativen Entwicklung „sehr betroffen“. Deshalb habe man sich im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung am 20. November gemeinsam mit zwei externen Beratern - Axel von Werder von der Technischen Universität Berlin und Ralph Wollburg, Partner der Sozietät Linklaters - noch einmal umfassend mit der Behandlung der Projekte durch den Aufsichtsrat in den Jahren 2005 bis 2012 befasst. Insbesondere, so heißt es dort, hätten sich „jedes einzelne Mitglied des Aufsichtsrats sowie der Aufsichtsrat als Gesamtgremium“ kritisch mit der Frage auseinandergesetzt, ob er seiner Überwachungsverantwortung gegenüber dem Vorstand nachgekommen sei. Die Antwort ist: Ja.

Zum einen habe sich das gesamtwirtschaftlich Umfeld für die Investitionen ebenso wie die Situation des Konzerns im November 2005 und im Mai 2007 völlig anders als heute dargestellt. Damals hatte der Aufsichtsrat das CSA-Hütten-Bauprojekt in Brasilien, beziehungsweise den Bau des Weiterverarbeitungswerks in Alabama beschlossen. Dem zunächst bewilligten Investitionsbudget in Höhe von rund 1,9 Milliarden Euro für Brasilien, das später auf rund 3 Milliarden Euro erhöht wurde, habe ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen des Konzerns von 3,8 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2004/05 und von 4,7 Milliarden Euro im folgenden Geschäftsjahr gegenübergestanden. Übersetzt heißt das, dass sich die Brasilien-Investition im finanziell vertretbaren Rahmen bewegt haben soll. Mit ihrer Nähe zu den Rohstoffen, den günstigeren Erzpreisen sowie den niedrigen Lohnkosten in Brasilien habe Thyssen-Krupp die Kostenführerschaft für die Herstellung von Brammen angestrebt. Die damalige Entscheidung zur Realisierung der Steel-Americas-Projekte sei unter diesen Prämissen auch aus heutigem Blickwinkel nachvollziehbar, lässt sich der Aufsichtsrat um Cromme von den Beratern bescheinigen.

ThyssenKrupp Stahlwerk bei Rio de Janeiro © dpa Vergrößern Die Sinteranlage des Hüttenwerkes von Thyssen-Krupp an der Bucht von Sepetiba bei Rio de Janeiro

Wo liegen also die Schwierigkeiten? Insgesamt hätten sich drei wesentliche Problemkomplexe herauskristallisiert, wird eingeräumt: das mangelhafte Projektmanagement, die zu optimistische Interpretation der damaligen makroökonomischen Lage und - letztlich entscheidend - die fundamentale Veränderung der makroökonomischen Situation (und eben nicht das Missmanagement von Thyssen-Krupp).

Das mangelhafte Projektmanagement sei für den Aufsichtsrat erstmals im Mai 2008 erkennbar gewesen, als der Vorstand „völlig überraschend“ über wesentliche Schwierigkeiten im Projektverlauf und Überschreitungen im Investitionsbudget berichtetet habe. Auf die Managementfehler habe man mit „personellen Anpassungen“ reagiert, die zum Ausscheiden von zwei Vorstandsmitgliedern im Frühjahr 2009 führten.

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