http://www.faz.net/-gqe-8vzzp

Einzelhandel : Die Innenstädte müssen attraktiver werden

LP12-Mall in Berlin: Sind die großen Konsumtempel wirklich die richtige Waffe gegen das Sterben der Innenstädte? Bild: AFP

Immer mehr Menschen bleiben den Innenstädten fern. Eingekauft wird von zuhause aus. Das ist oftmals einfacher und billiger. Leipzig und Hilden machen vor, wie der Trend umgekehrt werden kann.

          Seit weit mehr als zweitausend Jahren gehören Stadt und Handel eng zusammen, treffen sich Menschen auf Märkten, um ihre Einkäufe zu erledigen, Geschäfte zu machen und Erlebnisse zu teilen. Soll eine Innenstadt lebendig, attraktiv und sicher bleiben, braucht sie intakte Handelsstrukturen. Wandern mehr und mehr Geschäfte auf virtuelle Marktplätze ab, droht der realen Welt der Bedeutungsverlust.

          Zwar freut sich die Einzelhandelsbranche seit geraumer Zeit über eine gute Konsumlaune. Bei näherem Hinsehen ist es aber im Wesentlichen der Online-Handel, der das Wachstum treibt und von den Mehrumsätzen profitiert. Traditionellen Standorten in den Innenstädten macht dieser Boom hingegen mehr und mehr zu schaffen. Denn während der Branchenverband HDE in diesem Jahr für die gesamte Branche ein Plus von nominal 2 Prozent voraussagt, sieht er allein für den Online-Handel ein Wachstum von elf Prozent. Über alle Branchen hinweg kommt der Online-Handel bald auf einen Umsatzanteil von rund 10 Prozent.

          Die Leerstände nehmen zu

          Zwar verwischen die Grenzen zwischen on- und offline zunehmend, versuchen sich klassische Händler ebenso im Netz, wie Internetspezialisten mit der Eröffnung von Ladengeschäften experimentieren. Dass sich an normalen Werktagen weniger Menschen in den Fußgängerzonen und Läden tummeln, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war, ist inzwischen aber nicht mehr zu übersehen.

          Und das gilt längst nicht mehr nur für kleine oder mittlere Orte. Längst stehen auch größere Städte mit ihren Innenstadtlagen unter Druck. Gewisse Leerstände gab es immer, vor allem in unattraktiven Randlagen. Verwaiste Ladenlokale und Vermietungsschilder fallen aber inzwischen sogar auf vermeintlich glamourösen Flaniermeilen wie der Düsseldorfer Königsallee auf.

          Der tiefgreifende Umbruch, der sich derzeit in der Einzelhandelsbranche vollzieht, lässt sich nicht zuletzt an den zahlreichen aktuellen Schieflagen ablesen. Denn ungeachtet der angeblich rauschenden Kauflust streichen derzeit ungewöhnlich viele namhafte Unternehmen die Segel oder sehen sich zu tiefgreifenden Korrekturen gezwungen: von Butlers über Strauss, Wöhrl, Pohland, Sinn-Leffers, Tom Tailor, Esprit bis hin zu Gerry Weber, um einige bekanntere Beispiele zu nennen. Mehr im Stillen vollzieht sich daneben ein Geschäftesterben bei Einzelkämpfern oder kleineren mittelständischen Familienbetrieben.

          „Online“ ist nicht der alleinige Schuldige

          Es wäre zu einfach, die Ursachen solchen Scheiterns allein auf den Siegeszug des Online-Handels und die veränderten Einkaufsgewohnheiten zu schieben. Gerade bei den jüngsten Sanierungsfällen kommen Managementfehler hinzu, sei es eine viel zu schnelle Expansion mit immer neuen Läden, das Überschütten des Marktes mit viel zu viel Ware oder die zunehmende Beliebigkeit der Sortimente. Gleichwohl halten es immer mehr Verbraucher für bequemer, per Mausklick einzukaufen, selbst wenn anschließend ein Teil der bestellten Ware zum Umtausch in die nächste Poststelle zurückgeschleppt werden muss. Gehen die Frequenzen in den Läden erst zurück und ist auch Schaufensterbummeln nicht mehr angesagt, stehen stationäre Händler vor einem zusätzlichen Dilemma. Denn es fehlen ihnen auch jene Spontan- und Impulskäufe, die gerade im Modehandel, aber auch bei Krimskramsläden à la Butlers eine große Rolle spielen.

          Sieht man vermehrt in Deutschlands Straßen: DHL-Lieferanten. Der Versandhandel profitiert vom „Online-Boom“.
          Sieht man vermehrt in Deutschlands Straßen: DHL-Lieferanten. Der Versandhandel profitiert vom „Online-Boom“. : Bild: Reuters

          Gerade für die Innenstädte gelten Mode und Textilien als besonders wichtige Ankersortimente. Ausgerechnet in diesem Segment ist der Online-Anteil mit rund 20 Prozent besonders hoch. Schafft es beispielsweise ein typischer Platzhirschanbieter nicht mehr, im Wettbewerb zu bestehen, so kann die Schließung eines solchen Hauses beträchtliche Folgen auch für die umliegenden Geschäfte haben. Nicht selten gerät die gesamte Nachbarschaft in den Strudel der Verödung. Wird immer weniger geboten, besteht immer weniger Grund für einen Besuch des Einkaufsquartiers.

          Büßen Innenstädte und Stadtteilzentren zunehmend an Vitalität und Attraktivität ein, werden unterschiedlichste Interessensgruppen das Nachsehen haben. Seien es die Anwohner, die in ihrer Nachbarschaft nur noch ein begrenztes Warenangebot vorfinden und deren Wohnumfeld sich durch hässliche Leerstände verschlechtert, oder seien es die Immobilienbesitzer, die Einnahmen und Renditen in den Wind schreiben können.

          Ambiente und Flair: Leipzig ist ein Trendsetter

          Nicht nur der Einzelhandel ist aufgerufen, Konzepte gegen den drohenden Bedeutungsverlust zu entwickeln und für mehr Erlebnis in Läden und Fußgängerzonen zu sorgen. Preiswerteres Parken, eine bessere Erreichbarkeit, gleich ob mit dem Auto, dem Fahrrad oder dem Bus, sind den Innenstadtpassanten genauso wichtig wie Freizeitangebote, die Einrichtung von freiem W-Lan oder Fragen von Sicherheit und Sauberkeit. Hier stehen die Kommunen in der Verantwortung. Der Bau von Outlet-Centern in der Nachbarschaft von ohnehin schon mit Problemen kämpfenden Innenstädten ist ebenso kontraproduktiv wie die Klagewut der Gewerkschaft Verdi gegen verkaufsoffene Sonntage. Ambiente und Flair sind die wichtigsten Argumente, wenn es um die Attraktivität von Einkaufsstädten geht, hat jüngst eine Umfrage ergeben. Als Musterbeispiele wurden Leipzig oder das rheinische Städtchen Hilden genannt. Ein Trip dorthin sollte sich für viele lohnen.

          Brigitte  Koch

          Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Der Supermarkt für gerettete Lebensmittel Video-Seite öffnen

          Berliner Start-up : Der Supermarkt für gerettete Lebensmittel

          20 Millionen Tonnen Lebensmitteln landen in Deutschland jährlich in der Mülltonne. Sie entsprechen nicht der Handelsnorm oder dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Umweltaktivist Raphael Fellmer hat einen Supermarkt für abgelaufene Lebensmittel eröffnet.

          Mexiko-Stadt in Trümmern Video-Seite öffnen

          Nach Erdbeben : Mexiko-Stadt in Trümmern

          Ein Erdbeben der Stärke 7,1 hat Mexiko erschüttert. Es starben mindestens 220 Menschen. Millionen Haushalte waren ohne Strom, dutzende Gebäude wurden beschädigt oder zerstört.

          Topmeldungen

          Sorge um Iran-Atomabkommen : „Große Konflikte und Gefahren“

          Weil die Amerikaner als einzige nicht zufrieden sind, könnte das Iran-Abkommen „zerstört“ werden, warnt Außenminister Sigmar Gabriel. Angesichts der Atomkrise mit Nordkorea brauche man keine weitere, hieß es nach einer Sechserrunde in New York.
          Janet Yellen ist die Chefin der amerikanischen Notenbank Federal Reserve

          Historische Wende : Fed dreht den Geldhahn langsam zu

          Die Federal Reserve gibt den Einstieg in den Austieg bekannt. Die Stimulierung der Märkte soll nach und nach zurückgefahren werden. Es geht um Anleihen im Wert von knapp 4,5 Billionen Dollar.
          Sprachkenntnisse lassen sich im Aus- oder im Inland erwerben. Was ist sinnvoller?

          Nachzug von Ehepartnern : Viele scheitern am Deutschtest im Ausland

          Viele Ausländer, die zu ihrem Ehepartner nach Deutschland ziehen wollen, müssen Deutschkenntnisse nachweisen – und zwar schon vor der Einreise. Kritiker finden das unsinnig. Für Flüchtlinge gilt die Regel ohnehin nicht.
          Abu Walaa, der als einer der einflussreichsten Prediger der deutschen Salafisten-Szene galt, auf einem Video-Screenshot.

          Terror-Prozess in Celle : Wichtiger Zeuge kann wohl nicht aussagen

          Beim Verfahren gegen eine mutmaßliche Führungsfigur des „Islamischen Staats“ in Deutschland wird ein Zeuge offenbar fehlen: Für einen V-Mann, der Abu Walaa und die Salafistenszene ausspioniert hatte, soll eine Aussage zu gefährlich sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.